Russischer Einfluss in Zentralafrika "Es geht um Schürfrechte für Bodenschätze"

Die Zentralafrikanische Republik besitzt gewaltige Bodenschätze, doch das Land plagt ein Bürgerkrieg. Afrika-Experte Tim Glawion spricht über Moskaus wachsendes Interesse - und einen grausamen Mordfall.

Russischer Militärberater in der ZAR
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Russischer Militärberater in der ZAR

Ein Interview von


Zur Person
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    Tim Glawion, 29, ist seit dem 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA Institut für Afrika-Studien in Hamburg. Seine Forschung dreht sich um Bürgerkriege und hybride Ordnungen, seine Schwerpunktländer sind die Zentralafrikanische Republik, Somaliland und Haiti. Glawion ist auch bei Twitter

SPIEGEL ONLINE: In der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) schwelt seit fünf Jahren ein Bürgerkrieg. Seit Ende 2017 engagiert sich Russland stark in dem Land. Warum?

Glawion: Es gibt zwei mögliche Erklärungen: Geopolitisch will Moskau Punkte sammeln, indem es einen Konflikt befriedet, den der Westen nicht in den Griff bekommt. Ob das gelingt, ist zweifelhaft. Außerdem geht es eher profan um ökonomische Interessen. Den eigentlichen Schutz des Präsidenten leistet nach wie vor die Uno, mit Panzern, Soldaten und schweren Maschinengewehren. Aber neuerdings sind auch russische Militärberater immer in der Nähe von Staatschef Faustin-Archange Touadéra.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das aus?

Glawion: Ihm wurde kürzlich von russischer Seite ein Vertrag unterbreitet, der russischen Unternehmen Schürfrechte für Bodenschätze einräumt. Der Präsident soll ihn schnell und geräuschlos an seine Leute im Parlament weitergeleitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Im Einsatz für die zentralafrikanische Regierung soll auch die russische Söldnerfirma Wagner sein. (Mehr zu den Wagner-Söldnern lesen Sie hier.) Was machen die?

Glawion: Ja, ein Trupp von Leuten der sogenannten Wagner-Gruppe ist etwa in Berengo stationiert, sie bilden die Soldaten der Nationalarmee an den Waffen aus, die aus Russland geliefert wurden. Danach bleiben einige Russen bei den Truppen, damit deren Waffen nicht in die falschen Hände geraten.

Präsident Faustin-Archange Touadéra in Berengo
AFP

Präsident Faustin-Archange Touadéra in Berengo

SPIEGEL ONLINE: 2013 brach der Bürgerkrieg aus, der bis heute nicht zu Ende ist. Wie ist die Lage aktuell?

Glawion: Sehr fragil. Ein trauriges Beispiel ist ein Vorfall in der Stadt Bangassou vor gut einem Jahr. Der Ort galt als Musterbeispiel für Versöhnung, und unter Schutz der Uno-Truppen kehrte man dort zur Normalität zurück. Dann saßen Bürgerwehren in der Region einem Gerücht über einen bevorstehenden Angriff einer muslimischen Rebellengruppe aus dem Norden auf. Tausende trieben Muslime zusammen, die sich in die Moschee flüchteten. Die Uno-Soldaten rückten ab, ließen sie im Stich. Es starben Dutzende, der Frieden war dahin.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die Hauptkonfliktlinie, zwischen Christen und Muslimen?

Glawion: Ganz und gar nicht, auch wenn das immer wieder so dargestellt wird, weil es so schön einfach klingt. Es geht immer um Zugehörigkeit, also darum, wer ein echter Zentralafrikaner ist. Da geht es oft um unterschiedliche Ethnien und Lebensweisen, beispielsweise Viehzüchter gegen Ackerbauern. Das überschneidet sich zwar häufig mit der Religionszugehörigkeit, aber im Konflikt ist Religion bislang nicht das dominierende Thema.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie eine Prognose ab, wie sich die Lage entwickeln wird, auch durch das Engagement Russlands?

Glawion: Der russische Beitrag ist eher klein, ihre Trainings- und Beratermission kommt erst dran, nachdem die Soldaten ein langes EU-Training durchlaufen haben. Ähnlich wie am Beispiel Bangassou beschrieben, bleiben die tiefer liegenden Konfliktursachen ungelöst. Es reicht ein Gerücht, das per Mundpropaganda verbreitet wird - und der Krieg eskaliert aufs Neue.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt wurden drei russische Journalisten ermordet. Was wissen Sie über den Fall?

Glawion: Ich habe mit lokalen Journalisten in Bangui gesprochen, die entsetzt sind. So was kommt in dem Land normalerweise nicht vor, also Angriffe auf weiße Journalisten. Und dann gleich drei, erschossen und mit durchgeschnittener Kehle? Das ist ein singuläres Ereignis und ein merkwürdiges. Es heißt auch, die Journalisten hätten Fehler gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Glawion: Wenn sie, wie gemutmaßt wird, über die Aktivitäten russischer Berater und Militärs im Land recherchierten, ergibt ihre nächtliche Reise keinen Sinn. Sie waren in einem Gebiet unterwegs, in dem es vermutlich keine Russen gibt. Soldaten der ZAR haben ihnen von einer Überlandfahrt in der Nacht abgeraten, ehe sie die letzte Ortschaft unter Armeekontrolle, Sibut, verließen. Der Fahrer, der fliehen konnte, berichtet zudem, die drei Russen hätten sich mit den Wegelagerern lautstark gestritten, was unprofessionell wäre. Aber vieles ist unklar.

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Zentralafrikanische Republik: Drei tote Russen, viele Fragen offen

SPIEGEL ONLINE: Spekuliert wird darüber, dass hier erfahrene Krisenreporter zum Schweigen gebracht werden sollten.

Glawion: Moskau verbreitet die Theorie vom einfachen Raubüberfall. Die zentralafrikanische Regierung verweist auf angebliche Islamisten, spricht von Turbanträgern, die keine lokale Sprache konnten. Möglich ist aber ebenso, dass die Reporter in eine Falle gelockt und überredet wurden, nachts über Land in unsicherem Gebiet zu fahren. Vielleicht, aus dem von Ihnen genannten Grund. Oder aber von Rebellen, die ein Zeichen gegen die russische Präsenz im Land setzen wollten, denen es also nicht um Journalisten ging, sondern um irgendwelche Russen. Genau kann man das noch nicht wissen.



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