Roma in Tschechien Sechs Zimmer, 140 Quadratmeter - und eine Zukunft

Roma in Osteuropa sind oft Hass ausgesetzt, viele leben in ärmlichen Verhältnissen. Ein Wohnprojekt in Tschechien, das ein Bürgermeister der rechtspopulistischen Partei ANO durchboxte, will den Teufelskreis durchbrechen.

Barbora Kleinhamplova

Aus Brünn berichtet


Als Honza Holub und seine Frau Jana Muchová die Nachricht erhielten, dass sie zu den Ausgewählten gehören, konnten sie es kaum fassen. Eine größere Wohnung. Raus mit den zehn Kindern aus den schäbigen, kleinen zwei Zimmern. Nicht mehr stundenlang auf der Straße herumlungern, wenn die Kleinen schlafen. Und das alles zu einer bezahlbaren Miete. "Es war ein wundervoller Augenblick, als sie es uns mitteilten", sagen Holub und Muchová. "Wie ein Traum."

Die beiden 45-Jährigen sitzen in der geräumigen Küche ihrer neuen Wohnung, zusammen mit einigen der älteren Kinder. Der Umzug ist gut ein Jahr her, aber Jana Muchová lächelt noch immer glücklich, wenn sie daran zurückdenkt. Fast zwei Jahrzehnte lebte die Familie in engen, schlechten Wohnungen - zuletzt auf vierzig Quadratmetern. Keines der zwölf Familienmitglieder hatte ein Bett für sich allein, dafür zahlten sie umgerechnet 600 Euro im Monat.

Und nun: Sechs Zimmer, 140 Quadratmeter, ruhig, zentral, in einem nicht verwohnten Haus für umgerechnet 650 Euro, inklusive Gas und Strom. "Wir haben früher jeden Tag stundenlang auf der Straße verbracht", sagen die älteren Kinder. "Jetzt sind wir am liebsten in unserer schönen Wohnung."

Vermieter nutzen Notlage der Roma aus

Das Ehepaar Holub-Muchová und ihre zehn Kinder sind Teil des Sozialprojektes "Wohnen zuerst" in Brno (Brünn), Tschechiens zweitgrößter Stadt. Es ist ein Pilotprojekt für arme Familien in der Stadt, die von Wohnungsnot oder Obdachlosigkeit betroffen sind. Gedacht für alle Bedürftigen, nehmen vor allem Brünner Roma teil. Denn sie sind in einer speziellen Situation: Die meisten der rund 20.000 Roma der Stadt leben in heruntergekommenen Wohnungen oder Wohnheimen. Deren Besitzer kassieren für minderwertigen Wohnraum überhöhte Preise und nutzen dabei die Notlage vieler Roma aus: Auf dem normalen Wohnungsmarkt werden sie wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Mieter meist nicht akzeptiert.

So erging es auch der Familie Holub-Muchová. Die Eltern, die die Schule nach acht Jahren mit einem Abschluss verließen, verloren nach der Wende ihre festen Arbeitsplätze. Honza Holub jobbt seitdem mal auf dem Bau, mal als Handwerker, die Familie erhält Sozialhilfe und Kindergeld.

Jahrelang versuchte Holub, eine größere Wohnung zu finden - vergeblich. Dabei haben die Eheleute in ihrem Leben weder Mietschulden angehäuft noch Straftaten begangen. Sie sind einfach arm - und Roma.

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Hilfsprojekt für Roma: In Würde wohnen

Die Idee ist simpel: Den Teufelskreis durchbrechen

"Wohnen zuerst" wurde von der Brünner Alternativpartei Zít Brno und der ebenfalls in der Stadt ansässigen Nichtregierungsorganisation "IQ Roma Service" konzipiert. Die Grundidee ist, leerstehende stadteigene Wohnungen günstig an arme Familien zu vermieten. Zugleich helfen Sozialarbeiter ihnen bei der Reintegration in ein normales Leben - angefangen von Schuldenberatung über Arbeitssuche bis hin zur Organisation des Schulalltages für Kinder. Einzige Bedingung: Wer an dem Programm teilnimmt, muss mindestens einmal in der Woche ein Beratungs- und Evaluierungsgespräch mit einem Sozialarbeiter führen. Finanziert wird "Wohnen zuerst" aus dem Sozialfonds der Europäischen Union, die Stadt Brünn steuert die Mietwohnungen bei.

Das Projekt ist das erste und bisher einzige dieser Art in Tschechien, und es könnte osteuropaweit als Modell dienen. Denn so wie in Brünn leben auch viele andere der fünf bis sieben Millionen Roma in Mittel- und Südosteuropa überwiegend unter ärmlichen Wohn- und Lebensbedingungen, häufig in isolierten, ghettoartigen Siedlungen ohne fließendes Wasser, Kanalisation oder Verkehrsanbindung.

"Alles beginnt mit guten Wohnverhältnissen", sagt der Brünner Bürgermeister Petr Vokrál. "Ohne ein gutes Wohnumfeld können Roma-Kinder nicht gut lernen und haben später auch nur schlechte oder keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Mit unserem Projekt wollen wir diesen Teufelskreis durchbrechen."

Vokrál, 53 Jahre alt, ist seit Oktober 2014 Bürgermeister von Brünn. Er gehört der rechtspopulistischen Partei ANO des tschechischen Milliardärs Andrej Babis an, gilt aber parteiintern als Liberaler und Antipopulist. Als Vokráls kleiner Koalitionspartner, die Alternativpartei Zít Brno, 2016 den Projektvorschlag für "Wohnen zuerst" präsentierte, war die Skepsis im Stadtrat groß. "Viele meinten, diese Leute würden doch nie Miete zahlen", sagt Vokrál. Doch der Bürgermeister überzeugte seine Parteikollegen, eine Mehrheit im Stadtrat stimmte schließlich für das Projekt.

Widerstand der Wohnungsverwaltungen

420 Familien bewarben sich für die Wohnungen, per Losentscheid wurden fünfzig ausgewählt - darunter viele ohne Mietverträge oder mit einem laufenden Verfahren zur Zwangsräumung. Die ersten Familien zogen im September 2016 um, die letzten im Mai 2017. Für ihre Wohnungen bezahlen sie im Schnitt einen Quadratmeterpreis von umgerechnet 1,60 Euro - die Hälfte des marktüblichen Durchschnitts in Brünn.

Sozialarbeiter Jan Milota beim Familienbesuch
Barbora Kleinhamplova

Sozialarbeiter Jan Milota beim Familienbesuch

Eines der größten Probleme sei anfangs der Widerstand der Wohnungsverwaltungen in manchen Brünner Stadtbezirken gewesen, sagt der Sozialarbeiter und Projektkoordinator Jan Milota von der Organisation "IQ Roma Service": "Manche wollten einfach keine Roma als Mieter haben." Auch Martin Freund, Sozialpolitiker von der Alternativpartei Zít Brno, der das Projekt mitkonzipiert hat, erhielt auf Facebook rassistische Nachrichten. Aber er und seine Partei ließen sich nicht beirren. "'Wohnen zuerst' gehört zu unserem Programm", sagt Freund. "Wenn uns einige deshalb nicht wiederwählen oder wir nicht mehr in den Stadtrat kommen, dann eben nicht."

Gut ein Jahr nach Projektbeginn ist "Wohnen zuerst" erfolgreicher, als viele in Brünn erwartet hatten. Die meisten Familien haben keine oder nur geringe Mietrückstände. Jan Milota sagt, lediglich für ein oder zwei der fünfzig Familien werde die weitere Projektteilnahme nach Ablauf der ersten Einjahresfrist wohl nicht verlängert werden. Auch der Brünner Bürgermeister Vokrál zieht eine positive Bilanz. "Inzwischen erkundigen sich viele Kollegen aus anderen Städten, wie und warum unser Projekt funktioniert. Wir sollten es nicht nur weiterführen, sondern sogar ausweiten."

Die Eheleute Holub-Muchová verstehen nicht viel von Politik, aber sie sind den Initiatoren von "Wohnen zuerst" und dem Bürgermeister zutiefst dankbar. "Das Schlimmste an der alten Wohnung war, dass wir absolut keine Zukunft für uns sahen", sagen die beiden. "Jetzt haben wir ein Zuhause und Sicherheit. Das ist einfach wunderbar."



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