Russisches Fernsehen Wenn Deutschland "Nawalny-Fußball" spielt

Der Name des Oppositionellen Alexej Nawalny ist eigentlich tabu im russischen Staatsfernsehen. Ausgerechnet bei Deutschlands Niederlage gegen Mexiko fiel er - zwei Kommentatoren hatten sich wohl nicht ganz verstanden.

Alexej Nawalny
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Die 49. Minute des Spiels Deutschland gegen Mexiko lief, als der Kommentator des Ersten Kanals, Kirill Dementjew, Folgendes sagte:

"Mario Gomez wird dann gebraucht, wenn Deutschland "Nawalny-Fußball" spielt, und ein Spieler gebraucht wird, der sehr gut mit dem Kopf im Strafraum arbeitet. "

Daraufhin fragte sein Kollege und ehemalige Trainer der russischen Nationalmannschaft Leonid Slutskij:

"Nawalny spielt Fußball? Das wäre interessant zu sehen."

Slutskij brach damit ein Tabu, denn der Name des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny ist bei Livesendungen der Staatssender ein Tabu: Die Moderatoren und Journalisten nehmen ihn nicht in den Mund. Nawalnys Name fällt allenfalls, wenn über ihn negativ berichtet wird.

Es herrschte kurz Schweigen bei der Übertragung auf dem Ersten Kanal am Sonntagabend. Es ist der reichweitenstärkste Russlands.

Anscheinend hatte Slutskij nicht ganz verstanden, worum es seinem Kollegen eigentlich ging. Denn dieser hatte aus Wort "nawal" das Adjektiv "Nawalnij" gebildet, was so überhaupt nicht benutzt wird.

"Nawal" steht in diesem Kontext für Angriffsaktionen, bei denen die Mannschaft versucht, den Ball möglichst nah zum Strafraum zu spielen und mit möglichst vielen Spielern Druck aufzubauen.

Nawalny kommentierte die Situation wie folgt auf Twitter:

"Der Moment, als die Zensur fiel, und ich auf dem Ersten Kanal erschien. Also fast."

In den sozialen Medien wurde die Redewendung "Nawalny-Fußball" sofort aufgegriffen: "Nawalny-Fußball ist, wenn Du auf dem Fußballfeld erscheinst, und Dich der Schiedsrichter gleich für die nächsten 30 Spiele sperrt", schrieb ein User auf Twitter.

Eine Anspielung auf die letzte Haftstrafe des Oppositionellen, der am Tag der WM-Eröffnung am 14. Juni nach einer 30-tägigen Haftstrafe das Gefängnis verlassen hatte. Am 5. Mai hatten nach einem Aufruf Nawalnys Tausende in verschiedenen Städten Russlands gegen Präsident Wladimir Putin demonstriert.

Während der Fußballweltmeisterschaft herrscht in den Regionen der elf WM-Städte und den Orten selbst ein Protestverbot, Erlass 202 schränkt die Versammlungsfreiheit massiv bis 24. Juli ein. Es ist davon auszugehen, dass die Sicherheitskräfte alles dransetzen werden, Demonstrationen zu unterbinden.

Mitarbeit: Katharina Lindt



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