Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nobel-Zeremonie in Oslo: "Europa ist zum Kontinent des Friedens geworden"

Die EU ist Trägerin des Friedensnobelpreises: In Oslo haben drei hochrangige EU-Politiker die Auszeichnung entgegengenommen. Der Chef des norwegischen Nobelkomitees mahnte zu Solidarität auch in der Finanzkrise und würdigte die Rolle der europäischen Institutionen.

EU-Politiker Van Rompuy, Barroso und Schulz: Freude über Nobelpreis Zur Großansicht
AFP

EU-Politiker Van Rompuy, Barroso und Schulz: Freude über Nobelpreis

Oslo - Für die EU ist es ein historischer Moment: Im Osloer Rathaus haben stellvertretend Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Parlamentspräsident Martin Schulz und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy den Friedensnobelpreis in Empfang genommen. Die drei Politiker waren zusammen mit ihren Ehefrauen zum Festakt erschienen. Vorne im Saal nahm die norwegische Königsfamilie Platz.

Im Osloer Rathaus brandete langer Applaus auf, als die drei EU-Vertreter die Bühne betraten und den Preis entgegennahmen.

Neben Barroso, Van Rompuy und Schulz nahmen rund 20 Staats- und Regierungschefs aus Mitgliedsländern an dem Festakt im Rathaus der norwegischen Hauptstadt teil - darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Der Chef des norwegischen Nobelkomitees Thorbjørn Jagland dankte den zahlreichen Politikern in seiner Rede für ihr Kommen: So könne gemeinsam gefeiert werden, dass Europa von einem "Kontinent des Kriegs zu einem Kontinent des Friedens geworden ist". Für diese Errungenschaft müsse man Tag für Tag kämpfen, so Jagland. Jagland erinnerte an den Fall der Berliner Mauer, die Auflösung des Ostblocks, die Kriege auf dem Balkan. Die EU sei stets treibende Kraft bei dem Prozess der Aussöhnung gewesen und habe geholfen, "die Bruderschaft und den Frieden zwischen den Nationen" zu fördern, so der Norweger. Der Friedensnobelpreis für die EU sei deshalb "nicht nur gerechtfertigt, sondern auch notwendig. Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich dazu", sagte Jagland in Richtung der europäischen Vertreter. Jagland appellierte an die europäischen Länder, in der Finanzkrise "Seite an Seite" zu stehen.

Fotostrecke

10  Bilder
Friedensnobelpreise der letzten 10 Jahre: Präsidenten, Dissidenten, Funktionäre
Jagland forderte die Regierungen der europäischen Krisenländer auf, die Proteste der Bevölkerung ernst zu nehmen. Die sozialen Unruhen seien auch durch Korruption und Steuerflucht ausgelöst worden. "Die Aufgabe der Politik ist es, die Proteste in konkretes politisches Handeln zu verwandeln", sagte Jagland. Der Weg zu einer Lösung bestehe nicht darin, europäische Institutionen zu zerschlagen, Solidarität müsse stattdessen über die Grenzen hinweg aufrecht erhalten werden. Europa sei nicht perfekt, die Institutionen der EU seien notwendig, um sicher zu stellen, "dass Nationalstaaten und einzelne Menschen sich kontrollieren und mit Bedacht vorgehen", so Jagland.

Die Rede der Preisträger teilten sich EU-Ratspräsident Van Rompuy und Kommissionspräsident Barroso. Van Rompuy erinnerte an die Kriege in Europa und würdigte die Anstrengungen und den Mut der Gründungsväter der EU. Gleichzeitig warb der Belgier für die mitunter etwas kompliziert wirkende Politik auf EU-Ebene. "Die EU hat die Kunst des Kompromisses zur Perfektion geführt". Diese "langweilige Politik ist nur ein kleiner Preis dafür, dass wir Frieden haben", sagte Van Rompuy. Europa dürfe sich aber nicht auf seinem Friedensversprechen ausruhen, sondern müsse seine Bürger weiter inspirieren.

Schulz: "Frieden nicht aufs Spiel setzen"

Der Portugiese Barroso erklärte, Frieden sei nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch ein Geisteszustand, eine Bereitschaft zu Vertrauen, zu Wohlwollen und Gerechtigkeit. Die EU verkörpere als politisches Projekt die Werte der Gerechtigkeit und Freiheit, in ihr sei Frieden nicht nur von gutem Willen der Menschen abhängig, sondern sei auch in Recht gegossen.

Im Vorfeld der Verleihung hatte EU-Parlamentspräsident Schulz erklärt, er sehe in der Verleihung des Friedensnobelpreises auch die Mahnung an die EU, "das Große Erbe des 20. Jahrhunderts, nämlich diese Friedens- und Wohlstandsgesellschaft nicht aufs Spiel zu setzen", sagte Schulz im ZDF-"Morgenmagazin". Der Friede dürfe nicht als selbstverständlich genommen werden und man dürfe nicht glauben, dass Rassismus und Hass auf ewig gebannt seien.

Der Preis für die EU würdige vor allem das Verdienst der EU, Konflikte gemeinschaftlich und friedlich zu überwinden, sagte der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher im rbb-Inforadio. "Damit wird die Aufmerksamkeit wieder auf das gerichtet, was für viele als Selbstverständlichkeit gilt: Nämlich dass es hier in Europa keinen Krieg gibt."

Der Friedensnobelpreis wird seit 1901 jährlich vom norwegischen Nobelkomitee in Oslo vergeben. Grundlage ist das Testament des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896). Nach dem Willen des Industriellen und Dynamit-Erfinders soll ausgezeichnet werden, wer "am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen".

Das fünfköpfige Nobelkomitee besteht aus Parteienvertretern entsprechend der jeweiligen Mehrheitsverhältnisse im norwegischen Parlament. Derzeitiger Vorsitzender ist der sozialdemokratische Ex-Ministerpräsident und Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, 62.

anr/dpa/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Umstrittener Friedenspreis
gernoternst 10.12.2012
Es hätte den Artikel vielleicht vertieft, wenn der Autor bemerkt hätte, wie umstritten sowohl Jagland als auch der Preis in der norwegischen Öffentlichkeit ist. Jagland hat gewartet bis ein (kritisches) Mitglied des Komitees krank war, um den Beschluss zu fassen. Mehr als 80% der Norweger haben Probleme diesen Preis zu verstehen und viele empfinden ihn als Hohn gegenüber den Südeuropäern
2.
abraxas63 10.12.2012
Zitat von sysopAFPDie EU ist Trägerin des Friedensnobelpreis: In Oslo haben drei hochrangige EU-Politiker die Auszeichnung entgegengenommen. Der Chef des norwegischen Nobelkomitees mahnte zu Solidarität auch in der Finanzkrise und würdigte die Rolle der europäischen Institutionen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/zeremonie-in-oslo-eu-politiker-nehmen-friedensnobelpreis-entgegen-a-871889.html
Wenn ich bedenke, dass ich den Friedensnobelpreis schon immer für eine Satire-Veranstaltung gehalten habe, wird mir jetzt recht mulmig.
3.
genlok 10.12.2012
Zitat von sysopAFPDie EU ist Trägerin des Friedensnobelpreis: In Oslo haben drei hochrangige EU-Politiker die Auszeichnung entgegengenommen. Der Chef des norwegischen Nobelkomitees mahnte zu Solidarität auch in der Finanzkrise und würdigte die Rolle der europäischen Institutionen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/zeremonie-in-oslo-eu-politiker-nehmen-friedensnobelpreis-entgegen-a-871889.html
Na da freuen sich Schulz und die beiden anderen fanatischen Ideologen aber. So scheint es doch eine Bestätigung ihrer Machenschaften zu sein. Die Brüsseler Bürokraten sind soweit abgerückt von dem was das Gefühl auf der Strasse ist, dass man sich jetzt nur noch fremdschämen kann für diese peinliche Posse.
4. Der norwegische Comedypreis
daskänguru 10.12.2012
Zitat von sysopAFPDie EU ist Trägerin des Friedensnobelpreis: In Oslo haben drei hochrangige EU-Politiker die Auszeichnung entgegengenommen. Der Chef des norwegischen Nobelkomitees mahnte zu Solidarität auch in der Finanzkrise und würdigte die Rolle der europäischen Institutionen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/zeremonie-in-oslo-eu-politiker-nehmen-friedensnobelpreis-entgegen-a-871889.html
geht an die EU. Spielen die da los kommt das traust du dich aber nicht.
5.
ingemusch 10.12.2012
Zitat von gernoternstEs hätte den Artikel vielleicht vertieft, wenn der Autor bemerkt hätte, wie umstritten sowohl Jagland als auch der Preis in der norwegischen Öffentlichkeit ist. Jagland hat gewartet bis ein (kritisches) Mitglied des Komitees krank war, um den Beschluss zu fassen. Mehr als 80% der Norweger haben Probleme diesen Preis zu verstehen und viele empfinden ihn als Hohn gegenüber den Südeuropäern
Man sollte dazu sagen, das dieselben 80% vor allem auch Probleme haben die EU zu verstehen und noch groessere Probleme damit haben, dass es in der EU Leute gibt, die die EU verstehen und schaetzen. Man sollte auch dazu sagen, dass die Zahl "80%" aus der konservativen Aftenposten stammt....;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Nobelpreis für EU: Historische Entscheidung in Oslo

Fotostrecke
Nobelpreise 2012: Die Gewinner


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: