Zehn Jahre Einsatz : Hunderte Afghanen fordern sofortigen Truppenabzug

Seit zehn Jahren sind Nato-Truppen in Afghanistan stationiert, willkommen sind die Soldaten in dem Land jedoch nicht: Pünktlich zum Jahrestag der Intervention haben mehrere hundert Menschen in Kabul den sofortigen Abzug der internationalen Truppen gefordert.

Proteste in Kabul: Tote Zivilisten als Symbol für das "wahre Gesicht der US/Nato-Besetzung" Zur Großansicht
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Proteste in Kabul: Tote Zivilisten als Symbol für das "wahre Gesicht der US/Nato-Besetzung"

Kabul - Etwa 300 Männer und Frauen haben am Donnerstag in Kabul den sofortigen Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan gefordert. Für den friedlichen Protest haben die Demonstranten einen besonderen Zeitpunkt gewählt: Am kommenden Freitag jährt sich der Beginn der Nato-Intervention in dem Land zum zehnten Mal. 2014 soll der Kampfeinsatz offiziell enden.

Doch die Forderungen nach einem früheren Abzug der internationalen Truppen werden lauter. Am Donnerstag haben die Demonstranten die Afghanistan-Schutztruppe Isaf auf Plakaten und in Sprechchören für die Tötung von Zivilisten verantwortlich gemacht. Dem afghanischen Präsident Hamid Karzai warfen sie vor, "Erfüllungsgehilfe" Amerikas zu sein.

Derzeit sind rund 140.000 ausländische Soldaten am Hindukusch stationiert. Der Einsatz, mit dem das Taliban-Regime gestürzt wurde, begann am 7. Oktober 2001. Nach einem Nato-Beschluss sollen die afghanischen Sicherheitskräfte bis Ende 2014 im ganzen Land die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen.

"Niemand wird überstürzt das Weite suchen"

Doch auch für die Zeit nach 2014 sicherte die Nato Afghanistan Unterstützung zu: Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Armee und Polizei bedeute keinen kompletten Rückzug der internationalen Truppen, betonte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Donnerstag zum Abschluss einer Konferenz der Verteidigungsminister in Brüssel. Nach dem Abzug der Kampftruppen werde es vor allem um die Ausbildung der afghanischen Armee gehen.

"Wir stehen weiter geschlossen zu dem Ziel, ein stabiles Afghanistan zu erreichen", sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta. "Es ist klar, dass hier niemand überstürzt das Weite sucht."

Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière riet in Brüssel zu "strategischer Geduld". Er steht vor einer schwierigen Aufgabe: Ein zu schneller Abzug könnte die militärischen Erfolge der letzten Monate gefährden. Ein zu zaghaftes Vorgehen könnte dagegen politisch problematisch werden. "Von einem Baum runterzuklettern ist komplizierter als schnell hinaufzugehen", fasste de Maizière das Dilemma der Truppenreduzierung zusammen.

Gewalt ohne Ende

Unterdessen hält die Gewalt in Afghanistan an. Bei einem Bombenanschlag in der südlichen Provinz Uruzgan wurde ein ranghoher Offizier der afghanischen Polizei getötet. Dessen Sohn und ein Leibwächter wurden verletzt, als in der Stadt Tarin Kowt ein ferngezündeter Sprengsatz explodierte. Der Offizier war nach Angaben der Polizei im Auto auf dem Weg in sein Büro. In der Nachbarprovinz Helmand attackierten Bewaffnete einen Bus und töteten ein Kind, wie die Behörden mitteilten. 15 Passagiere wurden dabei verletzt.

Aufständische haben zuletzt verstärkt Anschläge gegen Vertreter von Regierung und Sicherheitskräften verübt. Erst vor rund zwei Wochen wurde der Vorsitzende des Hohen Friedensrates, Ex-Präsident Burhanuddin Rabbani, ermordet. Ein Anschlag auf Staatschef Karzai wurde nach Angaben des Geheimdienstes NDS verhindert.

aar/dpa

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Jubiläum?
Pepito_Sbazzagutti 06.10.2011
"Zehn Jahre Nato-Einsatz" Wird diese Pleite jetzt womöglich noch als Jubiläum gefeiert?
2. 10 jahre demokratie?
osramabenabdul 06.10.2011
Zitat von sysopSeit zehn Jahren sind Nato-Truppen in Afghanistan stationiert, willkommen sind die Soldaten in dem Land jedoch nicht: Pünktlich zum Jahrestag der Intervention*haben mehrere hundert Menschen in Kabul den sofortigen Abzug der*internationalen Truppen gefordert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790348,00.html
waren es doch wirklich soviele die nach 10 jahren verstanden haben was demokratie ist?
3. Für wen ist es nicht nachvollziehbar?
wika 06.10.2011
Mich jedenfalls wundert diese Forderung nicht. Oder will man am ende auch dies besser unterdrücken. In anderen Ländern kann man ja auch wegsehen, Bahrain, Jemen und Syrien. Und noch ärger wird es, wenn man sich nur mal ein umgekehrtes Szenario vorstellt, welches den angeblichen Auftakt zum Krieg gegen den Terror und aller daraus erwachsenen Perversionen markiert. Ist zwar ein reines Gedankenspiel, aber wenn man es bis zu ende durchdenkt, dann kommt einem schnell der verdacht, dass die jetzige Politik nichts anderes als eine *„Terror-Erzwingungs-Politik“* ist … Link (http://qpress.de/2010/10/09/terror-erzwingungs-politik/), denn nichts anderes veranstalten wir als sogenannter zivilisierter Westen derzeit in diesen Ländern. Wer gint uns das Recht dazu. Gerade solche Demonstrationen beweisen doch dass die Besatzer dort nicht willkommen sind. Sicher sind unsere Wertmaßstäbe nicht schlecht, nur deshalb müssen sie nicht zwangsläufig an jedem ende der Welt passend sein. Und dass die Weiterentwicklung der Kulturen und Gesellschaften nicht unbedingt immer menschlich abläuft und auch diverse Verwerfungen produziert, können wir aus unserer eigenen Geschichte erfahren. Die Frage bleibt offen, ob nicht unsere Intervention am ende mehr Menschen das Leben gekostet hat, als wenn man diese Regionen nicht angetastet hätte. So bleibt am Ende der Vorwurf des Imperialismus berechtigt im Raume stehen und karikiert am Ende die sogenannten humanitären Bemühungen und entlarvt die eigene Vorteilssuche zu Lasten der Menschen dort. Also gelernt haben wir als Westen offenbar immer noch nichts und entfernen uns selber weiter von den Werten die wir angeblich vertreten … Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
4. Kabul hat über 3 Millionen Einwohner,...
Centurio X 06.10.2011
Zitat von sysopSeit zehn Jahren sind Nato-Truppen in Afghanistan stationiert, willkommen sind die Soldaten in dem Land jedoch nicht: Pünktlich zum Jahrestag der Intervention*haben mehrere hundert Menschen in Kabul den sofortigen Abzug der*internationalen Truppen gefordert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790348,00.html
...und 300 Leute haben demonstriert! Und diese Zahl reicht dem SPON aus, um zu behaupten, daß die ISAF-Soldaten in Afghanistan nicht willkommen sind! Es beweist lediglich, daß es so etwas wie Demonstrationsfreiheit gibt. Im umgekehrten Fall wäre das gleiche bei einer Talibanherrschaft unvorstellbar. Im übrigen bin ich der Meinung, daß eine dauerhafte friedliche Entwicklung Afghanistans nur durch Aufteilung des Landes gewährleistet werden kann. Nach dem Vorbild Ex-Jugoslawiens müssen für die verschiedenen Völker eigene Staaten gegründet werden. Ein Staat für die Tadschiken im Norden mit der Hauptstadt Kabul, einer im Zentrum für die schiitischen Hazara mit der Capitale Bamyan und für die Pashtunen der Süden Afghanistan mit der Hauptstadt Kandahar. Wobei die Taliban sich bei den Pashtunen durchsetzen dürften.
5. Dreihundert (!) Demonstranten ...
tmpsec 06.10.2011
Zitat von wika... Gerade solche Demonstrationen beweisen doch dass die Besatzer dort nicht willkommen sind ...
... stellen natürlich eine nicht zu unterschätzende Meinungsäußerung dar. Man stelle sich nur einmal vor, welche gewaltige Menschenmenge das ist! Nur, werter Forist, von welchen "Besatzern" reden Sie? Auch durch ständigen Gebrauch wird dieser Begriff nicht richtiger.
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Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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