Kosaken bei der WM in Russland Putins Hilfspolizei

Während der WM gehen Kosaken vor den Stadien und in Fanzonen auf Patrouille. Sie geben sich freundlich - doch die paramilitärischen Verbände sind alles andere als unumstritten.

Kosaken in Moskau
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Kosaken in Moskau

Aus Rostow am Don, Wolgograd und Sotschi berichtet , Moskau


"Da steht ein Kosake mit seinem Pferd im Don. Das gibt's doch nicht." Ein Kroate, nur mit Shorts bekleidet, rot-weiße Farbe im Gesicht, zeigt zum Flussufer, dann rennt er los, sein Kumpel folgt ihm.

Beide umtanzen Pjotr Dmitritschenko und seinen Hengst Tabel, hüpfen auf und ab, brüllen: "Kroatien! Kroatien!" Sie reißen die Hände hoch und machen Victoryzeichen.

 Dmitritschenko (2.v.l.), kroatische Fans , Reporterin (r.)
Ekaterina Anokhina

Dmitritschenko (2.v.l.), kroatische Fans , Reporterin (r.)

Dmitritschenko, die drei Sterne auf seinen Schulterklappen weisen ihn als Kosakenhauptmann aus, lässt das geduldig über sich ergehen, den Hengst hält er am Zügel.

Die beiden jungen Männer sind merklich betrunken. Als Antwort auf die Frage einer örtlichen Fernsehreporterin, wie ihnen der Kosake denn gefalle, küsst einer von ihnen Dmitritschenko auf die Wange; "Ich liebe ihn, ich will ihn heiraten."

Der 50-Jährige schaut etwas verdutzt, dann lächelt er.

Pjotr Dmitritschenko, Kosakenhauptmann in der Region Rostow am Don im Video:

Ekaterina Anokhina

Dmitritschenko leitet die Reiterstaffel der Kosaken in Millerowo, einer Kleinstadt 200 Kilometer nördlich von Rostow am Don.

Der Begriff Kosake ist den Turksprachen entlehnt, er bedeutet so viel wie "freier Krieger". Für den Kreml und Präsident Wladimir Putin sind die Kosaken mit ihren Familien - rund fünf Millionen Menschen sollen es in Russland sein - mehr als nur folkloristisches Überbleibsel der Reiterverbände, die sich im 15. Jahrhundert in der Steppe bildeten. Sie, die im Laufe der Geschichte vielen Herren zu Diensten waren, darunter den Zaren, später in Teilen auch der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, wurden zu Sowjetzeiten unterdrückt.

Jetzt aber werden sie von Putin gefördert, dem russische Traditionen wichtig sind, denn die stützen den Patriotismus, und der eint das Land.

Während der Fußballweltmeisterschaft patrouillierten Hunderte Kosaken in Austragungsorten wie Wolgograd, Rostow am Don, Sotschi, Sankt Petersburg, Kaliningrad und Jekaterinburg. Sie fungieren offiziell als Hilfspolizisten, manch einer wie Dmitritschenko hätte gern weiterreichende Befugnisse - die vollen Rechte eines Polizisten, "um mich selbst um meine Heimat zu kümmern", wie er es ausdrückt.

Kosaken in Wolgograd
Ekaterina Anokhina

Kosaken in Wolgograd

Auf der Straße sind die Kosaken auf den ersten Blick kaum von normalen Polizisten zu unterscheiden, allenfalls in Rostow am Don und Wolgograd durch einen etwas breiteren roten Strich an der Außennaht der blauen Hose. In Sotschi tragen sie Fellkappe, trotz schwül-heißer Temperaturen um die 30 Grad.

Manch einer hat seine Peitsche dabei, "aus dekorativen Gründen", heißt es dann, "die Peitsche gehört bei uns zur Uniform."

Ekaterina Anokhina

Von ihrem Selbstverständnis her sind Kosaken streng orthodox, den Traditionen gemäß wird nicht getrunken und geraucht, dafür regelmäßig gebetet. Die Familie steht im Zentrum ihres Lebens.

Mitglieder der Kosaken kämpften und kämpfen auf Seiten der prorussischen Separatisten im Donbass, auch Dmitritschenko war dort: vor drei Jahren einen Monat in Luhansk, das 200 Kilometer nördlich von Rostow am Don liegt. "Man muss seinen Verwandten schließlich helfen. Das ist unser Land, die Gebiete gehören zusammen, sind eine Einheit", sagt der Kosake, der sich bei diesem Thema eher kurz angebunden gibt.

Lieber spricht Dmitritschenko über seine Reiterstaffel, das ist wohl auch der Grund, warum ihn sein Verband für ein Treffen ausgesucht hat. Er tritt mit seiner Truppe am Strand vor dem Stadion der WM-Stadt auf. Das kommt an bei den Fußballfans, die viele Fotos machen. Später gehen er und andere Mitglieder seiner Reiterstaffel vor der Fanzone in Rostow am Don auf Patrouille.

Kosaken machen Erinnerungsfotos mit mexikanischen Fans in Rostow am Don
Ekaterina Anokhina

Kosaken machen Erinnerungsfotos mit mexikanischen Fans in Rostow am Don

Dutzende Kosaken bewachen mit Polizisten auch andere wichtige Punkte in der Stadt, etwa die Uferpromenade am Don mit ihren vielen Restaurants.

"Wir sorgen für Ordnung", sagt Kosakenhauptmann Dmitritschenko. Was das bedeutet? "Wenn jemand mit schlechten Absichten zu uns auf unser Gebiet kommt und für Unordnung sorgt, dann werden wir das nicht erlauben." Und was ist mit Alkohol? "Nun ja, es herrscht derzeit eine gewisse Nachsicht. Alkohol auf der Straße zu trinken, also etwa Bier, ist nun erlaubt", sagt der Kosakenhauptmann. "So lange sich die Menschen nicht aggressiv verhalten, ist alles gut, sollen sie feiern."

Prügelnde Kosaken

Doch es gibt auch das andere Gesicht der Kosaken, das hässliche. Im Mai schlagen Kosaken im Zentrum von Moskau mit Peitschen auf Demonstranten ein. Am Puschkin-Denkmal haben sich Anhänger des Oppositionellen Alexej Nawalny versammelt, sie demonstrieren gegen Präsident Putin.

Kosaken im Mai 2018 in Moskau
AP

Kosaken im Mai 2018 in Moskau

Kosaken in Fleckanzügen und Fellmützen greifen die Menschen an - und die Polizei nimmt nicht etwa die prügelnden Kosaken fest, sondern die angegriffenen Teilnehmer der Protestversammlung. Die werden von Polizei und Kosaken abgeführt - absurde Szenen, vor allem, weil Vertreter von den Kosaken Rufe an die Polizisten deutlich zu hören sind wie: "Den nicht, das ist unser", und die Sicherheitskräfte von den Personen dann ablassen.

Hunderte Menschen werden an diesem Tag festgenommen, Dutzende später zu teils mehrtägigen Haftstrafen verurteilt. Gegen Kosaken gab es nur ein einziges Urteil - der Mann musste eine Geldstrafe von 1000 Rubel, umgerechnet 14 Euro, zahlen.

Später versuchen Verbände wie der von Dmitritschenko in Rostow am Don darauf hinzuweisen, dass es keine registrierten Kosaken waren, die da gewalttätig waren. Als "registriert" werden die Kosaken bezeichnet, die im staatlichen Kosakenregister eingetragen sind.

Gewalt gegen Demonstranten im Mai in Moskau
AFP

Gewalt gegen Demonstranten im Mai in Moskau

Das stimmt aber nur zum Teil, in Moskau waren neben Kosaken von der Krim auch Mitglieder des registrierten Zentralen Verbandes Moskaus in blauen Uniformen zu sehen. Wiktor Wodolatskij, Abgeordneter der Regierungspartei Einiges Russland und als ehemaliger Ataman (Führer eines Kosaken-Verbandes) so etwas wie der Vorzeige-Kosake der Politik, erklärt, so etwas werde sich nicht wiederholen, den Kosaken seien in Moskau die Nerven durchgegangen. Aleksandr Dzikowitskij, Leiter der Erbkosaken, also der ethnischen Kosaken, widerspricht dieser Darstellung: "Die Rangeleien waren geplant und folgten Anweisungen." Eine zentrale Rolle habe der Moskauer Ataman gespielt. Im zuständigen Kosakenverband ist wochenlang niemand zu erreichen, bis bekannt wird, dass es in Moskau bei der WM keine Kosakenpatrouillen geben wird.

Auf Kremllinie

"Die Gewalt war nicht richtig", sagt Dmitritschenko in Rostow am Don, das hätte man auch anders, mit Worten, regeln können. Der Vorfall schade den Kosaken.

Aber auch Kosakenvertreter aus Rostow am Don hatten vor der WM für Schlagzeilen gesorgt: Sie würden schwule Pärchen, die sich auf der Straße küssten, der Polizei melden. In Wolgograd sagt ein Vertreter dazu, "das passt einfach nicht zu unseren Werten." Von weiteren Vorfällen ist bislang nichts bekannt, wohl auch, weil die Kosaken - wie die Sicherheitsbehörden insgesamt - bemüht sind, gemäß der Kreml-Linie ein positives Bild ihrer Arbeit während der WM zu vermitteln.

Präsident Putin hatte vor dem Turnier angemahnt, dass die Sicherheitskräfte gründlich, korrekt, aber auch feinfühlig ihrem Dienst nachkommen sollten. Schließlich gehe es um das Image Russlands.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja, Katharina Lindt, Katya Kuznetsova

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