Zensur in Äquatorial-Guinea Diktator Obiang spielt Foul

Äquatorial-Guinea ist einer der kleinsten Staaten Afrikas. Doch bei der Frauen-WM ist das Land dabei. Ein ZDF-Korrespondent machte sich auf die Suche nach dem Erfolgsrezept der kickenden Frauen - und bekam plötzlich die Diktatur am eigenen Leib zu spüren.

Präsident von Äquatorial-Guinea Obiang: Einer der korruptesten Staaten der Erde
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Präsident von Äquatorial-Guinea Obiang: Einer der korruptesten Staaten der Erde


Es sollte eine Dienstreise werden, wie es viele gibt für einen Afrika-Korrespondenten. Und weil sich die Frauen-Mannschaft von Äquatorial-Guinea für die Frauen-Fußball-WM in Deutschland qualifiziert hat, war das kleine Land im Golf von Guinea für den ZDF-Korrespondenten in Afrika, Jörg Brase, eine Reise wert.

Über Äquatorialguinea muss man wissen, dass es eines der kleinsten Länder Afrikas ist, aber eines der ölreichsten. Zudem beherbergt es unter dem Festlandsockel wohl acht Prozent der weltweiten Erdgasvorräte. Zugleich gehört es laut Transparency International (TI) zu den korruptesten Staaten der Erde und ist, statistisch betrachtet, mit einem Kopfeinkommen von rund 15.000 Dollar per annum das reichste Land Afrikas. Der Haken daran: Von dem Reichtum profitieren nur wenige, insbesondere Mitglieder der verzweigten Familie Obiang. Seit 32 Jahren regiert Theodor Obiang, 69, das Land, nachdem er damals seinen Onkel gestürzt hat und hat hinrichten lassen.

Man darf die Regierungsform getrost eine Diktatur nennen, im vergangenen Jahr ließ Obiang vier angebliche Putschisten hinrichten, Oppositionelle wandern schon mal für 20 Jahre ins Gefängnis.

Brase bereitete sich vor wie immer, er knüpfte Kontakte zum Staatlichen Fernsehen, zum Fußballverband, aber auch zu Oppositionellen und Menschenrechtlern im Land.

Bilder von Mädchen, die im Matsch kicken

Er meldete sich bei den zuständigen Ministerien, und alles schien nach Plan zu laufen. Er drehte mit den Frauen der WM-Mannschaft, er begleitete sie in die Slums, in denen sie wohnen, er interviewte den Staatssekretär im Sportministerium, zufällig ein Sohn des Präsidenten Obiang (und nach eigenen Angaben Generalbevollmächtigter von Daimler-Benz). Brase traf außerdem einen Menschenrechtler und kleine Mädchen, die im Matsch kickten, weil es gerade geregnet hatte.

Sein Interview mit dem Präsidentensohn war Thema in den Abendnachrichten. Und schließlich wurde der deutsche Reporter sogar zu einer Podiumsdiskussion, die sich mit der Frauen-WM befasste, ins staatliche Fernsehen eingeladen.

Alles schien also abgedreht, als Brase am Abend vor der Rückreise nach Nairobi vom Leiter des staatlichen Fernsehens aus einem Konzert gebeten wurde. Der Fernsehchef ordnete an, alle Sequenzen, die dem Image des Landes schaden könnten, zu löschen. Begründung: Das Team sei nicht ordnungsgemäß akkreditiert gewesen. Zudem seien nur Berichte über den Frauenfußball angemeldet gewesen, die Deutschen hätten aber auch mit dem Vorsitzenden der einzigen Oppositionspartei und Menschenrechtlern gesprochen.

Brases Einwand, zu einer ausgewogenen Berichterstattung gehöre auch der Kontakt zu verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen, wies der Zensor zurück.

Das Filmmaterial wurde konfisziert, sämtliche Bilder mit Oppositionellen und Kritikern der Regierung oder auch Elendsvierteln wurden gelöscht, und selbst Aufnahmen von kickenden Mädchen im Schlamm wurden vernichtet. Dann wurde das Team ins Hotel begleitet, auch dort musste Brase alle Aufnahmen herausrücken. Der Mann, der sich zwei Tage zuvor noch freundlich lächelnd als Aufnahmeleiter der TV-Podiumsdiskussion vorgestellt hatte, entpuppte sich nun in unwirschem Ton als grantiger hochrangiger Mitarbeiter des Geheimdienstes.

Der Staatssender kassierte die Speicherkarten ein

Die Speicherkarten behielt der Staatssender ein. Nachts gegen 3.30 Uhr durften die Deutschen schließlich gehen. Brase: "Das hätte die Stasi in der früheren DDR nicht besser machen können. Die kannten alle unsere Verabredungen und Schritte."

Tatsächlich besaß das ZDF-Team keine schriftliche Akkreditierung des Informationsministeriums, doch waren alle betreffenden Ministerien von der Reise und den Drehabsichten informiert worden. Zudem waren die Visa vom Ministerium für Nationale Sicherheit genehmigt worden. So sprach das ZDF in einer zornigen Stellungnahme an den Botschafter Äquatorial-Guineas in Berlin von "einem schweren Eingriff in die Freiheit der Berichterstattung". Die Behandlung des Teams habe einer Situation geähnelt, "wie man sie mit Personen führt, die schwerer Verbrechen verdächtigt werden".

Der Besuch der deutschen Fernsehleute war für die Sicherheitsbehörden Obiangs ein kleiner Aufgalopp für noch größere Herausforderungen, die anstehen. In zwei Wochen trifft sich die Afrikanische Union (AU) in Malabo, fast alle Staatschefs werden mit Gefolge kommen, und wohl auch einige Dutzend Medienvertreter. Und Anfang des kommenden Jahres wird der Africa-Cup, die Fußballmeisterschaft Afrikas, in Äquatorial-Guinea (und in Gabun) ausgetragen werden. Dann werden Tausende von fremden Besuchern und Journalisten ins Land strömen.

Bis dahin wird sich die Geheimpolizei noch etwas einfallen lassen müssen, um Schaden vom Image des Landes abzuwenden.

hkn

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
titule 15.06.2011
1. Was sind das für Sysops die nicht den Titelzwang abschaffen können?
Zitat von sysopÄquatorial-Guinea ist einer der kleinsten Staaten Afrikas. Doch bei der Frauen-WM ist das Land dabei. Ein ZDF-Korrespondent machte sich auf die Suche nach dem Erfolgsrezept der kickenden Frauen - und bekam plötzlich die Diktatur am eigenen Leib zu spüren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768613,00.html
Sehr unprofessionell. Auch beim ZDF müsste man wissen, dass man dort vorsichtig sein muss. Das heißt: Versteckte Kopien machen und am besten schon ausser Landes kopieren. Im Artikel hört sich das so an, als ob eine gutgläubig sich hat reinlegen lassen.
UnitedEurope 15.06.2011
2. Titellos
Zitat von tituleSehr unprofessionell. Auch beim ZDF müsste man wissen, dass man dort vorsichtig sein muss. Das heißt: Versteckte Kopien machen und am besten schon ausser Landes kopieren. Im Artikel hört sich das so an, als ob eine gutgläubig sich hat reinlegen lassen.
Da gibt es aber 2 Probleme: 1. Die haben mit Sicherheit auch mit Kopien gerechnet und haben danach gesucht. Wenn Sie dann welche gefunden hätten, wäre der Reporter wahrscheinlich wegen irgendeinem obskuren Dilekt (Beleidigung des Staates oder so) verhaftet worden. 2. Hätte das ZDF es trotzdem geschafft, diese außer Landes zu schaffen und zu veröffentlichen, wären alle Reporter und Journalisten, die in Zukunft dorthin reisen in noch größerer Gefahr und Bedrängung, als sie sowieso schon sind. Das mag mit dem Ethos eines Journalisten nicht vereinbar sein, aber man kann von ihm auch nicht verlangen, sich noch mehr Probleme und Gefahren einzuhandeln, als er sowieso schon hat.
Franz-Peter 27.06.2011
3. Zensur in Äquatorial Guinea
In einer Fussball WM Berichterstattung hat Politik eigentlich nichts zu suchen. Hätte sich das ZDF an diese Regeln gehalten, so hätte es keine Probleme gegeben. Äquatorial Guinea ist ein relativ kleines Land mit reichen Öl- und Gasvorkommen. Es hat dort schon Putschversuche durch ausländische Söldner gegeben. Deren Interesse war wohl kaum dort eine Demokratie zu installieren. Soweit ich mich erinnere war sogar Mark Thatcher, der Sohn der früheren englischen Premierministerin, aktiv daran beteiligt. Ob Obiang ein Diktator ist, dies sei mal dahingestellt. Ohne Obiang wäre dort wahrscheinlich ein von aussen geschürter Bürgerkrieg im Gange, nach dem Motto: Divide et impera. Das ZDF würde sich besser mal um Demokratie im eigenen Hause kümmern. Offenbar können dort irgendwelche Ministerpräsidenten beliebig missliebige Chefredakteure absetzen und mit 'kompatiblen Kandidaten' besetzen.
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