Zuwanderung Zahl der Flüchtlinge auf Balkanroute versiebenfacht

Die Zahl der Menschen, die über die Balkanroute nach Mitteleuropa kommen, hat sich dramatisch erhöht. Wie gefährlich dieser Weg ist, zeigt die Tragödie auf der Autobahn nahe Wien.

Syrer auf der Balkanroute: Zahlen um 600 Prozent gestiegen
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Syrer auf der Balkanroute: Zahlen um 600 Prozent gestiegen


Die Balkanroute gilt Flüchtlingen bisher als relativ sicherer Weg nach Westeuropa. Doch eine grausige Entdeckung auf einer österreichischen Autobahn beweist das Gegenteil: Bis zu 50 Tote wurden in einem Lkw einer slowakischen Firma entdeckt, das Kennzeichen stammt aus Ungarn.

Die Tragödie lenkt den Blick auf die Gefahren der Route, die immer mehr Flüchtlinge über die Länder des Westbalkans und Ungarn nach Österreich, Deutschland oder weiter in andere mittel- und nordeuropäische Länder nehmen. Oft werden sie von Schleppern zusammengepfercht in Lastwagen über die Grenzen gebracht, die Fahrt kostet sie viele Hundert Euro.

Tragödie überschattet Westbalkankonferenz

Die Zahl der Flüchtlinge auf dieser Route ist nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 600 Prozent gestiegen. Der Zuwachs bei den Menschen, die über das Mittelmeer gekommen seien, liege dagegen nur bei fünf bis zehn Prozent, sagte de Maizière in Nürnberg. "Das war nicht vorhersehbar", so der Innenminister.

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Tote Flüchtlinge: Grausiger Fund auf dem Standstreifen
Zurzeit kommen nach Angaben der Bundespolizei täglich 750 bis 800 Flüchtlinge über den Landweg von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Ungarn. Sie stammen demnach vor allem aus Afghanistan, Syrien und dem Irak, vereinzelt auch aus Pakistan und Eritrea.

Viele hoffen, dass diese Route sicherer ist als die über das Mittelmeer, wo in diesem Jahr schon Hunderte Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ertranken. Aber auch auf Europas Straßen werden Flüchtlinge Opfer von Schleppern - und auch hier nutzen Schlepper die Not der Menschen, um Profit zu machen.

Uno-Hochkommissar fordert legale Einreisewege

Zuvor, ebenfalls an diesem Donnerstag, hatte die österreichische Polizei laut "Kronenzeitung" einen anderen Vorfall bekannt gegeben. Bei Bruck an der Leitha seien drei Schlepper gefasst worden. Einer von ihnen hatte demnach in einem Kastenwagen 34 Flüchtlinge, darunter Kinder, über die Grenze nach Österreich gebracht. Die Flüchtlinge sagten dem Bericht zufolge der Polizei, dass sie in dem Fahrzeug "kaum Luft zum Atmen" bekommen hätten, der Fahrer aber, trotz mehrfacher Bitten anzuhalten, von der serbischen Grenze bis nach Österreich durchgefahren sei.

Auf einer Konferenz zum Westbalkan berieten in Wien an diesem Donnerstag führende europäische Politiker über die Flüchtlingskrise. Kurz bevor die Tragödie nahe Wien bekannt wurde, hatte Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) noch zu einem verstärkten Kampf gegen Schlepper aufgerufen. Einigkeit herrschte bei dem Treffen, dass die aktuelle Flüchtlingskrise nur mit einer gemeinsamen Strategie der EU bewältigt werden kann.

An der Konferenz, bei der es auch um die zunehmende Zuwanderung aus dem Westbalkan gehen sollte, nahmen auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini und der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi teil. Vom Balkan waren die Regierungschefs aus Mazedonien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Montenegro und Serbien eingeladen. Im laufenden Jahr stammten fast 45 Prozent aller Asylanträge in Deutschland von Menschen aus diesen sechs Staaten.

Der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres, forderte erneut ein besseres System für die legale Aufnahme von Asylsuchenden. Nur so könne man Flüchtlinge vor Schleppern schützen, sagte Guterres in einer gemeinsamen Stellungnahme mit Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in Genf. "Wenn wir gegen Menschenhändler kämpfen, die Opfer schützen und ein System in die Wege leiten, das es Flüchtlingen erlaubt, legal Asyl zu suchen, dann werden wir Erfolg haben", so Guterres. Ein EU-Aufnahmezentrum könne die Lösung sein, sagte Cazeneuve. Bislang gibt es für Asylbewerber, die vor Verfolgung und Krieg etwa aus Syrien, Irak, Afghanistan oder afrikanischen Ländern fliehen, keine legale Möglichkeit nach Europa einzureisen.

anr/dpa

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