Awdijiwka in der Ostukraine Der Fußball lebt, selbst im Krieg

"Disco" nennen sie es in der Stadt Awdijiwka, wenn am Abend die Granaten einschlagen. Während in Russland die WM gespielt wird, ist Krieg in der Ostukraine. Und immer noch lieben die Menschen den Fußball.

Till Mayer

Aus Awdijiwka berichtet (Text und Fotos)


Heute beginnt die "Disco" schon sehr früh am Abend, mit Getöse. Das Echo der Granateneinschläge von der nahen Front hallt über die grauen Wohnblocks aus Sowjetzeiten. Ein harter, lauter Knall, der dritte in nur fünf Minuten.

Sergej runzelt unwillig die Stirn. Dann bindet er die Sportschuhe. Los geht es auf das Kleinfeld mit dem grünen Kunstrasen. Die einzelnen Abteilungen der Kokerei kicken gegeneinander.

Sergej arbeitet in einer Vorbereitungsstufe für die Kohleveredelung. Die Kokerei ist der Arbeitgeber in der Kombinatsstadt Awdijiwka vor den Toren von Donezk. Fast jeder in der Stadt malocht hier. Aus den Schloten qualmt es wie wild, als würde es die nahen Kämpfe nicht geben. Selbst Einschläge von Geschossen änderten daran nichts.

Kokereiein in Awdijiwka (Archivfoto)
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Kokereiein in Awdijiwka (Archivfoto)

Sergej trägt ein Dortmund-Shirt und eine Hose von Schachtar ("Bergarbeiter") Donezk. So ziemlich jeder in Awdijiwka ist Fan des Weltklasse-Clubs. "Da kann auch Dortmund nicht mithalten", lacht Sergej.

Schachtar spielt schon seit Beginn des Krieges nicht mehr in Donezk. Der Verein siedelte seine Mannschaft nach Ausrufung der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk" fluchtartig um. Zuerst kickten die Spieler der Premier-Liga ihre Heimspiele im Stadion von Lviv ganz im Westen der Ukraine. Jetzt im näheren Charkiw im Osten. Schnell wird klar, allein mit Fußball lässt sich schon einiges über die verrückte Situation für die Menschen von Awdijiwka erklären.

SPIEGEL ONLINE (Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL))

Der 52-jährige Sergej trat in den Neunzigerjahren für Khimik ("Chemiker") Awdijiwka nach dem Ball. Das ist der traditionelle Verein der Stadt. Die Rivalen waren die großen Nachbarstädte im Oblast Donezk. Kramatorsk zum Beispiel oder Kostjantyniwka. Beide Städte sind heute unter ukrainischer Kontrolle. Horliwka nicht, dass halten die Separatisten. Auch Makijiwka. "Kurz vor dem Krieg stand es schlecht um das Fußball-Team von Khimik. Aber was soll's, die Hälfte unserer ehemaligen Liga ist jetzt auf der anderen Seite vom Schützengraben", sagt der Kicker und deutet Richtung Donezk, dessen Vororte keine 15 Kilometer entfernt beginnen.

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Ostukraine: Wenn WM ist in Awdijiwka

Und jetzt eine Fußball-WM ausgerechnet in Russland. Dem Nachbarland, von dem jeder weiß, dass es sich am Krieg im Osten der Ukraine aktiv beteiligt. "Lassen wir die Politik weg. Fußball ist Fußball. Aber eines ist sicher: Die Russen werden den Titel nicht holen", meint der 52-Jährige.

Nicht weit vom Platz entfernt sitzt Slawek mit zwei Freunden auf einer Bank vor dem Plattenbau und spielt Karten bei sauren Gurken, fettigem Schinken und selbst gebranntem Wodka. Politik weglassen, das geht dem 30-Jährigen schwer gegen den Strich. So gibt es erst mal eine Breitseite gegen Russland. "Sie sollen unsere Grenzen achten und aus Donezk und Luhansk abhauen", sagt der Techniker. Aber zu einem persönlichen Boykott der Fußballweltmeisterschaft kann er sich nicht durchringen. "Die Spiele, die mich interessieren, seh' ich mir an. Dass Deutschland so schnell ausscheidet... Aber sie haben es leider nicht anders verdient."

Es war ein heißer sonniger Tag, und vor den Blocks machen es sich die Großmütterchen an Tischen und auf Bänken bequem. Awdijiwka ist eine stille Stadt. Wohl auch, weil die Hälfte der rund 35.000 Einwohner vor den nahen Kämpfen geflohen ist. Und so zerreißen an diesem Abend nur die Detonationen von Granaten die Stille. "Ach, lassen Sie das mit dem Fußball. Da sind wir keine Fanatiker", lachen vier ältere Damen und bieten Kekse und Pralinen an. Zeigen stolz ihre Gärtchen zwischen den Häusern und dem Asphaltweg. Der führt nach hundert Metern auch gleich zum abrupten Stadtende. Alleen, Wiesen, kleine Wälder und Minenfelder tun sich auf. In der Ferne erkennt man die Silhouette von Donezk.

Und die beiden Türme des völlig zerstörten Flughafens. Der wurde mit Millionen rechtzeitig zur Fußballeuropameisterschaft 2012 ausgebaut. Die Fans landeten hier zu den Spielen. Jetzt ist er ein Trümmerhaufen. Ein Symbol für einen Krieg, der bisher über 10.000 Menschen das Leben kostete. Der Donezker Flughafen war das prominenteste Schlachtfeld. Jetzt ist er die letzte Bastion der von Russland unterstützen Separatisten, bevor die Linien der ukrainischen Armee beginnen.

Promka ist auch ein Schlachtfeld. Käme man als Zivilist am Checkpoint der Armee vorbei, wären es von den alten Damen allenfalls 30 Minuten zu Fuß. Promka ist ein völlig zusammengeschossenes Industrieviertel. Ruinen mit ausgebrannten Fensterhöhlen, verbogene Stahlgerippe, dazwischen winden sich die Schützengräben.

Folgt man einem dieser Gräben, steht Unteroffizier Sascha am Ende. Hinter den Sandsäcken seiner Stellung sind es keine 50 Meter zum Feind. "Wir können sie manchmal schreien hören: 'Kommt, seid Männer, und wir treffen uns in der Mitte' und ähnlichen Mist", der 42-Jährige schüttelt den Kopf.

Dann erklärt er, wie es sich mit der Weltmeisterschaft und dem Beschuss an der Front verhält: "Gewinnen die Russen, krakeelen die Separatisten und betrinken sich. Verlieren sie, dann gibt es vor lauter Enttäuschung ein paar extra Granaten für uns, wie nach dem Spiel gegen Uruguay", sagt der Kämpfer.

Streift man von ihm aus weiter durch ein zerstörtes und verlassenes Dorf, vorbei an Feldern und zwei, drei Ruinen, erreicht man einen Wald. Hier gibt es weniger Schützengräben, dafür Erdbunker als Stellungen.

In einer sitzt Ruslan und blickt durch eine Scharte Richtung Feind. Der 38-Jährige spielte einst als Profi beim FC Worskla. Dann gab es Verletzungspech, er landete als Arbeiter auf dem Bau. Jetzt ist er Soldat an der Front.

Ruslan in seiner Stellung
Till Mayer

Ruslan in seiner Stellung

"Hätte zu Zeiten der Europameisterschaft 2012 irgendjemand gesagt, bald gibt es Krieg bei uns im Osten der Ukraine, alle hätten ihn für verrückt gehalten. Und jetzt? Ich bin Fußballer mit dem Herzen, schon allein deswegen gegen einen WM-Boykott. Aber ich freu' mich über jede Niederlage der Russen. Das war früher anders. Bevor der ganze Wahnsinn begann, hätte ich den Russen die Daumen gedrückt, wenn mein eigenes Land nicht dabei gewesen wäre", sagt der Frontsoldat.

In der Ferne explodiert dumpf eine Granate. Dann hämmert eine MG-Salve. Ruslan hält kurz inne. Es bleibt still. Für die Zeit nach dem Krieg habe er einen Traum, sagt er zum Abschied. Er wolle sich zum Fußballtrainer ausbilden lassen.

Video: Kriegskinder in der Ukraine

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