Wüstengeiseln "Befreiung? Absoluter Unsinn!"

Hilflos in der Wüste: Bernd L., 65, befand sich unter den 19 in den Sudan verschleppten Geiseln. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der pensionierte Studienrat kurz nach seiner Heimkehr nach Deutschland - und verweist Berichte über eine gezielte, planvolle Befreiung der Entführten ins Reich der Märchen.


SPIEGEL ONLINE: Willkommen zurück in Deutschland, Herr L. Wir sind froh, dass die Befreiung glimpflich ablief.

Bernd L.: Das war keine Befreiung, das ist absoluter Unsinn. Nach der Entführung in der ägyptischen Wüste wurden wir von einer Gruppe Freischärler in den Sudan verschleppt. Dort sollte auch die Geldübergabe stattfinden. Ein Teil der Entführer passte dort auf uns Geiseln auf, ein anderer Teil der Gruppe blieb in Ägypten. Diese Entführer wurden am Sonntag von der sudanesischen Armee angegriffen, sechs Freischärler starben dabei. Die Überlebenden machten sich dann auf den Weg zu uns.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kamen Sie frei?

L.: Sonntag, so um 19 Uhr, kamen die Entführer in Jeeps in unser Wüstenlager gebraust. Auf einmal herrschte ein Riesendurcheinander in der Wüste. Dann nahmen sie uns unsere Uhren, unser Werkzeug und die ganze Ausrüstung ab. Der Hauptmann der Entführer ging dann zu unserem ägyptischen Reiseleiter und sagte: "Ihr habt unsere Leute umgebracht, aber wir bringen Euch nicht um. Wir lassen Euch frei!"

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie damit gerechnet?

L.: Nein, niemals, das war eine große Überraschung. Die ersten Minuten waren hart: Wir dachten, jetzt bringen sie uns um. Unsere größte Angst im Lager war die ganze Zeit, dass die Freischärler angegriffen würden und uns aus Rache umbringen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie genauer berichten, wie Sie überhaupt entführt wurden?

L.: Am dritten Tag unserer Reise sind wir in einem Sandfeld stecken geblieben - 150 Kilometer nördlich der sudanesischen Grenze, auf ägyptischen Gebiet. Ich saß im ersten Wagen, der schon wieder freigekommen war und weiterfuhr. Als die anderen nicht nachkamen, sind wir umgedreht, und dann kamen uns auch schon schwarze Punkte entgegen. Das waren jedoch nicht unsere anderen Jeeps, sondern schwarze Autos. Die Freischärler zwangen uns mit Maschinengewehren, auszusteigen und unsere Handys und Fotoapparate abzugeben. Wir wurden bis zur Unterhose ausgeraubt. Dann wurden wir in den Sudan verschleppt, wo wir bis zur Freilassung dann auch blieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie von den Geiselnehmern behandelt?

L.: Das waren nette Kriminelle, sie haben nie Gewalt angewendet. Die wollten nur Geld und hatten keinen ideologischen oder religiösen Hintergrund. Unsere ägyptischen Reisebegleiter haben die Entführer sogar mitbekocht. Am Schlimmsten war die Hitze, mittags herrschten 60 bis 70 Grad und weit und breit gab es keine Oase - nur Wüste.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, warum Sie freigelassen wurden?

L.: Nach zehn Tagen wurden wir langsam zu einer Belastung für die Entführer. Außerdem haben wir unserem Reiseleiter Ibrahim viel zu verdanken. Er blieb stets ruhig und verhandelte geschickt und gewandt. Er hat uns das Leben gerettet.

SPIEGEL ONLINE: War wirklich nur Verhandlungsgeschick entscheidend - oder wurden Sie von der Regierung freigekauft?

L.: Nein, das glaube ich nicht, es wurde kein Geld gezahlt. Eine von uns Geiseln fragte zwar einmal, wie viel sie forderten, und ein Entführer antwortete "6". Später hieß es dann, Deutschland wolle nur "2" bezahlen. Wir wussten aber nicht in welcher Währung. Passiert ist aber offenbar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Die ägyptische Regierung behauptet, ihre Armee hätte sechs Entführer umgebracht und den Rest festgenommen.

L.: Das ist absoluter Unsinn. Keiner der Geiselnehmer wurde festgenommen, die sind mit unseren Jeeps auf und davon.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie zurück nach Kairo?

L.: Die Freischärler hatten uns alles abgenommen, auch mein GPS-Gerät und drei unserer vier Landrover-Jeeps, und sind davongebraust. Wir 19 Geiseln mussten uns also in einen Jeep zwängen. Von abends 20 Uhr bis zwei Uhr in der Früh sind wir dann in der Wüste umhergeirrt.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen zu neunzehnt in einem Auto für sieben Personen?

L.: Ja, es herrschte eine Hysterie in dem Wagen - die jüngeren Leute haben die ganze Zeit geweint, und wir hatten fast kein Wasser mehr. Wenn wir eine Panne gehabt hätten oder uns festgefahren hätten, wären wir umgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Und niemand hat Sie gesucht?

L.: Mitten in der Nacht hörten wir Hubschrauber über uns. Wir wussten aber nicht, ob das Freund oder Feind war. Ich dachte mir, in zehn Sekunden weißt du es spätestens. Aber nichts passierte. Also stoppten wir den Motor und warteten bis zum nächsten Morgen.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

L.: Wir entschieden uns, in eine andere Richtung weiterzufahren. Und irgendwann tauchten hinter einem Hügel Zelte auf. Wir fuhren näher ran. Da kamen dann auch schon Männer in Autos und mit Waffen, die ich noch nie gesehen hatte, auf uns zu. Wir wurden gezwungen, uns auf den Boden legen.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Männer?

L.: Es waren ägyptische Soldaten, die in der Wüste in einem Militärcamp lebten. Zum Glück war das Lager vom deutschen Technischen Hilfswerk (THW) ausgerüstet worden. Es gab dort sogar Duschen. Wir wurden dann sehr nett empfangen, bewirtet und Ärzte untersuchten uns. Etliche von uns kamen an den Tropf. Ich auch, weil ich einen zu niedrigen Blutdruck hatte.

SPIEGEL ONLINE: Und dann wurden Sie nach Kairo ausgeflogen?

L.: Genau, eine Transportmaschine des Militärs brachte uns nach Kairo, wo wir zuerst in einem Militärkrankenhaus untersucht wurden und abends dann zu einem Empfang in der Deutschen Botschaft eingeladen waren. Dort sah ich zum ersten Mal Beamte des BND und der GSG 9. Circa 25 Männer der Sondereinheit waren in der Botschaft. Wir aßen dann zusammen, tranken Champagner und Wein.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben Sie hier in Ihrem Reisebüro getroffen, was machen Sie denn hier?

L.: In ein paar Tagen sollte schon die nächste Reise nach Brasilien losgehen, ich werde wohl auch fliegen. Schließlich habe ich sie schon bezahlt, man kann sie jetzt nicht mehr umbuchen. Im Kleingedruckten wird "Entführung" nicht als Grund für eine Stornierung anerkannt.

Das Interview führte Christian Fuchs



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