Pressekonferenz zur Krim-Krise Putin und wie er die Welt sieht

Er lockt und schmeichelt, gibt sich streng, wirkt gereizt: Russlands Präsident Putin hat sich erstmals öffentlich zur Krim-Krise geäußert. Auf westliche Beobachter wirken manche seiner Äußerungen unglaublich - doch der Auftritt entspricht dem russischen Selbstverständnis.

DPA/ RIA Novosti

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Moskau - Lange hat man auf diesen Auftritt gewartet. In den vergangenen Tagen, als seine Regierung eine der größten internationalen Krisen seit Jahren auslöste, war Wladimir Wladimirowitsch Putin abgetaucht, zeigte sich nur bei einer Gefechtsübung in St. Petersburg.

Jetzt empfing der Kreml-Chef Pressevertreter in seiner Residenz außerhalb Moskaus. Ein Stuhl auf rotem Teppich im Parkettsaal, dahinter die russische und die Präsidentenflagge, deren Wappen dem des Zaren ganz ähnlich ist. Ihm gegenüber rund zwanzig Journalisten. Breitbeinig sitzt Putin da, meist stützt er einen Arm auf die Stuhllehne, mit der anderen Hand gestikuliert er, oft schnellt der Zeigefinger in die Höhe. Entspannt, aber entschlossen soll das wirken. Das mit der Entspanntheit gelingt nicht immer.

Die Welt hat gerätselt über die Absichten des Kreml-Chefs. Kanzlerin Merkel soll im Gespräch mit US-Präsident Obama Putin einen Realitäts- und Kontrollverlust in Sachen Ukraine attestiert haben. So zeigt sich Putin an diesem Dienstag allerdings nicht. Russlands Präsident ist in Hochform, er tritt auf wie ein leidlich begabter Schauspieler, der mit Pokermiene Bemerkungen macht, die für die internationale Gemeinschaft unglaublich klingen, für sein eigenes Politikverständnis allerdings durchaus logisch sind.

Putin gibt den Ahnungslosen, Putin gibt den Besorgten, Putin gibt den Strengen. Was in der Ukraine vor sich gegangen sei? "Ein verfassungswidriger Umsturz, eine Machtergreifung", sagt Putin unmissverständlich. Er habe keine Ahnung, wer den Scharfschützen in Kiew den Schießbefehl erteilt habe. Vermutlich seien es Provokateure oppositioneller Gruppen gewesen.

Russische Soldaten? "Uniformen kann man doch überall kaufen"

Auf die Frage, ob es sich bei den in der Ukraine aufmarschierten Soldaten um russische Militärs handele, sagt Putin, es könne doch jeder gewesen sein. Uniformen könne man sich ja inzwischen in jedem Geschäft besorgen. Erst auf Nachfrage sagt er, es habe sich um örtliche Selbstverteidigungskräfte gehandelt.

Putin spult sein gewohntes Rhetorikrepertoire ab: Er lockt und schmeichelt, gibt sich mal volkstümelnd und kumpelhaft, dann ahnungslos. Alles halb so wild, sagen seine Gesten manchmal. Dann winkt er ab, bei Fragen nach den Gaspreisen für die Ukraine etwa. Zur Drohung der USA, Russland könne aus der G8 fliegen oder den Gipfel in Sotschi absagen, sagt er, dazu wisse er nichts. Schulterzucken. "Wir bereiten uns darauf vor, sie zu empfangen. Wenn sie nicht kommen wollen, dann eben nicht."

Dann gibt er den besorgten Putin: Verständnis für die Leute auf dem Maidan habe er ja. Aber man müsse halt aufpassen, dass jetzt "kein Nationalist, kein Faschist und auch kein Antisemit" an die Macht komme. "Diese Möglichkeit gibt es."

Väterlich lächelnd - so geht Putin mit Journalisten um

Und er gibt den Strengen. Die anwesenden Journalisten sitzen mit regungslosen Gesichtern und gestrecktem Rücken auf ihren Stuhlkanten. Die Fragen sind erwartbar, wenn jemand freundlich nachhakt, zeigt sich der Präsident gereizt. "Das habe ich doch gerade gesagt, haben Sie nicht zugehört?", maßregelt er einen Korrespondenten. Einem anderen schmeichelt er mit der Bemerkung, aus ihm wäre wohl ein guter Diplomat geworden. Immer wieder schnellt der Zeigefinger in die Luft. Handy-Musik aus der Tasche einer Anwesenden wartet er geduldig ab, väterlich lächelnd. So geht er oft mit Journalisten um.

Dann immer wieder Giftpfeile. Manchmal komme es ihm vor, als würden US-Politiker in der Ukraine wie in einem Labor mit Ratten experimentieren, sagt er. Damit greift er eine Verschwörungstheorie auf, die in dieser oder anderer Form immer wieder im Land kursiert. Einmal treibt er die posenhafte Bescheidenheit auf die Spitze, wenn der Kreml-Herrscher etwa erklärt, in bestimmten Fragen gar nicht autorisiert zu sein, etwas zu sagen.

In der Ukraine herrscht das Chaos - in Moskau das Recht

Dort herrscht Chaos, hier das Recht, das ist der inhaltliche Zweiklang seines Auftritts. Warum man die Ukraine in diese Anarchie habe stürzen müssen, fragt er rhetorisch. Der "einfache Ukrainer" habe über die Jahrhunderte bis in die Zeit der Regierungen Juschtschenko und Janukowitsch genug gelitten. "Die Korruption in der Ukraine hat Ausmaße angenommen, wie wir es uns in Russland nicht vorstellen können." Dass die Ländern im Index von Transparency International ganz nah beieinander liegen, sagt er natürlich nicht.

Legitimation ist das zweite Zauberwort. "Wenn ich die Entscheidung treffe, militärisch zu intervenieren, dann werde ich das auf legaler Basis tun", so Putin. Das ist wenig beruhigend, denn schon die Entsendung von Truppen auf die Krim war völkerrechtlich nicht gedeckt - so sehen es zumindest einhellig Experten aus dem Westen.

Da kommt der Hauptzankapfel, die Krim, fast ein wenig kurz. Putin droht, dass seine Armee "in einem extremen Fall" in anderen Teilen des Landes einschreiten könne. Er behalte sich alle Mittel zum Schutz der Russen in der Ukraine vor. "Wir werden nicht zusehen, wenn sie verfolgt und vernichtet werden."

Derzeit gebe es jedoch keine Notwendigkeit für eine Entsendung von Truppen in die Ukraine, die er als "Bruderstaat" bezeichnet. Ebenso wenig gebe es Pläne für eine Annexion der Krim. Er verweist auf das Recht auf Selbstbestimmung, das den Menschen auf der Halbinsel zustehe. In diesem Moment klingt er fast wie ein Demokrat.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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F.A.Leyendecker 04.03.2014
1. Hmmm
Putin sieht die Welt etwa so wie sie auch Obama sieht. Wir sind also in den besten Händen.
Zaphod 04.03.2014
2. Verständnis
Anstatt leicht herablassend über die Pressekonferenz zu schreiben, wäre es doch wichtiger, wenn versucht würde, Putin und seine Motive zu verstehen. Und so ganz schwierig ist dieses Verständnis auch nicht, er redet ja weder unlogisch noch unsinnig. Wichtig ist doch, dass letztendlich auf der Krim noch keinerlei Schüsse gefallen sind, es sind nur mehr Soldaten da. Wenn dieser Umstand ausreicht, um den Westen vollkommen aus dem Häuschen zu bringen, so stimmt etwas im Westen nicht. Die Völker des Westens sollten nun ihren Politikern klar machen, dass sie keinen Krieg und keine Konfrontation wollen. Daher müssen die westlichen Politiker wissen, dass sie Maßnahmen der Deeskalation ergreifen müssen und keine weiteren Drohungen aussprechen sollten!
RudiLeuchtenbrink 04.03.2014
3. naja, das ist seine Sicht,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/wladimir-putins-pressekonferenz-zur-krim-der-ahnungslose-vom-kreml-a-956869.html[/QUOTE] Mc Cain und die anderen Spezialisten für Weltpolitik sehen dies eben anders, doch jeder hat ein Recht auf eine Meinung. Kanzlerin Merkel hat zum Glück einen befähigten Aussenminister der versuchen wird Schaden für Deutschland durch die USA abzuwenden. Leicht wird es nicht einen Krieg in Europa zu verhindern, wenn erwst einmal in der Ostukraine die Absetzbewegungen eskalieren.
mingus55 04.03.2014
4. es ist zuviel passiert
in den letzten Jahren, als dass man den Politikern des "freien" Westens, so mir nichts dir nichts, glauben würde. Dies gilt ditto für die "freie" Presse des Westens. Daher soll sich jeder selbst ein Bild von der Pressekonferenz mit Putin machen.
geddon 04.03.2014
5. Alles wie immer...
... die Argumentationskette ist nicht mehr oder weniger plausibel als die diverser westliche Politiker bei geopolitischen Entscheidungen.
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