Amnestie in russischen Gefängnissen "Sommermärchen" im Straflager

In kaum einem anderen Land gibt es mehr Häftlinge als in Russland. Das Parlament beschloss in der WM-Zeit überraschend eine Amnestie für rund 100.000 Gefängnisinsassen.

Russische Häftlinge
REUTERS

Russische Häftlinge

Von Maxim Kireev


Die Abgeordneten der Duma wollen der Sbornaja, der Nationalmannschaft, nach ihrem Einzug ins Achtelfinale in Nichts nachstehen und haben nun auch ein Geschenk für ihre Landsleute parat: Gefängnisinsassen werden bald die Tage in der Untersuchungshaft als eineinhalbfache Zeit im Knast angerechnet. Wer also zum Beispiel ein Jahr in U-Haft verbrachte und zu eineinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt wird, kann sich direkt vom Gericht auf den Heimweg machen.

Fast zehn Jahre alt ist der Gesetzesentwurf schon, jetzt wurde er nun überraschend in der zweiten Lesung abgenickt. Alexander Khinstein, einst Abgeordneter der Partei Einiges Russland und Berater des Chefs der russischen Nationalgarde, rechnet damit, dass rund 100.000 Insassen aus dem Gefängnis entlassen werden können. Denn ihre Freiheitsstrafen müssen nun neu berechnet werden - es sei denn, sie haben sich eines schweren Verbrechens wie Mord oder Drogenhandel schuldig gemacht.

Dass das Gesetz erst jetzt verabschiedet wurde, liegt daran, dass die Sicherheitsdienste bislang kein grünes Licht gaben. Warum ausgerechnet während der WM Bewegung in die Angelegenheit kam, ist unklar. Erst kürzlich wurde Wladimir Putin in seiner jährlichen Sendung "Direkter Draht" gefragt, ob für dieses Jahr eine Amnestie für Gefangene geplant sei. Der Präsident antwortete, dass nichts dergleichen auf der Agenda stehe.

Russland gehört neben den USA, China und Brasilien noch immer zu den Ländern mit den meisten Häftlingen, auch wenn sich diese Zahl in den vergangenen zehn Jahren von knapp 900.000 auf 600.000 verringert hat. Einer der Gründe für diese hohe Zahl ist, dass russische Richter in weniger als einem Prozent der Fälle Freisprüche erteilen. Ein Viertel der Verfahren wird jedoch noch vor der Gerichtsverhandlung eingestellt, etwa drei Viertel der eingeleiteten Verfahren enden mit einem Schuldspruch.



insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bearhawk 21.06.2018
1. Kaum ein Land hat mehr Strafgefangene....
Das ist eine glatte Luege! Das Land mit den meisten Inhafftierten ist immer noch die USA mit ca. 2.15 Millionen (2018). Russland hatte zum gleichen Zeitpunkt ca. 600.000 Inhaftierte. Auch wenn man die Zahlen auf Inhaftierte/1000 Einwohner umrechnet, liegen die USA mit 7.41 deutlich vor Russland mit 5.32 Einfach mal googeln!
ihawk 21.06.2018
2. Statistik
Ich denke es lohnt sich hier https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_Gefängnisinsassen nachzulesen, bevor abenteuerliche Behauptungen aufgestellt werden.
pekaef 21.06.2018
3. Mehr Häftlinge in kaum einem anderen Land?
Okay, es gibt schon ein paar. Ganz an der Spitze liegen die USA mit etwa sieben Inhaftierten pro tausend Einwohner. Ich halte Putin für einen üblen Autokraten, aber die in diesem Artikel aufgestellte Bahauptung ist schlicht tendenziös.
wdiwdi 21.06.2018
4. Das ist nicht so falsch...
Ja, die Inhaftierungsquote liegt bei den USA noch etwas höher (so zwischen 30 und 50%, je nach Zählung und Jahr). Aber der Unterschied Russland - durchschnittliches EU-Europa beträgt etwas mehr als Faktor 4, also mehr als 400%!
HaraldSchicke 21.06.2018
5. Wenn man denkt
dass die USA eine Demokratie, Russland und China aber eine Autokratie sind, ist es sehr erschreckend, dass in keinem anderen Land mehr Menschen eingesperrt sind als in den "freien" Staaten von Amerika. In den USA sind es sechsmal so viel wie in China und immer noch 50 Prozent mehr als in Russland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.