Protest bei der WM Die Grenzen der Freundlichkeit

Russland erlebt sein Sommermärchen, ist jetzt oft zu hören. Menschengruppen können sich ohne Schikane versammeln, sogar die Polizisten lächeln. Ganz so idyllisch ist es denn aber doch nicht.

Polizisten in Moskau
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Polizisten in Moskau

Von Maxim Kireev, St. Petersburg


Russlands Oppositionelle reiben sich seit Tagen die Augen: Tausende ausländische Fußballfans bevölkern die Innenstädte des Landes, scharen sich in Gruppen zusammen, tanzen, singen, sitzen auf dem Kopfsteinpflaster und ziehen gemeinsam durch die Straßen. Und die Polizei?

Normalerweise sind die Ordnungshüter blitzschnell alarmiert, wenn sich in Russland irgendwo Menschen versammeln, ohne die Obrigkeit um Erlaubnis gefragt zu haben. Regelmäßig gibt es bei nicht genehmigten Demonstrationen Hunderte Festnahmen. Doch seit internationale Gäste die Straßen füllen, halten sich die Uniformierten zurück. Hier und da wurden sogar lächelnde Polizisten gesichtet.

Beim Spiel Spanien gegen Iran diese Woche in Kazan, der Hauptstadt der vom gemäßigten Islam geprägten Teilrepublik Tatarstan, haben die Sicherheitsbehörden nun den gewohnten Status quo wiederhergestellt. Fast zwei Stunden wurde die iranische Aktivistin Maryam Qashqaei Shojae am Stadion festgehalten. Der Grund: Sie hatte ein Plakat dabei, mit dem sie dagegen protestieren wollte, dass in Iran Frauen keine Fußballspiele besuchen können. Erst zur zweiten Halbzeit konnte die Frau ihren Platz im Stadion einnehmen und das Spiel ihrer Nationalmannschaft anschauen.

Politische Plakate in WM-Stadien sind von der Fifa zwar verboten. Den Protest gegen das Stadionverbot für Frauen sehen die Fußballfunktionäre jedoch nicht als politisch an. Schon beim ersten Gruppenspiel des Irans gegen Marokko waren auf den Tribünen Plakate mit dem Slogan "Lasst iranische Frauen in die Stadien" zu sehen. Die FIFA erklärte, es handele sich um eine soziale und keine politische Forderung, daher waren die Plakate genehmigt.

Maryam Qashqaei Shojae erklärte gegenüber der Agentur Reuters, sie habe in Kazan sogar eine offizielle Genehmigung des Fußballverbandes vorgezeigt. Die Sicherheitsleute am Stadion hat das offenbar nicht überzeugt. Das Plakat durfte die Iranerin nach der zweistündigen Befragung und Durchsuchung nicht wieder mitnehmen.



insgesamt 15 Beiträge
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rainer82 22.06.2018
1. Russland kennt keine Meinungsfreiheit.
Da zeigt sich, wie verheerend sich die Vergabe der WM an eine Diktatur auswirkt. Auch Lesben und Schwule dürfen sich nicht artikulieren. Putins Regime kennt keine bürgerlichen Freiheiten. Und nach der WM wird für die russische Bevölkerung wieder alles noch schlimmer. Dann ist Schluss mit lustigen Spielchen. Wie gehabt!
Liwjatan 22.06.2018
2. Diktatur bleibt Diktatur
Da kann Russland noch soviele Möchtegern-Wahlen abhalten, tatsächlich ist es eine Alleinherrschaft unter Putins Gnaden. Abweichende Meinung führt zu Freiheitsentzug oder gleich zum Tod. Die paar Wochen "Freundlichkeit" sollten keinem etwas vormachen.
knok 22.06.2018
3.
Sportler, die sich auch nur symbolisch politisch äußern, werden in den USA ebenfalls bestraft. Demonstrationen wurden auch in Brasilien 2014 z.T. gewaltsam aufgelöst. So eine Aktion wie die mit der Behinderung der Iranerin würde ich nicht einmal hier in Westeuropa für unmöglich halten. Natürlich ist die Meinungsfreiheit in Russland eingeschränkt und von Demokratie ist nichts zu sehen. Aber das Problem ist in diesem Fall nicht Russland, dass Problem ist das Umfeld bei einer sportlichen Großveranstaltung und überhaupt die Vergabe in Länder wie Katar 2022, die USA 2026 oder eben Russland 2018.
tappi82b 22.06.2018
4. Fifa Regeln?
Wenn die Fifa - zu Recht - politische Demonstrationen in den Stadien verbieten, ist es das Mindeste, wenn Polizisten Plakate einbehalten. Die Frau wollte offensichtlich nicht das Spiel sehen, sondern war als "Aktivistin" angereist um für Furore in den Medien zu sorgen. Waren die Polizisten denn nun unfreundlich und grob? Oder wollten sie dem sportbegeisterten Publikum ein ungestörtes Spiel ermöglichen? Auch bei uns tun Polizisten ihre Pflicht und werden nicht gleich als Handlanger von Diktatoren und Unterdrücker der Meinungsfreiheit tituliert. Armselig, was unter dem Mäntelchen Sport an Vorurteil und Stimmungsmache transportiert wird. "Abweichende Meinung führt zu Freiheitsentzug oder gleich zum Tot" Böswillig und lachhaft zugleich!
acculeer 22.06.2018
5. woher wissen Sie das?
Zitat von LiwjatanDa kann Russland noch soviele Möchtegern-Wahlen abhalten, tatsächlich ist es eine Alleinherrschaft unter Putins Gnaden. Abweichende Meinung führt zu Freiheitsentzug oder gleich zum Tod. Die paar Wochen "Freundlichkeit" sollten keinem etwas vormachen.
Selbstverständlich darf man in Russland abweichende Meinungen haben. Die Todesstrafe ist in Russlands (im Gegensatz zur USA) längst abgeschafft. Selbst solche lächerlichen, von der EU bezahlten Hilfskomiker wie Nawalny leben noch. Die Frau hat in einem russischen Stadion gegen ein Gesetz im Iran demonstriert. Mit welchem Recht missbraucht sie die russische Gastfreundschaft? Sie ist Gast, darf ins Stadion und sich das Spiel anschauen. Wenn sie möchte, dass im Iran auch Frauen Fußball schauen dürfen, dann soll sie doch im Iran demonstrieren. Was hat Russland damit zu tun?
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