Ukrainische Flüchtlinge in Russland "Lieber nach Sibirien als zurück!"

Zu Zehntausenden fliehen die Menschen aus den umkämpften ostukrainischen Gebieten. Alexander Popow und seine Familie haben sich nach Moskau durchgeschlagen.

AFP

Von Luzia Tschirky


Die Luft ist stickig in einem Hochhaus im Industriegebiet im Süden Moskaus. Vor einem kleinen Lagerraum hat sich eine lange Schlange gebildet, bei annähernd 50 Grad Celsius.

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Heft 35/2014
Schuld ohne Sühne: Warum die letzten SS-Männer davonkommen

Hier wartet Alexander Popow zusammen mit seiner Frau und der drei Jahre alten Tochter. Die Familie ist vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet und sucht Unterstützung bei einer Hilfsorganisation namens Mirnoje Nebo, zu Deutsch "Friedenshimmel". "Haben Sie ihren Pass dabei?", fragt eine Mitarbeiterin von "Friedenshimmel" am Eingang. "Wir kommen aus Luhansk", antwortet Popow und zieht den Ausweis aus der Tasche. Seit fast zwei Monaten sind sie in Moskau, langsam werden ihre Ersparnisse knapp, deshalb sind sie froh, wenn sie sich hier wenigstens mit Kondensmilch und gebrauchten Schuhen gratis eindecken können. Die Mitarbeiterin lässt sie passieren und seufzt: "So wie ihnen geht es viel zu vielen."

Luhansk, Donezk, Krasnodon: Aus den Heimatorten der etwa zwei Dutzend Menschen, die an diesem Nachmittag hier anstehen, kommen in den letzten Wochen Nachrichten, wie man sie in Europa nicht mehr für möglich gehalten hätte: Granatbeschuss von Wohngebieten, ganze Städte ohne Wasser und Strom, Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten. Seit April sind laut der Uno im Osten der Ukraine insgesamt 2200 Menschen, also Zivilisten und Soldaten, ums Leben gekommen, darunter 20 Kinder.

Eine gewaltige Flüchtlingswelle

Und die Kämpfe setzten eine gewaltige Flüchtlingswelle in Gang. Allein in der zweiten Augustwoche verließen über 22.000 Menschen Donezk und Luhansk. Sie flüchten einem Uno-Bericht zufolge nach Osten und nach Westen. Mehr als 188.000 Menschen gelangten seit Mitte April über die Grenze nach Russland geflohen, weitere 150.000 haben sich innerhalb der Ukraine eine sichere Bleibe gesucht, die meisten in Kiew. Von den Flüchtlingen nach Russland harren laut russischen Behörden über 58.000 in Durchgangslagern aus, die meisten in der Region um Rostow am Don, etwa hundert Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

"Dort war die Situation schrecklich", erzählt Popow. Mit der Familie flüchtete er im Auto aus Luhansk zuerst nach Rostow und dann weiter nach Moskau zu Bekannten. Ohne deren Hilfe wüssten die Popows nicht weiter. Wie lange sie im Außenbezirk von Moskau wohnen bleiben können, wissen sie nicht. Der 27-jährige will versuchen, seine Anwaltskanzlei Popow und Partner in Moskau neu aufzubauen. Doch dazu muss er sich mit dem russischen Recht vertraut machen und eine offizielle Registrierung als Flüchtling bekommen.

"Demokratie wird es bei uns nie geben"

Zu Beginn des Konflikts war es in Luhansk relativ ruhig geblieben. Bewaffnete Kräfte hatten mehrere Verwaltungsgebäude unter ihre Gewalt gebracht, einzelne Gefechte gab es lediglich um den Flughafen, der weiter von der ukrainischen Armee kontrolliert wurde.

Mit einem ukrainischen Luftangriff auf das Gebäude der Regionalregierung Anfang Juli kam dann der Krieg nach Luhansk. Er kann noch lange dauern, fürchtet Alexander Popow - und was für ihn das Schlimmste ist: "Meine Eltern sitzen dort im Dunkeln. Was geschieht mit ihnen, wenn ihre Vorräte aufgebraucht sind?"

Popow weiß, auf welcher Seite er steht: "Wir waren für die Unabhängigkeit Luhansks von Kiew!" Er hält die Maidan-Revolution für naiv: "Demokratie wird es bei uns nie geben." Während er sich in Rage redet, steht seine Frau neben ihm und weint. Seit in Luhansk das Mobilfunknetz nicht mehr funktioniert, weiß sie nicht, was mit ihren Verwandten geschehen ist. Alexander Popow genügt, was er gesehen hat. "Sie haben die Schule vor unserem Haus bombardiert", erzählt er.

Für seine Familie sieht er keine Zukunft in der Ukraine: "Und wenn wir nach Sibirien müssen, um zu überleben. Dann gehen wir eben nach Sibirien."

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
mäli 28.08.2014
1. Wieso
suchen die Mensche Schutz in Russland und nicht in andrene Europäischen Länder? Das ist die Frage! Sie vertrauen Russland aber nicht EU, nicht Ukraine, nicht USA. Das sind die Tatsachen und sie sagen mehr als alle verlogene Politiker!
mauerfall 28.08.2014
2.
Zitat von mälisuchen die Mensche Schutz in Russland und nicht in andrene Europäischen Länder? Das ist die Frage! Sie vertrauen Russland aber nicht EU, nicht Ukraine, nicht USA. Das sind die Tatsachen und sie sagen mehr als alle verlogene Politiker!
Warum würde ein Bayer eher nach Österreich fliehen als nach Polen oder in die Niederlande, wenn dort Krieg wäre... Ihre Theorie ist ein löchriger Käse. Sprache, Kultur, territoriale Nähe, schon mal drüber nachgedacht...?
auweia 28.08.2014
3. Lieber SPON
Hatte es bereits gestern gepostet, das die in fast allen SPON-Artikeln zum Ukrainekonflikt abgebildete Karte vom 12. August datiert, also über zwei Wochen alt ist. Gab es seitdem keine neuen Ereignisse, Frontverläufe o.ä. die man mit einer aktualisierten Karte oder einem Detailausschnitt hätte visualieren können?
mars55 28.08.2014
4. Furchtbar für dieMenschen, die
zum Spielball russischer und westlicher Machtpolitik geworden sind. Sie wissen letztendlich nicht wie ihnen geschiet und stehen onmächtig vor einer ungewissen Zukunft
tel33 28.08.2014
5. Wieso? Deswegen
Zitat von mälisuchen die Mensche Schutz in Russland und nicht in andrene Europäischen Länder? Das ist die Frage! Sie vertrauen Russland aber nicht EU, nicht Ukraine, nicht USA. Das sind die Tatsachen und sie sagen mehr als alle verlogene Politiker!
Diese Menschen wurden über Monate permanent durch russische Propaganda indoktriniert, bis zu dem Punkt, dass sie entweder selbst zu den Waffen griffen, oder ihr Leben in die Hand durchgeknallter Milizen gaben. Ohne die fortwährende russische Intervention, sowohl medial als auch materiell, gäbe es überhaupt keinen Krieg. Es waren nicht ukrainische Truppen, die im Osten oder auf der Krim eingefallen sind oder diesen Konflikt am Kochen halten.
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