Bloggerin Yoani Sánchez: Kubas Kämpferin für Freiheit

Von

Bloggerin Yoani Sánchez: Kubas Kämpferin für Freiheit Fotos
Franziska Senkel

Yoani Sánchez wurde verschleppt, geschlagen, bedroht, weil sie mit ihrem Blog das kubanische Regime gegen sich aufbringt. Erstmals seit Jahren haben die Mächtigen in Havanna sie jetzt ausreisen lassen - auch nach Deutschland.

Berlin - Yoani Sánchez öffnet den Mund, zieht sich einen Zahn aus dem oberen Kiefer und hält ihn vor ihr Gesicht. "Den hatte ich verloren, als sie mich im Oktober verschleppt haben." Sie war wieder einmal in Havanna festgenommen worden, drei Wärterinnen wollten sie in einer Zelle ausziehen. Yoani Sánchez wehrte sich, fiel, schlug sich den Zahn aus. "Aber davon erholst du dich", sagt sie, "viel schlimmer sind die Drohungen, die Überwachung, die öffentliche Diffamierung."

Yoani Sánchez ist Kubas berühmteste Bloggerin, seit fünf Jahren provoziert sie die Mächtigen mit Worten. In ihrem Blog beschreibt sie das Kuba jenseits von Touristenprospekten oder offizieller Propaganda, einen sozialistischen Staat mit Schwarzmarkt, Stromausfällen, maroden Häusern und vor allem: Unfreiheit. Was den Machtapparat gegen sie aufbringt, bringt ihr auf der ganzen Welt Preise ein - die sie nie entgegennehmen konnte. Bis jetzt.

20-mal wurde ihr in den vergangenen Jahren die Ausreise aus Kuba verwehrt, erst mit den neuen Reisebestimmungen änderte sich das. Seit Februar ist sie unterwegs in Europa, USA, Lateinamerika. Es ist, wie Yoani Sánchez sagt, eine Reise durch Raum und Zeit. Schon bei ihrem ersten Stopp in Panama hatte sie das Gefühl, in der Zukunft angelangt zu sein: "Diese Dynamik, diese Präsenz von Technik, wie die Leute sich ausdrückten und verhielten."

Sie selbst ist begeistert von der Zukunft. Inzwischen in Berlin angekommen, twittert sie Fotos von Museen, Straßenschildern, Kränen; ein digitales Mosaik. Sánchez hat fast 500.000 Follower bei Twitter; ihren Account füttert sie in Kuba seit 2008 per SMS, denn Internet hat kaum ein Einheimischer. Ihre Blog-Einträge verschickt sie in der Heimat oft über den Internetzugang in Hotels. Die Technik - das ist ihre Brücke in die Freiheit.

Auch in Berlin gibt es viele Orte, die daran erinnern, wie kostbar Freiheit und wie grausam Unterdrückung ist. Sánchez hat diese Orte besucht, sie war im Stasi-Gefängnis und an der Mauer. "Jede Mauer hat ihre Tür. Man muss sie nur finden", hat sie getwittert.

Kuba der Masken

Die Kontrolle, die Zensur, auch das Schweigen, daraus setzt sich Kubas Mauer zusammen, sagt Sánchez. Aber die Mauer habe Risse bekommen, die die Regierung von Raúl Castro nicht mehr kitten könne. Ja, es gebe Reformen, so wie die neuen Reisebestimmungen. Aber Sánchez geht es zu langsam voran: "Wenn wir in dem Tempo weitermachen, bekommen wir freies Internet, wenn meine Enkel 50 Jahre alt sind."

Kuba ist für sie zu einem Land geworden, in dem sich Menschen hinter Masken verstecken, weil sie nie sagen dürfen, was sie wirklich denken, weil sie Geheimnisse mit sich herumtragen müssen, wie die verbotene Parabolantenne hinter dem Wassertank oder die Schuhe, die die Großmutter aus den USA geschickt hat. "Und irgendwann wird die Maske zu einem Gesicht, weil du nicht mehr weißt, wer du wirklich bist."

Mit solchen Äußerungen ist Sánchez zum Symbol für Zivilcourage geworden. Barack Obama hat ihr ein schriftliches Interview gewährt, das Magazin "Time" zählte sie 2008 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Als "Cyber-Söldnerin" diffamiert

Die offizielle Propaganda stilisierte sie dagegen zum Feindbild. Vor einigen Jahren blockierte die Regierung ihren Blog, so dass er auf Kuba nicht mehr gelesen werden konnte. "Aber nichts ist verlockender als das Verbotene", sagt Sánchez, und so ist er wieder freigeschaltet worden.

Die Machthaber der Insel diffamieren sie als "Cyber-Söldnerin" oder "CIA-Agentin". Viermal ist sie in sechs Jahren festgenommen worden, sie wurde verschleppt, geschlagen, bedroht - wie im Oktober. Sie weiß, dass ihr Telefon überwacht wird und dass sie beschattet wird. Wenn sie auf ihrer Reise zu Hause anruft, sagt sie nicht genau, wann sie wohin als Nächstes reisen wird. "Zu viele Details sind gefährlich."

In Brasilien musste eine Filmvorführung abgesagt werden, weil Sánchez-Gegner den Saal stürmten. Auch bei einem Auftritt am Mittwoch in Berlin pfiff eine Handvoll Menschen mit Trillerpfeifen, rief "Yoani, halt den Mund" und beschuldigte sie, eine Handlangerin der USA zu sein. Nicht wenige glauben, dass solche Aktionen vom offiziellen Kuba gesteuert werden.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen, welche die Veranstaltung in Berlin mitorganisiert hat, erinnert daran, wie präsent die Gefahr für Regimekritiker auf Kuba ist. Mehrere Schreiber sind inhaftiert, andere werden immer wieder attackiert, bedroht. Der Menschenrechtler Oswaldo Payá starb im vergangenen Jahr bei einem Unfall unter dubiosen Umständen.

Große Pläne für die Rückkehr

Vielleicht sind die verbalen Angriffe auf Sánchez auch ein Vorgeschmack auf das, was sie in Kuba erwartet - sie sagt, sie sei auf eine "Kampagne der medialen Hinrichtung" vorbereitet.

Zurückkehren will sie jedem Fall. Sie sagt, sie liebe ihr Land, Kuba sei ja mehr als eine Regierung oder eine Ideologie, es sei ihre Heimat.

Sie bringt vieles mit zurück. Nicht nur den neuen Zahn, der ihr in Peru eingesetzt wurde. Wenn sie Ende Mai in Havanna landet, will sie zwei Tage schlafen und dann eine freies, unabhängiges Medium gründen. "Und wenn sie mich nicht reinlassen, wäre ich der erste Bootsflüchtling, der versucht, auf die Insel zurückzukehren."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verschleppt,geschlagen,bedroht,wegen bloggen der Wahrheit?
analyse 10.05.2013
nein,so was tut doch eine sozialistische Regierung doch nicht! Da könnte doch dazu führen,daß Kubaner freiwillig in die böse,kapitalistische U.S.A. auswandern wollen !
2. Wer kämpft für die Freiheit Kubas?
laosichuan 10.05.2013
Für die Freiheit Kubas kämpfen tagtäglich die Millionen normalen Kubaner, die mit Ihrer Hände Arbeit den Sanktionen der USA und einer ungerechten Welt (Wirtschafts) -ordnung widerstehen, die dafür sorgen, daß Kuba wirklich souverän ist und bleibt, und das nur 100km von der amerikanischen Küste entfernt. Freiheit von Ausbeutung und Unterdrückung, die gibt es in Kuba, aber leider nur viel zu wenig anderen Ländern der Welt. Was aus Kuba würde, wenn Yoani Sánchez Visionen Wirklichkeit werden, das kann man scih in anderen lateinamerikanischen Ländern ansehen: Slums, Elend, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Und natürlich eine kleine Minderheit, die in Saus und Braus lebt. Ob sich Yoani Sánchez sicher ist, daß sie dazugehören würde?
3. Kuba vs. USA
r.muck 10.05.2013
Solange in den USA, nur um zwei Beispiele zu nennen, die Kindersterblichkeit deutlich höher und die Alphabetisierungsrate deutlich niedriger als in den USA ist, solange die USA in Guantanamo vermeintliche Terroristen und erwiesen Unschuldige unter absolut rechtswidrigen Umständen wegsperren, solange die USA im Hindukusch einen völkerrechtswidrigen Drohnenkrieg führen und Zivilisten ermorden, solange wäre sie besser beraten sich nicht über kubanische Verhältnisse zu mokieren oder Kuba als "undemokratisch" zu verurteilen. Und, ohne Frau Sanchez irgendetwas zu unterstellen, sie wäre nicht die Erste und würde auch nicht die Letzte sein, die von der CIA geschaffen wurde oder zumindest instrumentalisiert wird.
4. optional
denkmal65 10.05.2013
"und vor allem: Unfreiheit.""Die Machthaber der Insel diffamieren sie als "Cyber-Söldnerin" oder "CIA-Agentin". Viermal ist sie in sechs Jahren festgenommen worden, sie wurde verschleppt, geschlagen, bedroht - wie im Oktober." So ein wenig erinnert mich das an unsere Zustände wo wir immer mehr Freiheit aufgeben, auf Grund einer potentiellen Gefahr (Terrorismus), für unsere Sicherheit. Kuba wurde und wird von den U.S.A bedroht. In Berlin fühlt sie sich frei? Sie ist verschleppt, geschlagen und bedroht worden? Sorry, diese Art polizeilicher Übergriffe passieren selbst in Deutschland tagtäglich. Das weiß ich nicht nur aus eigener Erfahrung. Zenur? Was nützt eine freie und unabhängige Presse, wenn die Zeitungsmacher sich Ihre Unabhängigkeit mit dem Schalten einer Anzeigen abkaufen lassen und die Fernsehsender in der Hand der neoliberalen Einheitspartei oder von Großkonzernen ist. In Kuba läuft sicher nicht alles Prima, aber dieser Artikel fällt für mich in die Rubrik überholten Links - Rechts Denken des kalten Krieges.
5. Andere Sicht
kris45 10.05.2013
Wer dem Spiegel misstraut und nach einer anderen Sicht der Dinge sucht, hier: http://www.jungewelt.de/2013/05-08/001.php
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Kuba
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 50 Kommentare

Fläche: 109.886 km²

Bevölkerung: 11,258 Mio.

Hauptstadt: Havanna

Staats- und Regierungschef: Raúl Castro

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Kuba-Reiseseite


Fotostrecke
Reisefreiheit für Regierungskritikerin: Bloggerin Yoani Sánchez verlässt Kuba