Zehn Jahre US-Gefangenenlager: Mein Alptraum Guantanamo

Guantanamo ist das Synonym für staatliche Willkür und Folter. Vor zehn Jahren begannen die Amerikaner, dort Terror-Verdächtige wegzusperren. Ohne Prozess, ohne Anklage. Lakdhar Boumediene, der siebeneinhalb Jahre unschuldig einsaß, erzählt seinen schwierigen Weg zurück in die Freiheit.

Guantanamo: Unschuldig im Schattenreich der Folterknechte Fotos
Getty Images

Sieben Jahre lang war ich in Guantanamo eingesperrt - ohne jede Erklärung, ohne dass je Anklage erhoben wurde. Meine Töchter haben diese langen Jahre ohne mich aufwachsen müssen. Sie waren noch Kleinkinder, als ich im Gefängnis verschwand, und sie durften mich in all den Jahren nicht einmal sprechen, geschweige denn besuchen. Sie haben mir Briefe geschrieben, aber die meisten kamen als "unzustellbar" zurück. Die wenigen, die tatsächlich durchkamen zu mir, waren vom Zensor so gründlich verstümmelt, dass ihre Botschaft der Liebe nicht mehr erkennbar war.

Amerikanische Politiker sagen immer wieder, dass die Insassen von Guantanamo Terroristen sind. Ich war kein Terrorist. Wenn man mich gleich nach meiner Festnahme vor ein ordentliches Gericht gestellt hätte, hätten meine Kinder nicht ein so zerrissenes Leben führen müssen, und meiner Familie wäre der Abstieg in die Armut erspart geblieben. Erst nachdem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten verfügt hatte, dass die Regierung ihre Vorwürfe gegen mich vor einem Bundesrichter belegen muss, konnte ich meine Unschuld beweisen und zu meiner Familie zurückkehren.

Ich hatte meine Heimat Algerien verlassen, um im Ausland zu arbeiten. 1997 zog ich mit meiner Familie nach Bosnien-Herzegowina - mein Arbeitgeber, der Rote Halbmond, wollte es so. Dienstsitz war Sarajewo, ich war als Leiter der humanitären Hilfe für Kinder zuständig, die während des Balkankrieges ihre Eltern verloren hatten. 1998 nahm ich die bosnische Staatsbürgerschaft an. Wir waren glücklich dort - doch mit 9/11 war das alles vorbei.

Wir wurden wie Tiere gefesselt

Als ich am 19. Oktober 2001 morgens im Büro erschien, wartete dort bereits ein Mann vom Geheimdienst. Er bat mich, ihn zu begleiten, man habe ein paar Fragen. Ich kam also mit - freiwillig. Doch dann ließ man mich nicht mehr gehen. Die Vereinigten Staaten hatten die bosnischen Behörden um Amtshilfe gebeten - sie sollten mich und fünf weitere Männer festnehmen. In den Nachrichten hieß es damals, die USA hätten mich im Verdacht, einen Anschlag auf ihre Botschaft in Sarajewo geplant zu haben.

Es wurde sehr bald klar, dass die Amerikaner einen Fehler gemacht hatten. Der Oberste Strafgerichtshof in Bosnien befasste sich mit den Vorwürfen und stellte fest, dass keine Beweise vorlagen und ich sofort freizulassen war. Kaum war ich auf freiem Fuß, wurde ich - wie auch die fünf anderen Männer - von amerikanischen Agenten erneut gefangen genommen. Wir wurden wie Tiere gefesselt und zum US-Marinestützpunkt in Guantanamo geflogen.

Als ich dort am 20. Januar 2002 eintraf, glaubte ich noch daran, dass mir in den USA Gerechtigkeit widerfahren würde. Ich dachte wirklich, dass meine Kidnapper ihren Irrtum einsehen und mich dann in die Freiheit entlassen würden. Doch als ich in den Verhören nicht das aussagen konnte, was man von mir hören wollte (wie sollte ich auch, ich hatte ja nichts getan, was ich hätte gestehen können), wurden meine Peiniger immer brutaler. Tagelang ließen sie mich nicht schlafen, sie zwangen mich, stundenlang in schmerzhaften Positionen zu verharren.

Ich wurde per Sonde ernährt - eine schreckliche Qual

Nach den Verhören trat ich in einen Hungerstreik, weil man mir noch immer nicht mitteilen wollte, warum man mich überhaupt festhielt. Zwei Jahre lang hielt ich durch. Jeden Tag schoben mir meine Peiniger eine Sonde durch die Nase in den Magen, um mich zwangsweise zu ernähren. Es war eine schreckliche Qual. Doch ich war unschuldig, und deshalb gab ich meinen Protest nicht auf.

Meine Forderung nach einem fairen Verfahren vor einem ordentlichen Gericht durchlief alle Instanzen bis zum Supreme Court. In einer Grundsatzentscheidung, die seither meinen Namen trägt, erklärten die obersten Richter, dass die Gesetze und die Verfassung auch unter den widrigsten Umständen ihre Gültigkeit behalten und selbst in den schwierigen Zeiten nach einem Terroranschlag wie 9/11 unter keinen Umständen missachtet werden dürfen. Deshalb hätten auch Angeklagte wie ich - unabhängig von der Schwere der Vorwürfe - ein Recht darauf, von einem Richter angehört zu werden.

Gleichzeitig stellten die Richter fest, dass eine Regierung durchaus irren kann. Und das Risiko, befanden die Richter, sei zu groß, um es einfach zu ignorieren - weil es die "Folge eines solchen Fehlers sein kann, dass eine Person für die gesamte Dauer eines kriegerischen Konfliktes, der eine Generation oder sogar länger währen kann, in Haft bleibt".

Fünf Monate später unterzog Bundesrichter Richard J. Leon alle gegen mich vorliegenden Beweise einer weiteren Prüfung - auch Informationen der Geheimdienste, von denen ich vorher nie gehört hatte. Den Vorwurf, ich hätte ein Bombenattentat auf eine US-Botschaft geplant, wurde dem Richter gar nicht erst vorgelegt. Nach der Anhörung ordnete der Richter an, mich und vier der Männer, die damals mit mir zusammen in Bosnien festgenommen wurden, umgehend freizulassen.

Endlich frei

Ich werde den Moment nie vergessen, wie ich mit diesen vier Männern in einer dreckigen Zelle in Guantanamo saß und aus einem knarzenden Lautsprecher hörte, wie Richter Leon in einem Gerichtsaal im fernen Washington seine Entscheidung verlas. Zum Schluss richtete er die dringende Bitte an die US-Regierung, sein Urteil nicht weiter anzufechten: "Sieben Jahre zu warten, bis unser Rechtssystem eine Antwort auf eine Frage gibt, die so essentiell für diese Menschen war, ist nach meinem Verständnis mehr als genug."

Am 15. Mai 2009 war ich wieder frei. Endlich.

Heute lebe ich mit meiner Frau und meinen Kindern in der Provence. Frankreich hat uns eine neue Heimat gegeben und einen Neustart möglich gemacht. Ich habe seither das große Glück genießen können, meine Töchter wieder kennenzulernen. Im August 2010 haben wir noch einen Sohn bekommen, Yousef. Ich nehme gerade Fahrunterricht und besuche Kurse zur beruflichen Weiterbildung - alles, um mir ein neues Leben aufzubauen.

Meine Hoffnung ist, dass ich, wie vorher, anderen Menschen helfen kann, aber die siebeneinhalb Jahre Guantanamo bedeuten leider, dass nur die wenigsten karitativen Organisationen auch nur in Erwägung ziehen, einen wie mich einzustellen.

Das Stigma Guantanamo

Ich denke nicht gerne an Guantanamo, weil meine Erinnerungen vor allem schmerzhaft sind. Trotzdem erzähle ich meine Geschichte hier, weil dort immer noch 171 Männer gefangen sind. Unter ihnen ist auch Belkacem Bensajah, der damals mit mir zusammen festgenommen und nach Guantanamo verfrachtet wurde. Für rund 90 Gefangene liegt inzwischen ein Beschluss vor, dass sie Guantanamo verlassen dürfen oder verlegt werden können.

Einige von ihnen stammen allerdings aus Ländern wie Syrien oder China, wo ihnen Folter oder Todesstrafe drohen. Andere kommen aus Staaten wie dem Jemen, die nach Einschätzung der USA als instabil gelten. So bleiben sie weiter in Haft - und ein Ende ist nicht in Sicht. Sie sind nicht gefährlich, sie haben Amerika nie bedroht, aber das Stigma Guantanamo heißt eben, dass sie keine Heimat mehr haben. Auch Amerika will nicht einen einzigen von ihnen aufnehmen.

Ich habe gehört, dass mein Fall und sein Gang durch die Instanzen heute auf dem Lehrplan für angehende Juristen steht. Vielleicht wird mir das eines Tages Genugtuung verschaffen, doch solange Guantanamo nicht geschlossen ist, solange dort unschuldige Männer hinter Gittern sitzen, werden meine Gedanken bei denen sein, die diesen Ort des Leidens und Unrechts noch nicht verlassen können.

© 2012 The New York Times/Distributed by The New York Times Syndicate

Übersetzung: Olaf Kanter

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1. Change we belief in?
andresa 11.01.2012
Das Fortbestehen von Guantanamo ist die größte Schmach für Obama...wie unmächtig der angeblich mächtigste Mann im Gesamtgetriebe aber letztlich ist zeigt die Unterzeichnung des NDAA mit dem an Silvester faktisch die Bill of Rights abgeschafft wurde...es geht weiter damit dass die Regierung des "Friedensnobelpreis"-Trägers längst an den nächsten Kriegen bastelt: Die Ökonomie des Krieges | thebabyshambler (http://bit.ly/AwMaHB) und wenn nun noch SOPA durchgeht ist die Diktatur perfekt. Yes he can...!
2. Nünberg
bananenrep 11.01.2012
Für jeden Verantwortlichen von Guantanamo gilt nur eins: Ab nach Nürnberg und einen neuen Prozeß. Diese Demokratieheuchlerbande. Es gibt für diese Methoden im Knast nicht die Spur einer Entschuldigung.
3.
t.h.wolff 11.01.2012
Die Verantwortlichen benennen, dingfest machen, anklagen und aburteilen.
4. Versager
cousine 11.01.2012
Zitat von andresaDas Fortbestehen von Guantanamo ist die größte Schmach für Obama...wie unmächtig der angeblich mächtigste Mann im Gesamtgetriebe aber letztlich ist zeigt die Unterzeichnung des NDAA mit dem an Silvester faktisch die Bill of Rights abgeschafft wurde...es geht weiter damit dass die Regierung des "Friedensnobelpreis"-Trägers längst an den nächsten Kriegen bastelt: Die Ökonomie des Krieges | thebabyshambler (http://bit.ly/AwMaHB) und wenn nun noch SOPA durchgeht ist die Diktatur perfekt. Yes he can...!
Tja, wenn dieser Unglückshansel auch nur ein wenig Zivilcourage oder Rückrat besessen hätte, hätte er einfach nicht unterschrieben. Für die Bill of Rights haben menschen ihr Leben gelassen und dieser Schwächling schafft eines der kostbarsten Güter der USA mal eben ab. No, he cannot...! Der jämmerlichste Präsident der Geschichte.
5.
_ab 11.01.2012
Zitat von bananenrepFür jeden Verantwortlichen von Guantanamo gilt nur eins: Ab nach Nürnberg und einen neuen Prozeß. Diese Demokratieheuchlerbande. Es gibt für diese Methoden im Knast nicht die Spur einer Entschuldigung.
Wenn Fehler gemacht werden, ist das selbstverständlich schlecht. Die Frage ist aber, ob alle Insassen völlig unschuldig sind, oder vielleicht eben doch meist brandgefährliche rücksichtslose Terroristen. Die Gutmenschen setzen aber immer Ersteres voraus. Wieso eigentlich?
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Zur Person
  • DoD
    Lakhdar Boumediene, Jahrgang 1966, stammt ursprünglich aus Algerien. 1997 zog er mit seiner Familie nach Sarajewo, wo er in leitender Funktion für die Hilfsorganisation Roter Halbmond arbeitete. Am 19. Oktober 2001 wurde er festgenommen - weil er angeblich ein Bombenattentat auf die US-Botschaft geplant haben soll. Obwohl ihn das oberste Gericht Bosniens freisprach, wurde er von US-Agenten nach Guantanamo entführt. Er saß siebeneinhab Jahre unschuldig hinter Gittern, bis ihn ein US-Bundesrichter in sämtlichen Anklagepunkten entlastete.


Die Guantanamo-Dokumente