Putins Herausforderin Die wolkige Frau Sobtschak

Moderatorin Xenia Sobtschak kandidiert für die Präsidentschaftswahl in Russland, sie fordert Putin heraus. Ihre erste Pressekonferenz wurde vom Staats-TV online übertragen. Mit Spannung wurde erwartet, ob sie ihr politisches Programm umreißen würde.

Xenia Sobtschak
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Xenia Sobtschak

Von , Moskau


Xenia Sobtschak tritt auf die Bühne des Elektrotheaters in Moskau. Im Saal drängen sich die Journalisten Schulter an Schulter. Viele sitzen auf dem Boden. Ein Teil kann nur über eine Videoleinwand in einem zweiten Raum verfolgen, was die 35-Jährige auf ihrer ersten Pressekonferenz zu verkünden hat, nachdem sie erklärte, bei der Präsidentschaftswahl anzutreten (Lesen Sie hier die Hintergründe).

Sobtschak hat schon viele Rollen in ihrem Leben gespielt. Sie hat es immer geschickt verstanden, im Gespräch zu bleiben: In der Doku-Soap "Die Blondine in Schokolade" zeigte sie ihr privilegiertes Leben als Glamour-Girl, moderierte die russische "Big Brother"-Version "Dom 2", ließ sich leicht bekleidet für Titelblätter fotografieren. 2011 schloss sie sich dann den Protesten gegen Wahlfälschung bei der Duma-Wahl an, wurde Moderatorin beim unabhängigen Fernsehsender TV Doschd.

Jetzt ist sie die Kandidatin.

Fassade wahren

"Sie können über mich lachen, aber ich verstehe das Show Business", sagt Sobtschak am Dienstag. Sie möchte sich nicht als Politikerin, sondern als Bürgern verstanden wissen, die sich einmische, um ihr Land zu ändern.

"Mein Job ist es, die Regeln der Show umzuschreiben - ein neues Gesicht in die Show zu bringen." Die Show - das sind die Wahlen, Sobtschak bezeichnet diese als Scheinwahlen.

Doch die Frage bleibt, inwieweit Sobtschak nur Teil dieses Spiels ist, ihm als Alibi-Kandidatin sogar die notwendige Legitimität verleiht. Die Fassade zu wahren, das ist dem Kreml wichtig. Wladimir Putin, der seine Kandidatur noch nicht verkündet hat, von dem aber alle erwarten, dass er antritt und gewinnt, braucht eine Abstimmung, die nach Wahl aussieht. Mit Konkurrenten, die nicht schon seit Jahren antreten, mit einer ordentlichen Wahlbeteiligung. Sobtschak, weit weniger gefährlich als Alexej Nawalny, der zu Massenprotesten aufruft, passt da gut ins Bild. Sie ist bestens in der russischen Elite vernetzt, 95 Prozent der Russen haben schon mal von ihr gehört.

Liveübertragung bei Staatssender

Der Staatssender RT wie auch der kremlnahe Sender Life übertragen ihre Pressekonferenz im Internet live. Wann haben sie das je bei einem echten Oppositionskandidaten gemacht? Nawalny wird von staatlichen und staatsnahen Medien ignoriert, außer sie berichten über angebliche Skandale des Oppositionellen.

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Herausforderin für Putin: Die große Xenia-Show

Deshalb ist das Misstrauen gegen Sobtschak groß. Sie gibt sich modern und selbstbewusst, nennt sich liberal und eine Demokratin. Den Präsidenten kennt sie seit ihrer Kindheit. Ihr Vater, Sankt Petersburgs ehemaliger Bürgermeister Anatoli Sobtschak, machte Putin in den Neunzigerjahren zu seinem Stellvertreter. Die Tochter vermeidet es, den heutigen Präsidenten zu kritisieren: "Natürlich ist Putin für einige ein Tyrann und Diktator. Andere sehen ihn als Russlands Bewahrer. Ich bin in einer schwierigen Situation, Putin hat meinem Vater geholfen, ihm praktisch das Leben gerettet."

Gegen alle - aber wofür?

"Gegen alle" lautet Sobtschaks Slogan, der auch auf ihrem Macbook vor ihr klebt. "Gegen alle" war bis 2004 eine Spalte auf den Stimmzettel für die Präsidentschaftswahlen. Sie wolle damit diejenigen an die Urnen bringen, die es satt haben, 18 Jahre von dem gleichen Mann regiert zu werden, und die gegen die Korruption im Land sind.

Sie wolle sich für die Freiheit derjenigen einsetzen, die es selbst nicht können. Wie der Regisseur Kirill Serebrennikow, der wegen Betrugsvorwürfen unter Hausarrest steht, oder Oleg Nawalny, Bruder der Oppositionellen.

Wofür Sobtschak aber politisch steht, was ihr genaues politisches Programm ausmacht, wird auch am Dienstag nicht deutlich. Ihre Antworten bleiben vage, in einem Brief für die Zeitung "Wedomosti" hatte sie sich in der vergangenen Woche recht langatmig geäußert, ohne jedoch konkreter zu werden. Dort schrieb sie, sie sei für die Freiheit der Unternehmer, gegen Internetüberwachung. Das Programm sei eine Aufgabe, die sie gemeinsam mit dem Stab und künftigen Mitstreitern angehen werde, kündigt Sobtschak an.

Einzig in der Frage der annektierten Krim wird sie deutlich: "Nach internationalem Recht gehört die Krim zur Ukraine. Punkt."

imago/ ITAR-TASS

Wahlkampfleiter aus Jelzin-Zeiten

Mindestens 300.000 Unterschriften muss Sobtschak nun sammeln, wenn sie wirklich als unabhängige Kandidatin antritt, als die sie sich bezeichnet. Eine hohe formale Hürde, wenn man bedenkt, dass je Region nicht mehr als 7500 Unterschriften zählen, so dass sie in mindestens 40 Regionen Unterschriften zusammenbekommen müsste. Wie Sobtschak das machen will, ist unklar - wie auch die Finanzierung ihrer Kampagne, sie sprach von zahlreichen Geschäftsleuten, die sie aber nicht outen wolle. Das müssten diese selbst machen.

Ihren Wahlkampfleiter ernannte sie so kurzfristig, dass sie ihn den anderen Mitgliedern des Stabs erst am Dienstag kurz vor der Pressekonferenz vorstellte. Es handelt sich um Igor Malaschenko, einst Chef der TV-Station NTW. Er leitete 1996 die Präsidentschaftskampagne für Boris Jelzin, der gegen die Rückkehr der Kommunisten wetterte. Malaschenko gilt als gut vernetzt.

Dass er nun Sobtschak unterstützt, kam bei ihm zu Hause gar nicht gut an - seine Lebensgefährtin Boschena Rynska meldete sich auf Facebook zu Wort: "Ich dachte, er macht Witze. Ich bin schockiert." Sie sei nur für einen - Nawalny.

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