Zehnte Gewaltnacht Flächenbrand in Frankreich

Trotz der Ankündigungen der französischen Regierung, mit aller Härte gegen die Randalierer vorzugehen, haben sich die seit Nächten andauernden Krawalle gestern Nacht auf das ganze Land ausgebreitet. Fast 1300 Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt - mehr als je zuvor.


Paris - In der vergangenen Nacht wurden fast 200 Randalierer festgenommen. Es gelang der französischen Polizei jedoch nicht, die Gewalt einzudämmen. Wie die französischen Behörden am frühen Morgen mitteilte, wurden in der Nacht zu Sonntag mindestens 1295 Fahrzeuge in Brand gesetzt. Die Zahl der Festnahmen gaben die Sicherheitskräfte mit 312 an.

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Erstmals gab es auch im Zentrum von Paris Ausschreitungen. Im dritten Arrondissement nahe dem Platz der Republik warfen Randalierer nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP einen Brandsatz auf Fahrzeuge. Im 17. Arrondissement wurde nach Feuerwehrangaben ein halbes Dutzend Autos durch Brandstiftung beschädigt. Im Département Essonne im Großraum Paris wurden ein Kindergarten und eine Mc-Donald's-Filiale durch Brandstiftung zu großen Teilen zerstört.

Wie auch in der Nacht zuvor versuchte die Regierung vergeblich, der Unruhen durch ein starkes Sicherheitsaufgebot Herr zu werden. Allein in der Region Ile-de-France waren rund 2300 Sicherheitskräfte im Einsatz. Sieben mit Scheinwerfern und Kameras ausgestattete Hubschrauber überflogen die betroffenen Pariser Vororte. Innenminister Nicolas Sarkozy hatte zuvor ein hartes Vorgehen angekündigt. Der Staat könne die Gewalt nicht akzeptieren, sagte Sarkozy nach einem Krisentreffen bei Premierminister Dominique de Villepin.

Bei einem Brand in einem dreistöckigen sozialen Wohnungsbau in Athis-Mons im Essonne erlitten zwei Menschen Rauchverletzungen, rund hundert weitere mussten in Sicherheit gebracht werden. Am frühen Morgen brachte die Feuerwehr den Brand wieder unter Kontrolle. Allein im Essonne wurden nach vorläufigen Polizeiangaben rund 70 Fahrzeuge in Brand gesetzt. Im Département Yvelines gingen rund 80 Fahrzeuge in Flammen auf, in Seine-Saint-Denis waren es 90 sowie 33 im Val-d'Oise.

Krawalle im ganzen Land

In Mureaux (Yvelines) versammelten sich am frühen Samstagabend rund 30 Jugendliche und griffen die Ordnungskräfte mit Wurfgeschossen an. Wie ein Sicherheitsbeamter berichtete, behinderten die Randalierer das Vordingen der Polizei mit Motorradreifen und Einkaufswagen. Einige warfen eine Schranke auf ein vorbeifahrendes Auto.

Auch in mehreren Städten im Westen des Landes dauerten die Krawalle an: In Nantes, Rennes, Rouen und Montargis wurden dutzende Autos und Mülleimer in Brand gesetzt. Im südfranzösischen Toulouse musste die Feuerwehr nach eigenen Angaben rund 50 Mal ausrücken, um von Gruppen von Jugendlichen gelegte Brände zu löschen. Dutzende Randalierer wurden festgenommen. In Evreux in der Normandie wurde ein Einkaufszentrum bei Zusammenstößen zwischen bewaffneten Jugendlichen und der Polizei schwer beschädigt.

In der Nacht besuchte Innenminister Sarkozy überraschend eine Polizeistation im Essonne, wo er sich mit festgenommenen Minderjährigen unterhielt. Der sozialistische Senator Jean-Luc Mélenchon hatte zuvor die Notwendigkeit eines Dialogs mit den Jugendlichen in seinem Département angemahnt. Die Situation dürfe nicht zum "Konflikt zwischen verzweifelten Jugendlichen und zornigen Polizisten werden".

Auslöser der Krawalle war der Tod zweier Jugendlicher in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois am Donnerstag vergangener Woche gewesen. Die Jungen hatten sich vor der Polizei in einem Transformatorenhäuschen versteckt und dort tödliche Stromschläge erlitten.

Vorwürfe gegen Sarkozy

Sarkozy selbst war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, nachdem er die Jugendlichen als Abschaum bezeichnet hatte. Kommunisten und Grüne forderten ihn daraufhin zum Rücktritt auf. Bewohner der Problem-Städte verlangten eine Entschuldigung. "Wir sind alle gegen das, was hier passiert", sagte ein aus Nordafrika stammender Bewohner von Aulnay-sous-Bois. "Hier gibt es nichts für die Jugendlichen zu tun. Sarkozy hat das Feuer entzündet und bisher nicht gesagt, dass es ihm Leid tut."

In der Bevölkerung regte sich erster Protest gegen die Gewalt: Die Bewohner eines Vorortes demonstrierten am Samstag für ein Ende der Ausschreitungen. Durch das von rund 80.000 Einwohner große Aulnay im Nordosten von Paris zogen Tausende Menschen, die ein Banner mit der Aufschrift "Nein zur Gewalt, ja zum Dialog" durch die verwüsteten Straßen trugen. "Es ist ein Zeichen, dass die Gesetze der Republik für alle gelten und dass wir uns der Gewalt nicht einfach ergeben werden", sagte Bürgermeister Gerard Gaudron.

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