Xi Jinping auf Staatsbesuch: Obama ermahnt Chinas kommenden starken Mann

Von Sebastian Fischer, Washington

Es ist ein Besuch zum Kennenlernen: Xi Jinping, Chinas kommender starker Mann, ist vier Tage zu Gast in Amerika. US-Präsident Barack Obama gibt den guten Gastgeber, demonstriert aber auch Härte. Ihm ist klar, dass Xi nicht als Reformer gekommen ist.

Wenn es richtig gut läuft für Barack Obama, dann hat er an diesem Dienstag einen Politiker getroffen, mit dem er eine lange Zeit zusammenarbeiten wird. Denn Xi Jinping, gegenwärtig Chinas Vizepräsident, gilt als der kommende starke Mann des Riesenreichs im Osten und Nachfolger von Hu Jintao. Im Herbst soll ihn ein KP-Kongress zum neuen Parteichef bestimmen, ab März 2013 dürfte er für die nächsten zehn Jahre an die Staatsspitze treten. Das scheint ziemlich sicher.

Nicht so sicher ist allerdings Obamas Zukunft, die sich ebenfalls in diesem Herbst entscheidet. Sollten ihm die Amerikaner dann eine zweite Amtszeit genehmigen, werden Obama und Xi jene beiden Männer sein, die die Weltgeschicke in den kommenden Jahren bestimmen: Der eine Präsident der Supermacht von heute; der andere autoritärer Herrscher der Supermacht von morgen.

So gilt Xis Visite in Amerika vornehmlich dem Kennenlernen. Vier Tage ist er unterwegs, wird neben der Hauptstadt Washington auch den Agrarstaat Iowa sowie Los Angeles besuchen. Der 58-Jährige kennt die USA bereits, in den Achtzigern war er als Lokalpolitiker zu Besuch, seine Tochter studiert in Harvard.

Viele Streitpunkte

Was kann der Westen, was können die USA von dem Mann erwarten? Festlegen mag man sich in Washington noch nicht, doch sind die Hoffnungen nicht übermäßig hoch. "Es gibt keine Anzeichen, dass China da gerade seinen Michail Gorbatschow bekommt", kommentiert die "Washington Post" mit Blick auf den absehbar geringen Reformeifer des Neuen. Obama seinerseits sucht am Dienstag all jene Punkte zur Sprache zu bringen, die das Verhältnis der beiden Mächte zuletzt eingetrübt hatten:

  • Handelsbeschränkungen für US-Firmen;
  • Chinas künstlich niedrig gehaltene Währung, um Exporte zu erleichtern;
  • der mangelnde Schutz geistigen Eigentums;
  • chinesische Menschenrechtsverletzungen;
  • Pekings Aufrüstung in Asien und die Ankündigung der USA, ihre Truppenpräsenz im pazifischen Raum zu erhöhen;
  • Chinas Veto gegen eine Uno-Sicherheitsratsresolution in Sachen Syrien.

Also mahnt Obama - diplomatisch: Er begrüße Chinas "friedlichen Aufstieg" in der Welt, erklärte der US-Präsident. Mehr Macht und Wohlstand bedeuteten aber auch "mehr Verantwortung". Amerika wolle mit China zusammenarbeiten, um sicherzustellen, "dass sich jeder an die Straßenregeln des Weltwirtschaftssystems hält".

Auch in der Menschenrechtsfrage äußerte sich Obama, ohne Xi allerdings direkt zu kritisieren: "Was kritische Themen wie Menschenrechte angeht, so werden wir weiterhin betonen, was wir für wichtig halten, nämlich die Anerkennung der Bestrebungen und Rechte aller Menschen." Xi sagte, China habe in den vergangenen 30 Jahren enorme Fortschritte bei den Menschenrechten erzielt: "Natürlich gibt es immer Raum für Verbesserungen." China sei bereit, mit den USA und anderen Staaten konstruktive Gespräche über das Thema zu führen.

Chinas Vize hatte sich bereits zuvor mit US-Vizepräsident Joe Biden und Außenministerin Hillary Clinton getroffen. "Das ist eine der wichtigsten bilateralen Beziehungen der Welt", erklärte Biden. Auch wenn beide Länder nicht in allen Themen die gleiche Meinung hätten, sei es ein "Zeichen der Stärke und Reife in unserem Verhältnis, dass wir freundlich über unsere Differenzen reden können". Xi beteuerte, er freue sich auf einen "ehrlichen und tiefgründigen Austausch über unsere Haltungen und unsere gemeinsamen Interessen".

"Die Kern-Interessen des Westens achten"

Am Vorabend hatte er bereits Kontakt mit Amerikas Polit-Veteranen um Ex-Außenminister Henry Kissinger und Zbigniew Brzezinski, dem früheren Sicherheitsberater von Ex-Präsident Jimmy Carter. Brzezinski warnte zuletzt in einem Aufsatz für das Magazin "Foreign Affairs" vor einem Konflikt zwischen China und den USA: "Sollten ängstliche Vereinigte Staaten und ein allzu selbstsicheres China in wachsende politische Feindschaft abdriften, dann wäre es mehr als wahrscheinlich, dass es beide Länder mit einem wechselseitigen, destruktiven ideologischen Konflikt zu tun bekämen." Um dies zu verhindern, rät Brzezinski, sollten die USA und China ideologische Zurückhaltung üben und der Versuchung widerstehen, die unterscheidenden Merkmale ihres jeweiligen sozio-ökonomischen Systems zu universalisieren sowie sich gegenseitig "zu dämonisieren".

Klar ist: Die Geste der ausgestreckten Hand, der Wunsch nach Kooperation mit China, wird in den USA zunehmend von entschiedeneren Forderungen begleitet. Amerikanische und europäische Politiker jeder Couleur hätten China stets versichert, dass der Westen dessen friedlichen Aufstieg gutheiße, bemerkt Dan Twining, Asien-Experte des "German Marshall Fund" in Washington: "Es ist jetzt an der Zeit für Chinas aufstrebende Anführer um Xi Jinping, ihrerseits dem Westen zu versichern, dass China die US-Führungsrolle in der Welt unterstützt und die Kern-Interessen des Westens achtet." Als solche Interessen bezeichnet Twining freien Zugang zu globalen Gemeinschaftsgütern wie etwa den Weltmeeren, das US-Bündnissystem, die Nichtverbreitung von Atomwaffen und eine liberale Weltwirtschaft.

Obama, der in diesem Jahr nicht nur Präsident, sondern eben auch Wahlkämpfer ist, muss diesen Polit-Spagat zwischen Kooperation und Härte aushalten. Seine republikanischen Kontrahenten überbieten sich schon jetzt mit Kritik am chinesischen Wirtschaftsgebaren, drohen gar mit einem Handelskrieg. Auch in der US-Bevölkerung ist das Ansehen Chinas deutlich gesunken. Einer aktuellen Umfrage der "Washington Post" und des TV-Senders ABC zufolge sehen 52 Prozent der Befragten China kritisch, dagegen hegen 37 Prozent positive Gefühle für das Land.

Xi Jinping hat also einiges zu tun.

Mit Material von dpa, Reuters, AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 17 Beiträge
stanislaus2 14.02.2012
Zum Glück für die Weltwirtschaft lässt China nicht das Buchgeld der Zentralbank sprudeln. Außerdem hat China eine Staatverschuldung von 679.048.194.000 USD, also 26,2 % des BIP, die USA eine von über 15.000.000.000.000 USD.
Zum Glück für die Weltwirtschaft lässt China nicht das Buchgeld der Zentralbank sprudeln. Außerdem hat China eine Staatverschuldung von 679.048.194.000 USD, also 26,2 % des BIP, die USA eine von über 15.000.000.000.000 USD.
leonissimo 14.02.2012
USA und China : 2 Giganten mit gigantischen Problemen - die zu loesen die ganze Welt - im unpolitischen Sinne - aufgefordert ist.
Zitat von sysopEs ist ein Besuch zum Kennenlernen: Xi Jinping, Chinas kommender starker Mann, ist vier Tage zu Gast in Amerika. US-Präsident Barack Obama gibt den guten Gastgeber, demonstriert aber auch Härte. Ihm ist klar, dass Xi nicht als Reformer gekommen ist. Staatsbesuch aus China: Obama fordert von Xi Jinping mehr Verantwortung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815318,00.html)
USA und China : 2 Giganten mit gigantischen Problemen - die zu loesen die ganze Welt - im unpolitischen Sinne - aufgefordert ist.
relativity 15.02.2012
...auch die US Dominanz nicht. Ob die Chinesen sich so einfach fügen werden wenns ernst wird?
Zitat von sysopEs ist jetzt an der Zeit für Chinas aufstrebende Anführer um Xi Jinping, ihrerseits dem Westen zu versichern, dass China die US-Führungsrolle in der Welt unterstützt...
...auch die US Dominanz nicht. Ob die Chinesen sich so einfach fügen werden wenns ernst wird?
cekay 15.02.2012
Süss wie der Westen immer erwartet, dass sich China reformiert, dabei zeigt das Schuldendesaster dass der Reformbedarf im Westen viel höher ist. Xi dürfte sich also fragen, wann bekommt der Westen einen Michail [...]
Süss wie der Westen immer erwartet, dass sich China reformiert, dabei zeigt das Schuldendesaster dass der Reformbedarf im Westen viel höher ist. Xi dürfte sich also fragen, wann bekommt der Westen einen Michail Schulden-Gorbatschow?
notty 15.02.2012
Warum sollte Xi als "Reformer" zu seinem Schuldner kommen, etwas weil die das gerade mal so erwarten? Die Welt erwartet von den USA auch tiefgreifende Reformen, die sicherlich niemals kommen werden. Der Artikel [...]
Zitat von sysopEs ist ein Besuch zum Kennenlernen: Xi Jinping, Chinas kommender starker Mann, ist vier Tage zu Gast in Amerika. US-Präsident Barack Obama gibt den guten Gastgeber, demonstriert aber auch Härte. Ihm ist klar, dass Xi nicht als Reformer gekommen ist.
Warum sollte Xi als "Reformer" zu seinem Schuldner kommen, etwas weil die das gerade mal so erwarten? Die Welt erwartet von den USA auch tiefgreifende Reformen, die sicherlich niemals kommen werden. Der Artikel baut schon unterschwellig Antipathie und Kontra gegen China auf.... "Der eine Präsident der Supermacht von heute; der andere autoritärer Herrscher der Supermacht von morgen".... Kennt der Spiegel Xi schon so gut, dass er von einem "autoritaeren Herrscher" sprechen kann??? Welch ein Journalismus. Am schoensten und bescheuertsten fand ich diesen Satz:>> "Es ist jetzt an der Zeit für Chinas aufstrebende Anführer um Xi Jinping, ihrerseits dem Westen zu versichern, dass China die US-Führungsrolle in der Welt unterstützt und die Kern-Interessen des Westens achtet." China soll die Fuehrungsrolle dieser aggressiven Supermacht unterstuetzen? Geht's noch, oder sollte man besser den Arzt, oder Psychiater rufen? Ich glaube, dass Xi ein muedes Laecheln, ob dieser Naivitaet, nicht unterdruecken koennte.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Xi Jinping

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Dienstag, 14.02.2012 – 21:58 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 17 Kommentare

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | China-Reiseseite







TOP



TOP