Kämpfe in Zentralafrika Hollandes gefährlicher Einsatz in der Ex-Kolonie

Erst die Intervention in Mali, jetzt die Operation "Sangaris" in Zentralafrika: Frankreichs Präsident Hollande entsendet erneut Truppen in eine ehemalige Kolonie. Es könnte ein längerfristiges Engagement werden.

Seleka-Kämpfer in Bangui: "Prozess der nationalen Aussöhnung"
REUTERS

Seleka-Kämpfer in Bangui: "Prozess der nationalen Aussöhnung"


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen an diesem Freitag 5182 Kilometer: Während Präsident François Hollande in der französischen Hauptstadt einen pompösen "Élysée-Gipfel zum Frieden und zur Sicherheit in Afrika" eröffnet, herrschen in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui Chaos und Gewalt.

Hollande gibt im Pariser Kongresszentrum den gewandten Gastgeber für eine VIP-Runde von Staats- und Regierungschefs, nachdem er zuvor Truppen in Richtung Zentralafrikanische Republik in Marsch gesetzt hatte. Dort, am "strategischen Puffer" des Kontinents, sollen die 1200 Franzosen das Morden beenden - offiziell an der Seite der internationalen Uno-Hilfsmission.

"Frankreich unterstützt diese Operation, wir haben die Pflicht zu Beistand und Solidarität", erklärte Hollande. Zentralafrika sei klein, befreundet und das ärmste Land der Welt. Hollande kann auf den finanzielle Beistand der EU und der USA zählen - und auf den Rückhalt der Machthaber in Bangui: Noch bevor der Uno-Sicherheitsrat am Donnerstag den Einsatz befürwortete, hatte Premier Nicolas Tiangaye nach den jüngsten Massakern ausdrücklich um militärische Unterstützung gebeten.

Willkür, Vergewaltigungen und Mord

Die ist dringend geboten. Denn die zentralafrikanische Republik steht nach monatelangen Kämpfen vor dem völligen Zusammenbruch. Nicht einmal ein Jahr nachdem ein heterogenes Bündnis aus Regimegegnern und demobilisierten Militärs unter dem Namen Seleka (Koalition) den amtierenden Präsidenten Michel Djotodia in Bangui installierte, zerfällt das Land in mörderische Konflikte. Dem Staatschef ist die Kontrolle entglitten.

Eine marodierende Soldateska, die aus dem mehrheitlich muslimischen Seleka-Bündnis hervorgegangen ist, suchte mit Willkür, Vergewaltigungen und Mord zunächst den Norden heim und löste eine humanitäre Krise aus. Nach Angaben der Uno sind mehr als 400.000 Menschen auf der Flucht. Gegen die meist islamischen Banden, die von der Bevölkerung als barbarische Besatzer wahrgenommen werden, formierten sich bewaffnete Milizen; die mehrheitlich christlichen "Anti-Balaka" verhalten sich laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen freilich genauso gnadenlos. Es droht ein religiös motivierter Bürgerkrieg, Frankreichs Außenminister Laurent Fabius spricht von einem "Staat am Rande des Genozids".

Daher ist die Operation "Sangaris", benannt nach einem lokalen Schmetterling, kein imperialer Reflex einer ehemaligen Kolonialmacht - auch wenn Frankreichs Präsenz in Zentralafrika Tradition hat. Seit der Aktion "Barracuda", mit der Paris 1979 den selbsternannten Kaiser Bokassa vom Thron stürzte, griff Paris immer wieder militärisch ein: Auch zum Schutz von Wirtschaftsinteressen. Der Atomkonzern Areva investierte dort in die Uranförderung. Weil trotz der Regimewechsel die korrupten Machteliten ungeschoren blieben, entstand ein undurchsichtiger Beziehungsfilz, was von Frankreichs Linken immer wieder gerügt wurde.

"Von der Geschichte eingeholt"

Noch im März dieses Jahres hatte sich Hollande geweigert, dem abgewirtschafteten Vorgängerregime von Präsident Djotodia beizuspringen. Erst die Gefahr eines völligen Zusammenbruchs und ein möglicher Dominoeffekt auf die benachbarten Staaten veranlasste Paris zum Handeln. "Hollande wird von der Geschichte eingeholt", schrieb die linke "Libération" und titelte zum Einsatz: "Frankreich - Ein Gendarm in Afrika".

Tatsächlich ist allein Paris willens und in der Lage, schnell zu intervenieren. Das Uno-Kontingent von etwa tausend Polizisten aus dem Tschad, Kamerun, dem Kongo, Gabun und Guinea erwies sich als überfordert. Frankreich hingegen hat Truppen in Libreville und N'Djamena und verfügt über Fallschirmspringer auf dem Hubschrauberträger Dixmude. Frachtflugzeuge vom Typ Antonov An-124 haben bereits Pioniere und Material zum Flughafen Bangui M'Poko transportiert.

Militärisch dürfte der Einsatz in Zentralafrika daher keine Gefahr bedeuten, die größte Herausforderung ist allenfalls das tropische Terrain des Landes. Kniffliger wird die politische Befriedung eines Staates, der so groß wie Frankreich und Belgien zusammen ist. "Die Kriminellen müssen dingfest gemacht, Recht und Gesetz wiederhergestellt werden", so Roland Marchal, Afrika-Experte vom Studienzentrum für Internationale Beziehungen (CERI). "Und dann muss ein Prozess der nationalen Aussöhnung in Gang gebracht werden."

Das dürfte länger dauern als die vorgesehene Truppenpräsenz von vier bis sechs Monaten. Zwar will Frankreich in Absprache mit den Staatschefs des Sicherheitsgipfels die politische Neuordnung den Bürgern Zentralafrikas überlassen. Doch Paris wird nicht umhinkommen, die herrschende Clique zu entmachten - auf die Gefahr, selbst in die Machtkämpfe von Bangui verwickelt zu werden. "Diese Obrigkeit ist provisorisch", gab sich Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian entschlossen: "Sie werden ausgewechselt."

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Regulisssima 06.12.2013
1. Marianette
Wahrscheinlich glaubt Hollande, dass er sein Militär zur eigenen Legitimation benötigt und ihm dafür gefällig sein muss. Angesichts der Unruhe im Frankreich könnte das auf ungekannten Realismus bei ihm deuten. Kurz vor dem Ende gibt es ja oft eine scheinbare Besserung.
ofelas 06.12.2013
2. Kleines Land waere gern gross
Frankreich baut seit Jahren schon wieder an ihrer Einflussphaere, Libyen, Syrien, Afrika allgemein (Mitterrand und Ruanda...vielleicht mal ein Thema fuer SPON) und versuch ueber die EU und mit deutscher Hilfe hier seine Vormachtsstellung wieder aufzubauen. Zentralafrika, seit Jahrzehnten schaltet und waltet Frankreich dort nach Gutduenken, Soldaten sind dort stationiert und die heimliche Macht ist im Elysee. Vielleicht findet mal eine Regierung zusammen welche alle Bevoelkerungsteile wiederspiegelt, und nicht nur wenige Interessen ua die Frankreichs. Ich vermute dann kommt es auch nicht zu solchen Radikalen
robbyy 06.12.2013
3. Es läuft wie es immer läuft....
Warten wir bis nach der Abstimmung über den Koalitionsvertrag und dann schicken wir unsere Söhne auch dorthin.....
spmc-122226439819235 06.12.2013
4. Ein wirtschaftlicher Zwerg zeigt Muskeln
Die "Grande Nation"bläst sich wieder einmal auf ,die EU müßte endlich anfangen die Franzosen auf ihre wahre Dimension herab zu holen und die Bedeutung nach den wirklichen Fähigkeit bewerten und siehe da der König ist nackt,dieses Land lebt seit 1789 ,wie auch GB auf Kosten anderer Nationen und keiner sieht richtig hin.Der Zwerg (dieses mal geistig) im E-Palast bekommt "Nichts" geregelt ,spielt aber Weltmacht.
auweia 06.12.2013
5. Frankreich unterstützen
Zitat von sysopREUTERSErst die Intervention in Mali, jetzt die Operation "Sangaris" in Zentralafrika: Frankreichs Präsident Hollande entsendet erneut Truppen in eine ehemalige Kolonie. Es könnte ein längerfristiges Engagement werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/zentralafrikanische-republik-frankreich-schickt-truppen-a-937510.html
In Zentralafrika kann man doch schön sehen, was passiert wenn sich die Ordnungsmacht zurückzieht. Gesetzlosigkeit, Bandenbildung, religiöser Terror, Flüchtlinge, kurz, viel Leid. Viele afrikanische Länder bekommen es allein nicht gebacken. Daher bin ich dafür, Frankreich hier zu unterstützen -politisch, finanziell, logistisch und notfalls auch militärisch. Natürlich kann man das Kolonialismus 2.0 nennen und möglicherweise wird damit nur kostenlos das Investitionsumfeld der Chinesen abgesichert - wenn es aber den Menschen dort mehr nutzt als der gegenwärtige Zustand, ist doch schon einiges gewonnen, oder?
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