Kämpfe in Mali: 350.000 Flüchtlinge brauchen dringend Hilfe

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Zehntausende Menschen sind nach den neuen Kämpfen aus Mali geflohen, bereits seit Monaten sind Hunderttausende auf der Flucht. Die Nachbarländer sind völlig überfordert und riegeln ihre Grenzen ab. Die Lage droht sich dramatisch zu verschärfen.

Mali: Flucht vor den Islamisten Fotos
DPA

Hamburg - Mali galt einmal als Musterland in Afrika, mit freien Wahlen und einer wachsenden Wirtschaft. Doch jetzt droht das Land zusammenzubrechen, 350.000 Menschen sind bereits vor den Islamisten im Norden geflohen.

Nun droht sich die Lage dramatisch zu verschärfen: 30.000 Menschen sind allein nach den jüngsten Kämpfen geflüchtet. Sie drängen in die Nachbarstaaten - die nun allerdings ihre Grenzen schließen wollen - und in den Süden Malis.

200.000 Menschen haben Zuflucht im eigenen Land gesucht, sind bei Verwandten, Bekannten oder sogar Fremden untergekommen. Einige Familien haben bis zu 30 Flüchtlinge aufgenommen. Für sie ist das eine extreme Belastung, das Geld ist knapp, Lebensmittel auch. Denn die Dürre in der Sahelzone hat im vergangenen Jahr auch Mali hart getroffen. Andere Flüchtlinge haben sich ein Haus mieten können, oft aber ohne Elektrizität oder Wasser.

Allein in der malischen Hauptstadt Bamako halten sich 46.000 Flüchtlinge aus dem Norden auf. Diese Zahl dürfte sich nach den heftigen Kämpfen der vergangenen Tage steigern. Die Lage ist so prekär, dass es Berichte über erste Plünderungen gibt. Es bilden sich Bürgermilizen, einige greifen zur Selbstjustiz.

Als letzte sichere Stadt auf dem Weg in den besetzten Norden Malis galt lange die Stadt Mopti, wo Frauen keine Schleier tragen müssen und Alkohol in Bars und Restaurants serviert wird. Auch hierhin flüchteten sich Malier - bis die Gewalt und Unterdrückung aus dem Norden ihnen wieder extrem nahe kam. Die Aufständischen marschierten vergangene Woche auf Mopti zu, die wenige Kilometer entfernte Stadt Konna wurde von den Rebellen überrannt. Erst der Militäreinsatz der Franzosen seit Freitag stoppte sie: Die französischen Streitkräfte bombardierten Rebellenstellungen. Die Lage in Mopti soll sich beruhigt haben.

Geschlagen, gefoltert, vergewaltigt

Doch für Hilfsorganisationen wie das World Food Programme ist Mopti ein wichtiges Drehkreuz, um Nahrungsmittel in den Norden zu schaffen. Jetzt ist nicht klar, wann und ob die nächste Lieferung transportiert werden kann.

Der Zugang zum Norden wird immer schwieriger - und damit auch die Versorgung dieses Landesteils. Vor allem die medizinische Lage ist heikel. Die Islamisten haben fast alle Krankenhäuser und Apotheken zerstört oder geschlossen. Seit April kontrollieren die Rebellen den Norden auf grausame Weise: Dieben wird die Hand abgeschlagen, Bürger werden geschlagen, gefoltert und beraubt, Frauen vergewaltigt.

Die Gouverneure Malis wurden jetzt angewiesen, alle Überlandstraßen abzuriegeln und für das Militär freizuhalten, da die Regierung die baldige Ankunft der Ecowas-Truppen erwartet. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas will eine 3300 Mann starke Kampftruppe einsetzen, um im Kampf gegen die islamistischen Aufständischen zu helfen. Frankreich hat nach übereinstimmenden Berichten ebenfalls angekündigt, seine Truppen zu verstärken und bis zu 2500 Soldaten zu entsenden.

Malis Nachbarländer sind völlig überfordert

Viele Malier suchten in den vergangenen Monaten Hilfe in den Nachbarländern. Fast 150.000 Menschen sind laut UNHCR nach Mauretanien, Burkina Faso, Algerien und in den Niger geflohen. Doch auch dort sind sie oft nicht mehr willkommen.

Das westliche Nachbarland Mauretanien erklärte am Montag, dass Tausende Menschen aus Mali auf dem Weg zur mauretanischen Grenze seien - aber diese werde nun abgeriegelt. Auch der nördliche Nachbar Algerien hat seine Grenze geschlossen.

Die extreme Dürre hat auch die Menschen in Malis Nachbarländern hart getroffen. Lebensmittel wie Hirse und Weizen müssen sie nun mit den Flüchtlingen teilen. Das UNHCR berichtet von den Problemen in den Dörfern, etwa in Burkina Faso. Auf Ackerland haben die Flüchtlinge Lager aufgeschlagen, Einwohner mussten ihr Land aufgeben. "Es ist nicht immer einfach, die Uno-Fahrzeuge vorbeirauschen zu sehen, die den Maliern helfen, während wir arm und hungrig bleiben", sagte ein Dorfbewohner in einem Uno-Bericht.

Viele Flüchtlingslager in Burkina Faso liegen in der Nähe der Grenze - was sehr gefährlich ist. Junge Männer könnten zwangsrekrutiert werden, die Bewohner der Lager fürchten Überfälle der Milizen aus dem Heimatland. Die Uno hat daher in den vergangenen Wochen 5000 Malier von den Camps nahe der Grenze weiter ins Innere von Burkina Faso gebracht. Für die Helfer ist die Arbeit ebenso schwer - auch wegen der Entfernungen. Die Camps liegen weit auseinander, Wasser und Nahrungsmittel müssen über weite Strecken transportiert werden.

Die Hilfe wird angesichts der neuen Kämpfe jedoch dringend gebraucht. Um die Maßnahmen entsprechend ausweiten zu können, gehen das Welternährungsprogramm und nichtstaatliche Organisationen von einem zusätzlichen Finanzbedarf von umgerechnet rund 95,5 Millionen Euro aus.

Denn weitere Flüchtlinge werden kommen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer

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1.
franko_potente 15.01.2013
Zitat von sysopZehntausende Menschen sind nach den neuen Kämpfen aus Mali geflohen, bereits seit Monaten sind Hunderttausende auf der Flucht. Die Nachbarländer sind völlig überfordert und riegeln ihre Grenzen ab. Die Lage droht sich dramatisch zu verschärfen. Zehntausende Flüchtlinge in Mali - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/zehntausende-fluechtlinge-in-mali-a-877645.html)
Bild 5/6. Mädchen holne sich Wasser am Tankwagen? Dei befüllen den Tankwagen einduetig mit Wasser. Davor ist ein Esel, der den Wagen dann wohl ins Dorf zieht und man so nicht 20x mit dme Kanister rennt.
2. grrrrrrrr
vipix 15.01.2013
wen ich das lese "Die Islamisten haben fast alle Krankenhäuser und Apotheken zerstört oder geschlossen. Seit April kontrollieren die Rebellen den Norden auf grausame Weise: Dieben wird die Hand abgeschlagen, Bürger werden geschlagen, gefoltert und beraubt, Frauen vergewaltigt." Dann sage ich ich das sind war-lords mit einem Islam Maentelchen um ihre grausamen Machphantasien aus zu leben
3. Was nun?
pförtner 15.01.2013
Wenn wir schon nicht Aussengrenzen Europas Verteigen wollen, sollten wir wenigstens die Flüchtlinge aufnehmen. Das will unser Aussenminister auch nicht.
4.
testthewest 15.01.2013
Zitat von pförtnerWenn wir schon nicht Aussengrenzen Europas Verteigen wollen, sollten wir wenigstens die Flüchtlinge aufnehmen. Das will unser Aussenminister auch nicht.
"und riegeln ihre Grenzen ab." So macht man das! Wenn man denen tatsaechlich helfen sollte, dann muss das Geld dafuer von den Saudis kommen, die diese Soeldner geschickt haben!
5. Auch..........
willhy 15.01.2013
Zitat von pförtnerWenn wir schon nicht Aussengrenzen Europas Verteigen wollen, sollten wir wenigstens die Flüchtlinge aufnehmen. Das will unser Aussenminister auch nicht.
...Deutschland ist da völlig überfordert und sollte sich ein Beispiel an den Nachbarländern Malis nehmen die völlig überfordert sind und ihre Grenzen abriegeln.
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Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Moussa Mara

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