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Wütende Demonstranten in Beirut: Christen schwenken Hisbollah-Flaggen

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz

Die Bilder der toten Kinder aus Kana haben die Libanesen im Zorn vereint: Zu Tausenden gingen Christen und Schiiten heute gemeinsam auf die Straßen. Die Horrorszenen aus dem geschichtsträchtigen Ort haben die Hisbollah-Kritiker verstummen lassen.

Beirut - Es dauerte keine vier Stunden, dann waren die Libanesen da. Als am Sonntagmorgen gegen sieben Uhr die ersten Meldungen kamen, dass bei einem schweren Bombenangriff im Süden Dutzende von Menschen umgekommen waren, stellten viele Libanesen ihren Fernseher lauter. Als sich herausstellte, dass ein Wohnhaus ausgerechnet in der südlibanesischen Stadt Kana getroffen wurde, hielt sie nichts mehr vor dem Bildschirm. Zu Tausenden machten sich die Menschen auf, um vor dem Uno-Gebäude am Riyad el Soloh-Platz im Stadtzentrum ihre Wut und ihren Schmerz herauszuschreien.

"Kana ist nicht irgendein Ort, Kana ist ein Symbol" ruft Adel Jaafar die Sprechchöre der Menge hinweg. Hinter ihm steht ein schwer bewaffneter Militärkordon: Die ersten Demonstranten hatten das Hauptgebäude der Uno angegriffen, Fenster und Büromaterial zertrümmert, bevor die Staatsmacht eintraf.

Christen und Schiiten demonstrierten heute gemeinsam gegen die israelischen Angriffe bei denen im Südlibanon in den vergangenen Tagen hunderte Zivilisten starben.
DPA

Christen und Schiiten demonstrierten heute gemeinsam gegen die israelischen Angriffe bei denen im Südlibanon in den vergangenen Tagen hunderte Zivilisten starben.

Dass das Uno-Gebäude gestürmt wurde, ist kein Zufall: Steht es im Libanon doch für die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, der libanesischen Zivilbevölkerung Schutz zu gewähren. Bei einem israelischen Artillerieangriff 1996 kamen in Kana 106 Menschen ums Leben, die sich in dem Blauhelm-Camp in Sicherheit hatten bringen wollen.

Seit Kriegsbeginn vor 18 Tagen haben sich die Libanesen nur in kleinen Gruppen auf die Straße getraut, um gegen die Angriffe auf ihr Land zu protestieren. Kana hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Dementsprechend brodelt die Stimmung. "Wir geben unser Blut für den Süden" schallt es in Wellen durch die Menge. Die Masse ist im Zorn vereint. Christinnen mit Prada-Sonnenbrillen im Haar schwenken Hisbollah-Flaggen und Bilder des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah, schwarz verschleierte Schiitinen halten Schilder hoch: "Death for America" und "Bush =Terror".

In Wut vereint

Hussein Haj Hassan, Parlamentsabgeordneter der Hisbollah wird von skandierenden Männern auf Schulter getragen und umklammert dabei eine Flagge der Amal, eigentlich die schiitische Konkurrenzorgansiation. "Wer seid ihr?" ruft ein sunnitischer Parlamentarier per Lautsprecherwagen über den ganzen Platz, auf dem sich inzwischen Tausende eingefunden haben. "Der Widerstand!" kommt die Antwort von Tausenden, an deren Fahnen und T-Shirts man erkennt, dass sie sich politisch sonst nicht mit der Hisbollah identifizieren.

Adel ist in Zeiten knappen Benzins extra eine Dreiviertelstunde gefahren, um sich dem Protest anzuschließen. "Hier beweisen wir der Welt: Wir leben noch! Trotzdem uns Unglaubliches, Unerträgliches angetan wird, stehen wir heute hier als ein Volk!" sagt er. Wie er sind viele hier tief zufrieden mit der Absage ihres Präsidenten Siniora an die US-Außenministerin Condolezza Rice, die ursprünglich am Montag in den Libanon kommen wollte, nun aber ausgeladen wurde. Wenn Condi keinen Waffenstillstand will, braucht sie auch nicht kommen, ist der Tenor der Meinungen.

Der Protest vor der Uno richtet sich nicht nur gegen Israel und die USA. Die Libanesen fühlen sich von der arabischen Welt im Stich gelassen. "Ich fordere die arabischen Völker auf, nicht nur zuzusehen, wie wir getötet werden. Geht auf die Straße, blockiert die Botschaften der westlichen Staaten in euren Ländern", fordert ein sunnitischer Parlamentarier unter heftigen Applaus. Er beschwört die eingeschlossenen Menschen im Süden, Geduld zu haben. "Wir werden kämpfen, knien tun wir nur vor Gott."

Ein Grußwort des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah, in dem auch er das Versagen der arabischen Nachbarn ankreidet, wird verlesen: Nasarallah rufe das Volk zur Disziplin auf, es solle nicht unüberlegt handeln, zitiert Ali Ammar, der für die Hisbollah im Parlament sitzt. "Dies ist nicht unser Weg!" Julia Botros, eine für ihre patriotischen Lieder bekannte christliche Sängerin tritt ans Mikrofon und grüßt Nasrallah als historischen Führer: "Ehrlichkeit und Ehre sind seine Werte."

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Wut in Beirut: Sturm auf das Uno-Gebäude

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