Russische Stadt Wolgograd Selbstmordattentäter tötet mindestens 14 Menschen

Binnen 20 Stunden sind in der russischen Stadt Wolgograd zwei schwere Anschläge verübt worden. Auch für die Explosion am Montag ist ein Selbstmordattentäter verantwortlich, haben Ermittler herausgefunden. Der Täter riss mindestens 14 Menschen in den Tod.


Moskau - Die südrussische Stadt Wolgograd ist am Montag von einer Explosion erschüttert worden. Während des Berufsverkehrs detonierte ein Sprengsatz in einem Oberleitungsbus. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat. Er tötete mindestens 14 Menschen. Mindestens 28 weitere Menschen wurden laut Gesundheitsministerium verletzt.

"Die Leiche des Täters wurde sichergestellt, jetzt läuft die Identifizierung", sagte ein Sprecher der Ermittler der Agentur Interfax. Der Extremist wollte offenbar viele Menschen treffen: Der Bus der Linie N15 war Rettungskräften zufolge voll besetzt. Das Fahrzeug explodierte in der Nähe eines Marktes im Stadtzentrum. Dort befanden sich zu dem Zeitpunkt der Detonation viele Kinder, die sich für eine Aufführung für die Neujahrsfeier vorbereiteten. Unter den Toten sind zwei Kinder und ein Baby.

Das Neujahrsfest ist der wichtigste Feiertag in Russland, das mit Straßenfesten und Neujahrsmärkten in den Städten begangen wird. Die Explosion ereignete sich am ersten Ferientag. Sergej Baschenow, der Gouverneur der Region Wolgograd, hat jetzt eine fünftägige Trauerphase angeordnet.

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Terroranschläge: Angst in Wolgograd
Die Bombe habe eine Sprengkraft von mindestens vier Kilogramm TNT gehabt und sei mit Metallstücken gefüllt gewesen, so die Ermittler. Die Teile seien identisch mit dem Inhalt der Bombe vom Vortag. "Das bestätigt unsere These, dass beide Attacken miteinander verknüpft sind. Es ist möglich, dass sie am selben Ort vorbereitet wurden", sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde.

Am Sonntag hatte sich eine Frau vor dem Bahnhof von Wolgograd in die Luft gesprengt. Sie tötete mindestens 17 weitere Menschen. Dutzende andere Menschen wurden verletzt. Zu beiden Anschlägen bekannte sich zunächst niemand. Hinter den Taten werden aber Islamisten vermutet.

Das russische Innenministerium ordnete eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land an und setzte die Terrorwarnstufe für Wolgograd herauf. Kreml-Chef Wladimir Putin beauftragte den Inlandsgeheimdienst FSB, sich in die Ermittlungen einzuschalten. Putin bekräftigte, dass die Terrorakte nicht ungesühnt bleiben dürften. Ein Regierungssprecher sagte, die Familien der Opfer erhielten eine Million Rubel, umgerechnet etwa 22.000 Euro.

Terror vor den Olympischen Spielen in Sotschi

Wolgograd liegt nahe der unruhigen Kaukasus-Region. Extremisten wollen dort einen islamistischen Staat errichten. Ihr Anführer Doku Umarow hatte im Juli in einem Video zu Anschlägen aufgerufen, um die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in Sotschi "mit allen Mitteln" zu verhindern. Die Winterspiele finden im Februar statt. Die Industriemetropole Wolgograd, die bis 1961 Stalingrad hieß, liegt rund 700 Kilometer von Sotschi entfernt.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sprach den russischen Sicherheitsbehörden am Montag das Vertrauen aus: "Bei den Olympischen Spielen liegt die Sicherheit in der Verantwortung der lokalen Behörden, und wir haben keinen Zweifel daran, dass die russischen Behörden sie gewährleisten werden."

Am Freitag war in der Stadt Pjatigorsk - knapp 300 Kilometer von Sotschi entfernt - eine Autobombe detoniert. Dabei wurden drei Menschen getötet.

Bereits im Oktober hatte sich in Wolgograd eine Frau in einem Bus in die Luft gesprengt und sechs Menschen in den Tod gerissen. Als Attentäterin identifizierten die Behörden eine sogenannte Schwarze Witwe, die Frau eines radikalislamischen Extremisten aus der unruhigen russischen Teilrepublik Dagestan im Kaukasus.

Auch die Täterin vom Sonntag war nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti mit zwei Islamisten verheiratet, die beide im Kampf gegen russische Regierungstruppen getötet wurden. Sie stammte ebenfalls aus Dagestan.

Der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kirill, schrieb am Montag in einem Telegramm an den Gouverneur des Wolgograd-Gebiets, Baschenow, Verbrecher hätten erneut friedliche Bürger attackiert, um "Angst und Entsetzen zu streuen".

kgp/cth/pad/dpa/Reuters/AP



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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
happytobealive50 30.12.2013
1.
Russland hat ein ernstes Problem. Am Ende bleiben die Athleten zwar nicht wegen Putins seltsamer Politik aus. Sondern schlicht, um sich nicht selbst zu gefährden. Ersteres hätte ihnen besser gestanden.
tchach 30.12.2013
2. Grausam
Es wird immer und nur über die Grausamkeit der Bombenanschläge ausführlich berichtet. was aber über die Gräueltaten der russischen Armee gegen die zivile Bevölkerung in Tschetschenien wird geschwiegen.
tolokno 30.12.2013
3. Krieg
In Russland herrscht Krieg seit 1994. Er war zwar aus den Schlagzeilen, hat jedoch tatsächlich nie aufgehört. Wenige Wochen vor der Olympiade kehrt er nun in die Schlagzeilen zurück. Und zumindest solange Putin regiert, wird er auch nicht aufhören. Bezahlen müssen dafür jede Menge Unschuldige so wie gestern und heute in Wolgograd und anderswo.
xenoxx 30.12.2013
4. Kurzzeitgedächtnis
Zitat von toloknoIn Russland herrscht Krieg seit 1994. Er war zwar aus den Schlagzeilen, hat jedoch tatsächlich nie aufgehört. Wenige Wochen vor der Olympiade kehrt er nun in die Schlagzeilen zurück. Und zumindest solange Putin regiert, wird er auch nicht aufhören. Bezahlen müssen dafür jede Menge Unschuldige so wie gestern und heute in Wolgograd und anderswo.
Dieser Krieg begann bereits im neunzehnten Jahrhundert! So lange bereist schwelt der Konflikt zwischen den Tschetschenen und den Russen. Aber so lange regiert Putin nun wirklich nicht. Ergo: der Konflikt hat nicht zwingend mit Putin zu tun - die Ursachen liegen vielmehr tief in der Geschichte verwurzelt. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass 1980 der Westen geschlossen gegen den Einmarsch der Roten Arme in Afghanistan protestierte. Warum die Russen dort einmarschiert waren, blieb in den westliche Medien nahezu unerwähnt. Ironie der Geschichte: Heute verteidigt die Bundeswehr die «Freiheit im Kaukasus»
Mullersun 30.12.2013
5.
Und ich gehe davon aus das siehe keine Ahnung von der politischen Situation in Russland haben. Terrorismus und Bombenanschläge gibt es Russland seit dem Tschetschenien-Krieg immer wieder..
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