Während der WM Russlands Polizei stoppt schlechte Nachrichten

Gewaltverbrechen, Massenschlägereien, tödliche Unfälle: Während der WM sind Berichte über solche Vorfälle in den russischen Medien kaum zu finden. Dafür sorgen die Behörden.

Russische Polizisten mit englischem Fan (in Wolgograd)
AP

Russische Polizisten mit englischem Fan (in Wolgograd)

Von Maxim Kireev, St. Petersburg


Egal was wir tun, Russland werde immer schlechtgemacht. Diesen Vorwurf hört man seit Jahren von Offiziellen im Land. Auch im Vorfeld der WM war die Sorge groß, dass das Medienecho zum wichtigsten Ereignis in der Sportgeschichte des Landes negativ ausfällt. Doch während nun staatliche Medien genüsslich die überwiegend positive Berichterstattung internationaler Journalisten aufgreifen, schlagen Russlands Lokaljournalisten Alarm.

Offenbar ist das Innenministerium in seinem Einsatz für eine positive Nachrichtenlage weit über das Ziel hinausgeschossen. In einer Erklärung hat der Journalistenverband der Teilrepublik Karelien im Nordwesten des Landes mitgeteilt, dass die lokalen Verantwortlichen während der WM Informationen über Verbrechen und Vorfälle in der Region zurückhalten.

In den vergangenen Tagen seien schwere Vorfälle passiert, wie etwa der Mord an einem Taxifahrer, eine Massenschlägerei und tödliche Straßenunfälle. "Jedwede Details zu den Vorfällen konnten die karelischen Medien nicht in Erfahrung bringen." Damit sieht der Verband das gesetzliche Recht auf Informationen seitens der Behörden verletzt.

Auch in anderen Regionen haben zahlreiche Medien den Verdacht, dass Polizei- und Unfallmeldungen bewusst zurückgehalten würden. Gegenüber zwei Nachrichtenportalen haben namentlich nicht genannte Mitarbeiter regionaler Innenministerien bestätigt, dass es eine entsprechende Anweisung aus Moskau gegeben habe, bis zum 25. Juli Polizeimeldungen zurückzuhalten.

Journalisten des Portals "Mediazona" haben zudem die Meldungen des Innenministeriums nach den Suchbegriffen "verhaftet", "gesucht" und "aufgeklärt" durchforstet. Demnach ergibt die Anfrage für die erste Juniwoche rund 1400 Treffer. In der Woche danach, kurz vor Beginn der WM, nur noch 70. Auch auf dem Portal der Moskauer Polizei sind die letzten Meldungen über Vorfälle wie Diebstahl und Drogenhandel auf den 5. Juni datiert.

Stattdessen berichten die Beamten lieber, wie sie vergangenen Dienstag einer deutschen WM-Touristin das im Taxi vergessene Mobiltelefon zurückgebracht hätten.



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