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Zeit nach Gaddafi: Experten fürchten die Spaltung Libyens 

Von Ulrike Putz, Beirut

Droht Libyen der Zerfall? Laut Experten könnte das Land bei einem Sturz Gaddafis in seine historischen Provinzen zerfallen. Die Regimegegner beschwören die Einigkeit: Das Leiden unter dem Despoten habe das Volk zusammengeschweißt.

Protest-Graffiti gegen Gaddafi: Aufruhr in einem gespaltenen Land Zur Großansicht
REUTERS

Protest-Graffiti gegen Gaddafi: Aufruhr in einem gespaltenen Land

Noch ist Muammar al-Gaddafi an der Macht. Doch die Regimegegner in Libyen kontrollieren mittlerweile weite Teile des Landes. Aber was passiert bei einem Sturz Gaddafis?

Es wäre keine Überraschung, wenn das Land in diesem Fall auseinanderbricht. Ein Blick in den Atlas zeigt, warum auf dem Staatsgebiet des heutigen Libyen viele Jahrtausende lang drei voneinander unabhängige Länder existierten: Gut 1600 Kilometer Küstenlinie, riesige Wüstenflächen im Inneren - das Land war schlicht zu groß, um von einem einzigen urbanen Zentrum aus verwaltet zu werden.

Auch die Bevölkerung war nie homogen: Die verschiedenen Stämme unterschieden sich in Sprache, Brauchtum und Broterwerb. Sie identifizierten sich mit ihrer Region, nicht mit dem Zentralstaat. Über Jahrhunderte wurde "Libyen" auch nicht als Landesname, sondern als vage geografische Bezeichnung verwendet. Der griechische Historiker Herodot betitelte so im 5. Jahrhundert vor Christus den gesamten afrikanischen Kontinent.

Die historische Unterteilung in die Regionen Tripolitanien im Westen, Fezzan im Süden, Cyrenaika im Osten scheint heute wieder aktuell. Zuerst schüttelten die Oststämme vergangene Woche die 41 Jahre währende Herrschaft Muammar al-Gaddafis ab. Dann schlossen sich die Clans im ölreichen Süden den Protesten gegen den Dauerdiktator an. Nur seine Heimatregion Tripolitanien stand am Wochenende noch zu ihm. Gaddafi hat damit die Macht über gut 80 Prozent des libyschen Territoriums verloren.

Gräben zwischen Ost und West

Experten befürchten nun, dass Libyen in Folge eines Sturzes des Regimes entlang seiner alten Grenzen wieder auseinanderbrechen könnte. "Die Bevölkerung im Osten sieht Bengasi als ihre wahre Hauptstadt", heißt es in einem diese Woche veröffentlichten Report des Stratfor-Instituts, eines auf strategische Studien spezialisierten US-Think-Tanks. Die Dominanz der Region um die Hauptstadt Tripolis sei von Gaddafi durchgesetzt worden, historisch jedoch unbegründet. Jetzt bestünde die Gefahr, dass "Libyen sich wieder in Tripolitania und Cyrenaika teilt und es zwei Machtzentren gibt", heißt es im Stratfor-Report. Die spärlich besiedelte Wüstenregion Fezzan spielt demnach politisch kaum eine Rolle.

Auch Charles Gurdon, Direktor der Risiko-Beraterfirma Menas in London, scheint eine Spaltung Libyens für möglich zu halten. Es werde schwierig werden, das Land zusammenzuhalten, warnte er in einem Gastbeitrag in der "New York Times". Der Graben zwischen dem lange unterdrückten Osten und dem von Gaddafi geförderten Westen sei tief.

Auch Gaddafi selbst weiß schon länger um diese Gefahr: Der Despot fürchtete separatistische Tendenzen. Bei einem afrikanisch-arabischen Gipfel im libyschen Sirte warnte er vergangenen Oktober, die Abspaltung Südsudans sei eine "Krankheit, die auf ganz Afrika übergreifen wird".

Kaum Infrastruktur im Osten

Tatsächlich haben Libyer im Osten, Süden und Westen des Landes während der Herrschaft Gaddafis in unterschiedlichen Welten gelebt. Während er die Heimat seines Qadhadhifa-Stammes im Westen förderte, ließ Gaddafi im Osten nur die allernötigste Entwicklung zu. Abgesehen von der Ölindustrie gibt es dort kaum moderne Infrastruktur: Das Leitungswasser ist nicht wirklich trinkbar. Stromsperren gehören zum Alltag, die medizinische Versorgung ist miserabel. Immer wieder waren Bengasi und andere Bevölkerungszentren des Ostens Ziel brutaler Repressionen durch das Regime. Der aufgestaute Hass machte Bengasi nun zur Hauptstadt der Revolution.

Die Libyer im befreiten Osten des Landes scheinen jedoch keine separatistischen Absichten zu haben. In SMS und mit Hilfe eines Übersetzers geführten Gesprächen beteuerten Einwohner von Bengasi, sich nicht abspalten zu wollen. Bei einer Versammlung von Stammesältesten in der Stadt Baida beschworen die Sprecher am Mittwoch die Vision eines föderalen Staats mit einer liberalen parlamentarischen Demokratie.

Es scheint, als hätte ausgerechnet der gemeinsam durchlebte Terror das Nationalgefühl der Libyer gestärkt. "Unser Leid vereint uns", lautet ein über das Internet weiterverbreiteter Slogan.

Gräueltaten der italienischen Besetzer

Die Libyer haben in den vergangenen hundert Jahren einiges mitgemacht. 1911 marschieren italienische Truppen in das bis dahin zum Osmanischen Reich gehörige Land ein. Offizieller Grund für die Invasion: Die Handelsfreiheit italienischer Kaufleute werde eingeschränkt. Doch in Wahrheit will die italienische Regierung Frankreichs wachsenden Einfluss in Nordafrika eindämmen: Bei dem Versuch, sich das letzte noch nicht kolonialisierte Gebiet Nordafrikas einzuverleiben, will Rom Paris zuvorkommen.

Es folgt eine Besatzungszeit, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Libyer eingegraben hat: Wo immer die Italiener auf Widerstand treffen, führen sie brutale Strafkampagnen durch. Dabei werden erstmals auch Giftgas und Militärflugzeuge gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. In den Ostprovinzen erweist sich die Bevölkerung als besonders kämpferisch. Die Besatzer versuchen, den Partisanen den Rückhalt zu nehmen, indem sie bis zu 100.000 Menschen internieren. Zigtausende sterben in Lagern in der Wüste. Historiker gehen davon aus, dass bis zu ein Viertel der libyschen Bevölkerung italienischen Gräueltaten zum Opfer fällt. Erst im Jahr 1998 entschuldigte sich die italienische Regierung für diese Verbrechen.

In diese Zeit fällt der erste Zusammenschluss Libyens. 1934 bilden die Besatzer aus ihren Eroberungen die italienische Kolonie Libia. Das Blutvergießen geht auch nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weiter: Auf libyschem Territorium stehen sich die Achsenmächte und die Alliierten gegenüber. Bei den großen Panzerschlachten in Nordafrika sterben auf beiden Seiten über 96.000 Soldaten. Wie viele Libyer dem Krieg zum Opfer fallen, ist unbekannt.

1963 wird Libyen zum Einheitsstaat

Nach Kriegsende wird Libyen erst von alliierten Truppen besetzt und 1951 unter König Idris I. zum unabhängigen Königreich. Der föderative Charakter des Staates umfasst die drei Provinzen Tripolitanien, Cyrenaika und Fezzan, die auch eigene Parlamente erhalten. 1963 erfolgt eine Verfassungsänderung. Mit 1,5 Millionen Einwohnern wird Libyen zum Einheitsstaat. Neue Hauptstadt im Osten soll die im Ausbau befindliche Stadt Baida werden, bis diese fertig ist, wird Tripolis Regierungssitz.

Doch das Gebilde bleibt instabil. Die Elite des Landes bereichert sich am ersten Öl-Geld, das in die Staatskasse fließt. Proteste gegen die massive Korruption werden aggressiv unterdrückt. 1969 schließlich wird Idris I. von einer Gruppe panarabischer Offiziere gestürzt. Oberst Gaddafi ruft die Arabische Republik Libyen aus: Das nächste blutige Kapitel der libyschen Geschichte beginnt, das sich nun offenbar seinem Ende neigt.

Im befreiten Osten Libyens weht heute wieder die Trikolore des alten Königreichs. Jene, die sie schwenkten, seien jedoch keine Monarchisten, sagte Youcef Boundel, libyscher Professor für internationale Beziehungen an der Universität Katar, dem Fernsehsender al-Dschasira. Nachdem Gaddafi in mehreren Reden behauptet habe, er sei Libyen, wollten die Leute zeigen, dass das nicht stimmt: "Sie wollen sagen, dass es ein Libyen vor Gaddafi gab."

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Bunga bunga schon damals
elbröwer 26.02.2011
"Giftgas und Militärflugzeuge gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt" Die katholische Kirche vertreten durch Kardinal Schuster aus Mailand segnete die italienischen Truppen.
2. hat vielleicht das volk zusammengeschweisst,
frank_lloyd_right 26.02.2011
aber keine nationen. unglaubhaftes geschwaetz von gelegenheitsrevolutionaeren. ehe ich denen mehr traue als gadhaffi, auf den man sich in einer bizarren weise verlassen kann. ueberzeugt mich bitte erst.
3. "Experten"
CAJ, 26.02.2011
Zitat von sysopDroht Libyen der Zerfall? Laut Experten könnte das Land bei einem Sturz Gaddafis in seine historischen Provinzen zerfallen. Die Regimegegner beschwören die Einigkeit: Das Leiden unter dem Despoten habe das Volk zusammengeschweißt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747907,00.html
Toll das der Spiegel und Co. jetzt auch schon mitbekommen das dort eigentlich ca. 100 Stämme mitzureden haben. Eingie davon haben wohl auch den günstigen Zeitpunkt erkannt den die Unruhen in den arabischen Ländern erzeugt haben um mit Gaddafi abzurechnen. Den der hat eigentlich nichts gemacht was er nicht immer schon gemacht hätte. Wen es also "nur" darum ging gegen einen blutigen Despoten für die Freiheit aufzustehen, hätte es schon viel früher geschehen müssen, im Vergleich zu vielen anderen arabischen Staaten ging es den Lybiern ja eh viel besser als z.B. den Ägyptern die massenweise als Gastarbeiter nach Lybien gehen mussten um ihre Familien ernähren zu können.
4. Spitzenforscher konspirieren mit
frank_lloyd_right 26.02.2011
Extremsituationsexperten - was immer, denen kann die Situation nicht entgleiten. Geht das mit rechten Dingen zu ?
5. Experten
stanis laus 26.02.2011
Was macht diese Experten fähig, in Zukunft Libyen zu sehen? Eine Ausbildung zum Kaffeesatzleser? Oder sind es Nachkommen eines Onkels von Delphi? :-)
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Libyen: Protest gegen Gaddafi

Karte

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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