Militärische Muskelspiele Putin weitet "Sapad"-Manöver an Nato-Ostgrenze aus

Russland provoziert den Westen. Nach SPIEGEL-Informationen kündigte ein Gesandter von Präsident Putin an, ab sofort alle zwei Jahre ein Großmanöver direkt an der Nato-Grenze abzuhalten.

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Russland will nach SPIEGEL-Informationen die großen "Sapad"-Militärmanöver an der Nato-Ostgrenze deutlich ausweiten. Statt wie bisher alle vier Jahre sollen alle Teilstreitkräfte des russischen Militärs mit bis zu 100.000 Mann, Hunderten Panzern und Kampfjets ab sofort alle zwei Jahre eine Großübung mit Weißrussland wie im vergangenen September abhalten.

Der Vorstoß Russland kam überraschend: Bei einem vertraulichen Briefing für Militärs und Diplomaten am 19. September in Berlin hatte man eigentlich Informationen zu dem gerade abgeschlossenen "Sapad 2017"-Manöver erwartet. Stattdessen aber kündigte der russische Militärattaché an, die umstrittenen Großmanöver häufiger als bisher abhalten zu wollen.

Zuletzt hatte das russische Militär alle vier Jahre mit Weißrussland eine Großübung an der Nato-Grenze abgehalten, in den anderen Jahren übte man in den Militärbezirken im Osten, Süden und Norden Russlands. Die Veränderung des Takts zeigt, dass der Westen - auf Russisch "Sapad" - für Moskau das Gebiet mit der größten Bedrohung darstellt.

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Großmanöver "Sapad": Russland übt jetzt öfter

Beim letzten "Sapad"-Manöver im September spielte Moskau leicht provokant eine Invasion des westlichen Bündnisses auf den engen Verbündeten Russland und eine entschlossene Abwehr durch das russische Militär durch. Offiziell waren dabei etwas mehr als 12.700 Soldaten im Einsatz - einige Hundert Soldaten unterhalb der Grenze, ab der eine Einladung westlicher Beobachter zwingend gewesen wäre.

Die Nato bezweifelt diese Zahlen. Im Hauptquartier in Brüssel liegt den Militärs eine geheime Analyse des Manövers vor. Demnach waren durch Vorübungen für das Manöver in anderen Gebieten in Westrussland statt 12.700 mindestens 60.000 Soldaten beteiligt. Das Papier stützt sich vor allem auf ziemlich genaue Satellitenbilder, die teilweise auch von der Bundeswehr kamen.

Laut der Nato-Analyse war die Übung in Weißrussland nur der Kern eines viel größeren Manövers. Tatsächlich, heißt es bei der Nato, habe man von der ukrainisch-russischen Grenze im Süden über 2000 Kilometer bis zur Kola-Halbinsel am Nordpolarkreis Übungen ausgemacht, die zu "Sapad 2017" gehörten.

Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass Russland mit der aktuellen Übung bewiesen hat, dass man entlang der gesamten Grenze zum Nato-Gebiet mit allen Truppenteilen der Land-, Luft- und Seestreitkräften gleichzeitig agieren kann. Bei der letzten Übung im Jahr 2013 indes gab es noch Probleme bei der Kommandoführung.

Russland hat die Schätzungen der Nato als Propaganda zurückgewiesen. Stattdessen beschuldigte man das Bündnis, durch eigene Übungen bei den östlichen Partnern unnötig zu provozieren. Tatsächlich hat die Nato ihre Präsenz in den baltischen Staaten und Polen verstärkt, auch in Brüssel spricht man offen von Abschreckung.

Stimmung in der Nato-Zentrale dürfte kaum besser werden

Die Ankündigung, die "Sapad"-Manöver auszuweiten, stellt eine neue Eskalationsstufe dar. Am Donnerstag tagt der Nato-Russland-Rat, eigentlich ein Forum zum Dialog zwischen Nato und Russland. Bei den letzten Sitzungen indes war von Diplomatie kaum etwas zu spüren. Vielmehr hielt man sich nur unversöhnlich vor, den anderen unnötig zu provozieren.

Bei der aktuellen Sitzung im Brüsseler Hauptquartier dürfte die Stimmung nicht besser werden. Vor allem die östlichen Nato-Partner fühlen sich nach der "Sapad"-Übung von Moskau hinters Licht geführt. Die neuen Pläne für häufigere Übungen, die bisher bei der Nato nicht offiziell vorgebracht wurden, dürfte die Diplomaten aus den baltischen Staaten und Polen in ihrer harschen Haltung bestätigen.

In ziemlich genau zwei Wochen kommen die Verteidigungsminister der Allianz in Brüssel zusammen, auch dann wird die Haltung zu Russland wieder Thema. Grund ist ein weiterer geheimer Bericht über die Verteidigungsfähigkeit der Nato im Fall einer echten Konfrontation mit Russland, er benennt erhebliche Lücken und fordert den Aufbau eines neuen Kommandos in Europa.

Video: Militärmanöver "Sapad" - "Das Misstrauen ist sehr groß"

REUTERS

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