Wut auf die Polizei Tausende Chinesen revoltieren gegen die Staatsmacht

Aufgebrachte Menschen zünden Polizeiautos an, attackieren Beamte, bauen Barrikaden: Im Südwesten Chinas ist es zu schweren Krawallen gekommen, offenbar aus Protest gegen staatliche Willkür. Seit Monaten bricht immer wieder Gewalt aus - Peking fürchtet einen Aufstand der Massen.


Peking - Im Südwesten Chinas haben sich in der Nacht zum Freitag Tausende Menschen gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, begannen die Proteste im Bezirk Qianxi der Provinz Guizhou am Donnerstagabend. Aufgebrachte Demonstranten steckten Autos in Brand und errichteten laut einem Bericht eines staatlichen Nachrichtensenders auch Straßenbarrikaden. Mindestens zehn Polizisten wurden dem Bericht zufolge bei den Ausschreitungen verletzt. Zu den Unruhen soll es gekommen sein, als ein Falschparker mit städtischen Angestellten in Streit geraten war, berichtete ein amtlicher Rundfunksender.

Offiziell freigegebene Bilder gibt es von dem Zwischenfall nicht. Auf der chinesischsprachigen Website Canyu allerdings sind Fotos abgebildet, die aus der Nacht stammen sollen. Darauf ist eine Menschenmenge zu sehen, die um ein beschädigtes Behördenfahrzeug herumsteht, das Auto liegt auf dem Dach, die Scheiben sind eingeschlagen. Ein anderes Foto zeigt Tausende Menschen, die sich auf einem Platz versammelt haben, einige filmen oder fotografieren mit Handys. Auf einer Kreuzung brennt etwas lichterloh, mutmaßlich ein Autowrack. Allerdings lässt sich nicht bestätigen, dass die Aufnahmen tatsächlich die Proteste in Qianxi zeigen.

Xinhua meldet, es seien zehn Personen festgenommen worden, die die Fahrzeuge angegriffen haben sollen. Zehn Autos seien zerstört, fünf weitere in Brand gesetzt worden.

Seit Anfang des Jahres fürchtet die chinesische Regierung, der arabische Frühling könnte auf das eigene Land übergreifen. Immer wieder kommt es in den vergangenen Monaten zu Ausschreitungen, meist werden wenig Details aus dem autoritär regierten Land bekannt.

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China: Unruhe im Riesenreich
Bereits Ende Juli war es nach dem Tod eines behinderten fliegenden Händlers in einer anderen Stadt in Guizhou zu Ausschreitungen gekommen. Für den Tod des einbeinigen Obstverkäufers wurden sogenannte Chengguan-Beamte verantwortlich gemacht. Den städtischen Sicherheitskräften, die in China allgemein sehr unbeliebt sind, wird immer wieder übertriebene Gewalt vorgeworfen. Und auch nach einem Zugunglück, bei dem etliche Menschen ums Leben kamen, gab es Massenproteste. Bisher hat sich aber offenbar noch keine organisierte Bewegung gebildet.

2009 kam es in ganz China laut einer Studie zu fast 90.000 solcher Zwischenfälle. Die Untersuchung wurde von zwei Gelehrten der Nankai-Universität in Nordchina erstellt. Es gibt aber auch Schätzungen, die weitaus höher liegen.

Nach Angaben von Radio Free Asia, das in Washington sitzt, verbreitet sich der Protest in China auch übers Internet weiter - trotz weitgehender Sperren durch die staatliche Zensurbehörde. Wer auf der Microblogging-Website Weibo nach Stichwörtern aus der Region Qianxi suchte, bekam am Vormittag zu lesen, Nachrichten seien wegen "wichtiger rechtlicher Anordnungen" geblockt. Einige Postings aber kamen durch, eins zitiert die Nachrichtenagentur Reuters: "In Wahrheit gibt es in China jede Woche heftigere Ausschreitungen als die in England."

Das Regime in Peking unterdrückt systematisch Kritiker, so auch die Menschenrechtsaktivistin Wang Lihong, die derzeit wegen der Teilnahme an einer Demonstration vor Gericht steht. Ihr drohen mehrere Jahre Haft.

ffr/AFP/Reuters

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Manitou, 12.08.2011
1. Zwei Formulierungen für das selbe Ereigniss
Obwohl sowohl in Großbritannien, als auch in China die Menschen auf die Straße gehen und dabei eine Spur der Verwüstung hinterlassen, ist die Formulierung in den Artikeln total unterschiedlich. Während man bei den Aufständischen in GB offiziell von "Randalierern" und "Kriminellen" spricht, heißt es über China nur "Revolte". In China wird man sicherlich genau umgekehrt davon schreiben. Leider gibt es keinen deutschsprachigen Sender aus China, den man in Europa empfangen kann, denn dann hätte man wie vor 1989 die Möglichkeit zu jedem Ereigniss zwei Meinungen zu erhalten.
Jahiro, 12.08.2011
2. Will U.K. jetzt den chinesischen Weg gehen?
"Nach Angaben von Radio Free Asia, das in Washington sitzt, verbreitet sich der Protest in China auch übers Internet weiter - trotz weitgehender Sperren durch die staatliche Zensurbehörde." Eventuell mit gleichem Erfolg?
neologismix 12.08.2011
3. ...
An die Rechtschreibfehler bei SPON hab ich mich ja inzwischen schon gewöhnt, aber diese Bildunterschrift hier ist dann doch schon eine Erwähnung wert: "Problemfall Uiguren: Anfang August kam es in der Stadt Kashgar zu einem schweren Anschlag. 18 Tote kamen dabei ums Leben. China wird vorgeworfen, die muslimische Minderheit dort zu unterdrücken." Schon schlimm wenn es einen doppelt erwischt.
teenriot 12.08.2011
4. Beim nächsten Staatsbesuch in China
"Bevor Sie hier, hier und hier unterschreiben, wollte ich nochmal anmerken das ihr Regierungsstil unmenschlich ist. Darf ich ihnen einen Kugelschreiber geben?"
Thomas Paine 12.08.2011
5. Investition in die Zukunft
Zitat von sysopAufgebrachte Menschen zünden Polizeiautos an, attackieren Beamte, bauen Barrikaden: Im Südwesten Chinas ist es zu schweren Krawallen gekommen, offenbar aus Protest gegen staatliche Willkür. Seit Monaten bricht*immer wieder Gewalt aus - Peking fürchtet einen Aufstand der Massen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779897,00.html
Jetzt wissen wir also auch, warum der Chinesische Staat so viel in die militärische Aufrüstung investiert.
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