Streit über "Siegeswahn" Das erste Opfer der russischen WM-Euphorie

Russland steht überraschend im Viertelfinale der WM. Aber wie sehr dürfen die Siege der Sbornaja bejubelt werden? Im Streit darüber hat eine Frau jetzt ihren Job gekündigt.

Jubelnde russische Fans
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Jubelnde russische Fans

Von Maxim Kireev, Sankt Petersburg


Mit jedem Sieg von Russland gehen auch die WM-Diskussionen im Land in die nächste Runde. Während das Thema der angeblich zu offenen russischen Frauen mittlerweile abgearbeitet ist, geht es jetzt um die Frage: Ist es in Ordnung, den Sieg der eigenen Fußballmannschaft zu bejubeln, während die Regierung Kriege führt, die Opposition unterdrückt und am Sozialsystem spart.

Vor allem in radikalen Teilen der Opposition ist die Sichtweise verbreitet, dass die Freude über Russlands Fußballerfolge gleichzusetzen ist mit Freude für Präsident Wladimir Putin und seinen Staatsapparat.

Mit Galina Panina gibt es in dem Streit jetzt ein erstes Opfer, das landesweit bekannt wurde: Die PR-Chefin der russischen Filiale der internationalen Baumarktkette Leroy Merlin musste nach einem unvorsichtigen Facebook-Eintrag ihren Posten räumen. Noch am Abend nach dem Spiel gegen Spanien schrieb Panina auf ihrem Profil einen Post "über die Fähigkeit, Siege zu feiern". Darin beschrieb sie einen angeblichen Vorfall, bei dem betrunkene Fans, offenbar im Jubel über den Einzug ins Viertelfinale, eine junge Frau angezündet haben sollen.

Panina benutzte dafür den Hashtag "Pobedobesie", zu deutsch so viel wie Siegeswahn. Ein Begriff, der in Russland meist dafür verwendet wird, um die überschwänglichen Feiern zum Siegestag über Hitlerdeutschland am 9. Mai zu kritisieren. Später benutzte sie auch den Begriff "Watte", in liberalen Kreisen eine abwertende Bezeichnung für konservativ-patriotisch denkende Menschen.

Der von Panina beschriebene Vorfall entpuppte sich am Ende als Fake, doch ihr Beitrag wurde hundertfach kommentiert und geteilt, bis die PR-Frau ihn löschte. Bei Twitter riefen Tausende Nutzer zum Boykott der Baumarktkette auf. Später entschuldigte sich der französische Konzern bei seinen Kunden für die Mitarbeiterin: "Wir verstehen, dass dieser Post die Gefühle vieler Menschen verletzen konnte." Am Mittwochnachmittag erklärte Panina selber, sie verlasse das Unternehmen. Das Geschäft dürfe nicht mit Politik vermischt werden.



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