Staatsoberhäupter beim WM-Finale Gauck will sich von Putin nicht den Spaß verderben lassen

Beim WM-Finale dürften sie trotz ihres schwierigen Verhältnisses nicht aneinander vorbei kommen: Vielleicht sitzen Bundespräsident Gauck und sein russischer Amtskollege Putin sogar nebeneinander. Ob der Sport sie verbindet?

Von


Berlin/Rio de Janeiro - Man stelle sich vor: Joachim Gauck im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, Sitz an Sitz mit Wladimir Putin. Mindestens 90 Minuten müssten es der deutsche Präsident und sein russischer Amtskollege dann im WM-Finale am Sonntag nebeneinander aushalten. Zwei Männer, die sich - um es nüchtern auszudrücken - nicht besonders mögen. Hier der frühere DDR-Bürgerrechtler, da der ehemalige KGB-Offizier in Dresden.

Möglich, dass es bei der Partie Deutschland gegen Argentinien zu solch einem Zusammentreffen kommt. Gauck reist gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel genauso zum Spiel wie Putin, in dessen Land die nächste Fußball-Weltmeisterschaft 2018 stattfindet. Ein Platz neben Gauck wäre nach aktuellem Stand noch frei, demnach sollen der Präsident und die Kanzlerin Sitznachbarn sein. Allerdings wird sich das Protokoll des Fußball-Weltverbands Fifa wohl erst kurz vor Spielbeginn mit den Stäben der Staatsoberhäupter auf die finale Sitzordnung rund um die brasilianische Präsidentin und Gastgeberin Dilma Rousseff festlegen.

Aufeinander treffen werden Gauck und Putin wohl in jedem Fall, so groß ist der Super-VIP-Bereich auf der Maracanã-Haupttribüne dann doch nicht. Zudem gibt es vor dem Spiel einen Empfang bei Brasiliens Präsidentin Rousseff, zu dem die anreisenden Staatsoberhäupter eingeladen sind. Mit der Kanzlerin will Putin, so hieß es aus Moskau, am Rande des WM-Finales sogar über das Thema Ukraine sprechen.

Der Bundespräsident, früher selbst Handballer und qua Amt der erste Fußballfan des Landes, will sich die Vorfreude auf das Spiel und den möglichen WM-Titel offenbar nicht verderben lassen. "Wenn sie sich begegnen, werden sie sich ganz höflich begrüßen", heißt es aus dem Bundespräsidialamt zum Thema Putin.

Wie wird Putin reagieren?

Ob der russische Präsident das ebenso entspannt sieht? Zum möglichen Aufeinandertreffen mit Gauck gibt es aus dem Kreml keine Informationen. Aber Putin ist bekannt dafür, empfindlich auf persönliche Kränkungen und negative Äußerungen zu seiner Person zu reagieren.

Wie wenig Deutschlands Staatsoberhaupt von ihm hält, dürfte Putin längst mitbekommen haben. Als Gauck sich im Frühjahr 2012 als Präsidentschaftskandidat in der Grünen-Bundestagsfraktion vorstellte, wollte jemand wissen, wie er es als Staatsoberhaupt mit einem Counterpart wie Putin halten würde. Gaucks Antwort: "Das ist die schlimmste Frage, die Sie mir stellen können."

Natürlich hat Gauck in einer Art diplomatischem Crash-Kurs gelernt, dass sich solche Worte eines Staatsoberhauptes nicht geziemen. An seiner Haltung aber hat sich offenbar wenig geändert, was Putin im Mai 2012 erleben durfte, als der wiedergewählte Präsident zum Antrittsbesuch in Schloss Bellevue erschien: Es soll eisig zugegangen sein bei dem rund 45-minütigen Treffen. Gauck sprach beispielsweise relativ offen über die mangelnde Rechtsstaatlichkeit in Russland, Putin reagierte verschnupft.

Keine weiteren Treffen

Getroffen haben sich die beiden seitdem nicht mehr - obwohl das anders geplant war: Ein Staatsbesuch Gaucks in Russland ist überfällig. Aber dazu bedarf es einer Einladung aus Moskau, die bis zum heutigen Tag nicht erfolgt ist.

Auch der geplante Besuch Gaucks in Moskau zur Eröffnung des russischen "Deutschlandjahres 2012" kam nicht zustande. Seinerzeit kursierten dafür zwei Erklärungsvarianten, die beide mit dem schlechten Verhältnis der Präsidenten zueinander zu tun haben: Eine lautet, Putin habe den Eröffnungsakt nicht mit Gauck gemeinsam abhalten wollen. Der anderen Erklärung zufolge war dem Bundespräsidialamt zunächst ein Termin angeboten worden, zu dem Putin außer Landes gewesen wäre. Das wiederum kam für Gauck dann nicht in Frage.

Und dann war da ja auch noch Gaucks Absage für die Olympischen Spiele in Sotschi im vergangenen Winter, der sich am Ende etliche Staatsoberhäupter anschlossen. Darüber zeigte man sich in Moskau offen erzürnt.

Freunde dürften Gauck und Putin in diesem Leben nicht mehr werden. Andererseits gibt es mit Blick auf das Staatsoberhäupter-Setting beim WM-Finale ja auch den schönen Spruch, wonach Sport verbinde. Und als Sport-Fan steht Putin seinem deutschen Amtskollegen in nichts nach.

insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Butenkieler 12.07.2014
1. Diplomatie ist es, wenn man trotzdem lacht.
Diplomaten und Staatsoberhäupter müssen sich begegnen können, ohne das persönliche Meinungen und Ansichten, eine Rolle spielen.
w.bartz 12.07.2014
2. Fehl am Platz...
Ein Präsident in Deutschland darf sich solche Gefühle nicht erlauben. Denn viele Deutsche sähen ein besseres Verhältnis zu Rußland lieber. Zu den Mächtigen der Welt, sagt man nicht krummer Hund. Es geschieht dies und das auf der Welt. Regierungen kommen und gehen. Aber für ewig, liegen Deutschland und Rußland auf einer Landmasse in unmittelbarer Nachtbarschaft. In Rußland liegen die Energievorräte und Rohstoffe die Deutschland essentiell benötigt. Lieber einen Präsidenten wegjagen, als Unfriede mit unserem Nachtbarn ertragen zu müssen. Das ist des Volkes Wille...
Zaphod 12.07.2014
3. Freundschaftsspiel
Es kann nicht im Interesse von Deutschland sein, wenn unsere Beziehungen zu Russland durch persönliche Antipathien beeinträchtigt werden. Da Herr Gauck zum Wohle des deutschen Volkes handeln soll, muss er sich zusammen reißen und einen angemessenen Umgang mit Putin pflegen. Schlimmer als die USA kann sich Russland gegenüber Deutschland auch nicht verhalten!
sappelkopp 12.07.2014
4. Genauso wenig...
Zitat von sysoppicture alliance / Itar-TassBeim WM-Finale dürften sie trotz ihres schwierigen Verhältnisses nicht aneinander vorbei kommen: Vielleicht sitzen Bundespräsident Gauck und sein russischer Amtskollege Putin sogar nebeneinander. Ob der Sport sie verbindet? http://www.spiegel.de/politik/ausland/wm-finale-gauck-und-putin-treffen-in-rio-aufeinander-a-980509.html
wie wir ewig vor den USA kuschen sollten, sollten wir vor Putin kuschen. Schluss mit dem ewigen "nett sein", nur keinem Weh tun. Man muss als Deutschland - wir sind schließlich nicht irgendwer in der Welt - nicht immer alles tolerieren, was einem gegen den Strich geht. Wird Zeit, dass wir uns von den sogenannten Großmächten emanzipieren.
syracusa 12.07.2014
5.
Zitat von w.bartzEin Präsident in Deutschland darf sich solche Gefühle nicht erlauben. Denn viele Deutsche sähen ein besseres Verhältnis zu Rußland lieber. Zu den Mächtigen der Welt, sagt man nicht krummer Hund. Es geschieht dies und das auf der Welt. Regierungen kommen und gehen. Aber für ewig, liegen Deutschland und Rußland auf einer Landmasse in unmittelbarer Nachtbarschaft. In Rußland liegen die Energievorräte und Rohstoffe die Deutschland essentiell benötigt. Lieber einen Präsidenten wegjagen, als Unfriede mit unserem Nachtbarn ertragen zu müssen. Das ist des Volkes Wille...
Warum nicht? Es ehrt Gauck (gegen den ich ansonsten auch mancherlei Vorbehalte habe), und es beweist seine Aufrichtigkeit und Zivilcourage, dass er Putins Verbrechen offen ausspricht. Ich wünsche mir mehr Politiker, die nicht vor großer Macht kuschen und den Schwanz einziehen. Leider gibt es nicht viele wie Gauck.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.