Präsidentschaftswahlen Nicht mit Iwan

Um seine Wiederwahl am Sonntag muss sich Waldimir Putin keine Sorgen machen. Vor allem in der russischen Provinz stehen sie hinter dem Präsidenten, auch die Jüngeren. Ein 19-Jähriger aber lehnt sich auf.

SLV Life - Nowosti Salawat

Aus Salawat und Ufa berichtet


Natürlich wählt sie Wladimir Putin, wen denn sonst? Swetlana Nasmetdinowa, 20 Jahre, trägt den Kremlchef sogar bei sich - als Porträt mit sehr blauen Augen auf ihrem Pullover.

"Wenn es Putin nicht gäbe, dann wäre Russland nicht Russland. Er hat unser Land entwickelt", sagt die Studentin. "Putin wird auf der Weltbühne respektiert." Es klingt stolz.

Iwan Urenjow, 19 Jahre, geht am Sonntag nicht wählen. Warum auch, fragt der angehende Grafikdesigner. "Es ist eh alles abgekartet." Putin stehe längst als Sieger fest. Umfragen sehen den Präsidenten bei 69 Prozent. Damit wird er sechs weitere Jahre Russland regieren. Sechs Jahre, in denen sich der Präsident und die Machtelite weiter bedienen können, sagt Iwan. "Putin ist ein Bandit, er führt das Land wie ein Syndikat. Es ist aber unser Land."

SPIEGEL ONLINE

Iwan und Swetlana kennen Russland nur mit Putin an der Spitze. So ist es nun schon seit 18 Jahren. Russland und sein Präsident scheinen zu einer Einheit verschmolzen zu sein: Putin ist Russland. Auf den wenigen Wahlplakaten in Salawat ist sein Porträt zu sehen, daneben steht geschrieben: Salawat für ein starkes Russland.

Salawat ist die Heimatstadt von Iwan und Swetlana. Sie liegt in Baschkortostan, einer Teilrepublik im Süden des Urals am südlichen Rand Russlands, sie ist zweimal so groß wie Bayern.

Hier steht laut der offiziellen Statistik die Mehrheit hinter Putin. 75,3 Prozent für Putin meldeten die Behörden bei der Präsidentschaftswahl 2012 nach Moskau, 76,3 Prozent hatten demnach abgestimmt. Eine Studie des Moskauer Carnegie-Center von 2013 stufte Baschkortostan als eine von zehn Regionen in Russland ein, "mit der höchsten Rate für 'eine spezielle Kultur' der Wahlen, einem autoritären Regierungssystem und/oder Fälschungen". Der Oppositionelle Alexej Nawalny nennt Baschkortostan eine der "Hauptregionen für Fälschungen", in der die Behörden 30 bis 40 Prozent der Stimmen regelmäßig manipulieren würden.

70 Prozent Wahlergebnis bei 70 Prozent Wahlbeteiligung - das ist die Zielmarke, die der Kreml für Sonntag ausgegeben hat. Putin soll mit einem überzeugenden Ergebnis aus der Abstimmung gehen, es soll bloß nicht der Eindruck entstehen, dass keiner wählen ginge, weil alles klar ist.

An staatlichen Universitäten in Baschkortostan wurde bereits einiges für die Wahlbeteiligung getan. Einträge in sozialen Medien und Videos zeigen, wie Studenten unter Druck gesetzt wurden, sich nicht im Wahllokal ihres Wohnortes, sondern im dem ihrer Universität oder Wohnheimes zu registrieren.

Gazprom in Salawat
SPIEGEL ONLINE

Gazprom in Salawat

Baschkortostan ist aber nicht nur eine der Stützen von Putins Machtsystem, es ist auch eine wichtige Wirtschaftsregion, reich an Erdöl und petrochemischer Industrie.

Salawat ist so ein Industriestandort, eine Monostadt gegründet für "das Kombinat", wie die Bewohner den größten Betrieb "Gazprom Neftechim Salawat" nennen. Das Gazprom-Blau dominiert das Stadtbild, Zeitungen des Staatskonzerns liegen im Rathaus aus.

Schaut man sich die Stadt mit ihren mehr als 150.000 Einwohnern auf der Karte an, sieht man ein rechtwinkliges Straßengebilde, an das im Nordwesten das mehr als doppelt so große Industriegebiet grenzt. Gazprom produziert hier Treibstoffe, auch für Raketen. 16.000 Mitarbeiter sind hier und in den Tochterfirmen beschäftigt. Rauchwolken steigen aus den Schornsteinen, überschüssiges Gas wird abgefackelt.

In der Luft hängt der Geruch von Öl. Manchmal färbe sich die Luft blau, wenn Abluft von einem der Betriebe abgelassen werde, erzählen die Menschen. Besuchen darf man Gazprom nicht, der Generaldirektor sei im Urlaub, sagt eine Sprecherin.

Iwan und seine Mutter
SPIEGEL ONLINE

Iwan und seine Mutter

Nadeschda Urenjowa ist 33 Jahre lang ins Kombinat gefahren. Fotos im Wohnzimmer der 56-Jährigen zeigen sie in blauer Werkskleidung. Sie hat als Maschinenwärterin im Schichtdienst gearbeitet, jetzt bekommt sie um die 240 Euro Monatsrente.

"Ich habe mit ihm geschimpft", sagt Urenjowa und schaut zu ihrem Sohn Iwan auf dem Sofa rüber. "Bei uns geht keiner auf Demonstrationen. Schon gar nicht allein, die sind da nur zu zweit hin." Nicht, dass sie für Putin wäre. "Aber was können die schon zu zweit ausrichten?" Iwan schweigt.

Es ist der 26. März 2017: An diesem Tag protestieren Zehntausende gegen die Korruption im Land und folgen damit Nawalnys Aufruf. Er wird später wegen einer Vorstrafe in einem fragwürdigen Verfahren nicht zur Wahl zugelassen.

In Salawat nimmt Iwan, ein blasser junger Mann mit blonden Haaren, sein Plakat und stellt sich vor das Rathaus. Dieb, klaue nicht, hat er darauf geschrieben, eine Anspielung auf die Selbstbereicherung der Oberen. In einigen Metern Abstand, wie es das Gesetz vorsieht, das zumindest Einzelproteste erlaubt, steht sein Freund Wladislaw Okolzin.

Protest in Salawat
Artjom Achmetsjanow

Protest in Salawat

Die Polizei will die beiden festnehmen. Salawat sei eine kleine Stadt, jeder kenne die zwei, sie seien doch viel auf der Straße unterwegs, sagt ein Beamter. Eine Drohung. Die beiden dürfen schließlich gehen.

Wenig später bekommt Iwan in seinem Berufskolleg Besuch von einem Polizisten, er zeigt Iwan Fotos und Akteneinträge. Wladislaws Chef bei Gazprom erhält einen Brief von der Polizei. "Die wollen uns einschüchtern. Wir haben nichts Verbotenes getan", sagt Iwan ruhig, er spricht leise. "Ich habe keine Angst."

Vertrauensfrau Ruschanna Babitsch
Pressedienst des Stabes W. Putin in Ufa/ Yrowikow

Vertrauensfrau Ruschanna Babitsch

Sehr junge Leute seien auf die Straße gegangen, "von denen die meisten nichts vom Leben und der Politik verstehen", findet Ruschanna Babitsch. Die 42-jährige Schauspielerin am Jungen Theater in der Republikhauptstadt Ufa ist eine von vier Vertrauensleuten von Putin in der Region. Sie reisen durchs Land, machen zumindest etwas Wahlkampf, aus dem sich Putin weitgehend heraushält, nicht einmal bei einer der TV-Debatten tritt er auf.

"Putin gibt uns Stabilität", sagt Babitsch. Die Menschen in der Provinz erinnerten sich an die Neunzigerjahre, als die Sowjetunion zusammenbrach. "Wir hatten nur Lebensmittelmarken, Gehälter wurden nicht ausgezahlt, Pensionäre erhielten keine Renten", sagt die Schauspielerin. "Jetzt ist alles stabil, es wird alles gut mit Putin." Auch in Salawat betonen viele dieses Gefühl der Sicherheit, vor allem die Älteren. Putin ist populär, er gilt als kluger Präsident, der Russland wieder auf die Beine verholfen hat.

Iwan sieht durchaus, dass sich Russland unter Putin verändert hat. Nur sieht er auch, dass die Realeinkommen weiter schrumpfen, die Armut im Land zunimmt, die Meinungsfreiheit beschnitten ist. In Salawat wird viel getrunken, es gibt an jeder Ecke Läden, in denen man sich Bier in Flaschen abzapfen kann. Junge Menschen verlassen die Stadt, um nach Ufa, Moskau oder Sankt Petersburg zu gehen.

Iwan würde gern einiges ändern im Land, doch damit rüttelt er an Putins Machtsystem, das vom Kreml weit bis in die Städte reicht. In Salawat ist Farit Gilmanow der Vertreter der Macht, ein 42 Jahre alter Brandschutzfachmann, ein Technokrat, den kaum einer zu Gesicht bekommt. Anfragen für ein Interview mit dem Bürgermeister lässt seine Sprecherin ins Leere laufen. Die Stellvertreter seien bis 20. März im Urlaub. Schließlich verspricht sie Fragen schriftlich zu beantworten, was sie aber nie tun wird.

SPIEGEL ONLINE

Im Büro der Regierungspartei Einiges Russland erklärt man stolz, dass fast jeder in der Stadt Mitglied in der Partei sei, ein Treffen sei kein Problem. Ein Tag später ist es ein Problem: Man habe mit dem Wahlkampf nichts zu tun, Putin sei ein unabhängiger Kandidat. Offiziell ist er das, nur: Einiges Russland unterstützt ihn. Was allein daran zu erkennen ist, dass der Putin-Stab in Ufa im Gebäude der Partei untergebracht ist.

Auch hier wiegelt man Anfragen ab. Erst als der SPIEGEL den Stab besucht, wird das Interview mit Putins Vertrauensfrau organisiert - vom Leiter der staatlichen Nachrichtenagentur Baschinform, der die Pressearbeit des Putin-Stabs koordiniert.

Iwan kennt dieses Mauern. Er wollte mit anderen ein Training für Wahlbeobachtung im Wirtschaftszentrum von Salawat durchführen. Nawalny hat zu einem Boykott der Wahlen aufgerufen. "Sabastowka", Streik nennt er das, seine Anhänger wollen zwar nicht wählen, aber die Behörden bei der Abstimmung beobachten. Obwohl ein Vertrag bereits unterzeichnet, die Miete bezahlt war, sagte der Leiter Iwan kurz vorher ab. Der habe Druck aus der Stadtverwaltung bekommen, sagt der junge Mann. In letzter Minute fand er noch ein Restaurant, wo sie sich treffen konnten.

Als Iwan sich kurz vor dem 18. März mit Wahlbeobachtern im Café des Kinos trifft, nimmt ihn die Polizei fest: Er habe gegen das Gesetz verstoßen, sagen sie, suchen in den Taschen nach angeblichen Drogen und Bomben. Beamte fahren zu ihm nach Hause, kontrollieren sein Zimmer. Acht Stunden halten sie ihn auf der Wache fest, nehmen ein Protokoll wegen unrechtmäßiger Wahlwerbung auf. Iwan wartet nun auf die Gerichtsentscheidung. Auch aus anderen Teilen Russlands werden Festnahmen von Nawalny-Anhängern gemeldet, die Menschenrechtsorganisation Amnesty spricht von einem "Klima der Unterdrückung".

Er hat viele Fragen: Wieso können die Bürger in Salawat ihren Bürgermeister nicht wählen? Wieso wird der vom Stadtrat eingesetzt, in dem Einiges Russland die Mehrheit hat? Wieso kann ein Verwandter des Bürgermeisters vergünstigt an Grundstücke kommen, ohne dass das Konsequenzen hat? Warum investiert Gazprom nicht mehr in die Stadt wie unter dem alten Direktor, der aus Salawat stammt?

Die Liste der Fragen wird immer länger, wenn man mit Iwan durch seine Stadt geht, vorbei an grauen Plattenbauten, an deren Balkone lilafarbene und gelbe Wellbleche geschraubt wurden. Für die Jugend ist wenig Platz in Salawat. "Entweder wir gehen spazieren, zum Sport oder in ein Café, aber das ist auf Dauer teuer."

Swetlana Nasmetdinowa
SPIEGEL ONLINE

Swetlana Nasmetdinowa

Bei Dodo Pizza, einem SB-Restaurant im Untergeschoss eines kleinen Einkaufszentrums, treffen sich alle: Putin-Gegner wie Unterstützer. Die Pizza gibt es ab fünf Euro, viele junge Leute sitzen nur, laden ihre Handys auf.

Swetlana Nasmetdinowa, die Putin-Unterstützerin mit dem Pullover des Präsidenten, redet schnell. Darüber, wie stolz ihre Eltern seien, dass sie sich engagiere. Darüber, dass sie seit einem dreiviertel Jahr Mitglied in der Jungen Garde ist, der Jugendorganisation der Regierungspartei. "Ich will meiner Heimat helfen", sagt die Studentin für Automatisierung von Wirtschaftsprozessen an der staatlichen Öltechnik-Universität. "Viele Menschen sind hier so grau, so matt. Aber wir handeln. Das gibt mir Energie." Swetlana, kurze braune Haare, große Brille mit schwarzem Gestell, würde gern einen Jugendtreff schaffen, damit die jungen Leute nicht auf der Straße "herumlungern". Später will die 20-Jährige ein eigenes IT-Unternehmen gründen.

Sie ist gut informiert, liest auch oppositionelle Medien. Sie verstehe nicht, was Politiker wie Nawalny wollten, "die kritisieren doch nur". Auch wenn "nicht alles ideal", die Freiheit in Russland "etwas eingeschränkt" sei - sie steht hinter Putin. Er ist beliebt bei den Jungen, nach einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums unterstützen 86 Prozent der 18- bis 24-Jährigen den Staatschef.

"Putin tut viel für Russland, er ist sehr aktiv", sagt Swetlana. "Er ist unser Vorbild."

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaya; Katharina Lindt

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.