Von Johannes Korge
Die ersten Minuten von "Zero Dark Thirty" sind nichts für sanfte Gemüter. Zu einer dunklen Leinwand spielt Filmemacherin Kathryn Bigelow aufgezeichnete Notrufe aus dem World Trade Center vom 11. September 2001 ab. Es folgen ein scharfer Schnitt - und ein Wirbel grausamer Folterbilder: Waterboarding, Schlafentzug, Schläge und Einzelhaft in völliger Dunkelheit. Opfer ist ein junger Qaida-Anhänger, Täter sind Agenten des US-Geheimdienstes CIA.
Bigelow zeichnet in ihrem Film die Jagd auf Terrorfürst Osama Bin Laden nach, den Spezialeinheiten der amerikanischen Streitkräfte im Mai 2011 erschossen und im Meer versenkten. Der Streifen erscheint in Deutschland erst im Januar 2013.
Bei ihren Ermittlungen setzen die Filmagenten auch auf die sogenannten Enhanced Interrogation Techniques, also verschärfte Befragungstechniken. So umschrieb die Bush-Administration euphemistisch, was auch kurz und knapp als Folter bezeichnet werden kann. Am Ende des Films stirbt der Terrorist Bin Laden im Kugelhagel einer Navy-Seals-Einheit.
Es ist diese Verbindung aus Mittel (Folter) und Resultat (Tötung Bin Ladens), die in den USA eine hitzige Debatte angefacht hat. Bigelow vermittle eine fatale Fehlinterpretation, warnen Kritiker: "Kein Waterboarding - kein Bin Laden."
So feierte das "New York Magazine" das Werk zwar als "besten Film des Jahres" - monierte aber gleichzeitig: "Er grenzt an das politisch und moralisch Verwerfliche, weil er die Wirksamkeit von Folter nahelegt." Die "New York Times" spekuliert sogar, dass "Dick Cheney den Film lieben dürfte. Seine Haltung zur Folter wird darin unterstützt".
Cheney hatte als Vizepräsident der Bush-Administration stets von den "phänomenalen Resultaten" der "verschärften Befragung" geschwärmt. Zuletzt hielt Cheney am zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 ein Plädoyer für die umstrittenen Methoden: "Drei Menschen wurden dem Waterboarding ausgesetzt, nicht Hunderte. Einer dieser Männer hat uns wichtige Informationen über Bin Laden geliefert."
"Ich wünsche mir, dass Folter kein Teil dieser Geschichte wäre"
Bigelow beteuert den journalistischen Ansatz des Films, wonach das Drehbuch - und vor allem die Folterszenen - auf persönlichen Gesprächen mit ehemaligen oder aktiven CIA-Mitarbeitern basiert. "Ich wünsche mir, dass Folter kein Teil dieser Geschichte wäre. Aber das ist sie", so Bigelow. Gleichzeitig betont sie, dass es sich bei "Zero Dark Thirty" nicht um eine Dokumentation handelt. Die aktuelle Debatte sei lächerlich, so die Oscar-Preisträgerin.
Schon Anfang 2012 hatte der Film für Aufsehen gesorgt. Damals waren Vorwürfe laut geworden, Bigelow habe für ihre Recherchen ungewöhnlich umfangreichen Zugang zu den Unterlagen der Sicherheitsbehörden gehabt. Vertreter des republikanischen Lagers vermuteten dahinter versteckte Wahlkampfhilfen für Präsident Barack Obama. Ein positives Porträt der Bin-Laden-Mission könnte diesem beim Wiedereinzug ins Weiße Haus nur helfen, so der Vorwurf. Nicht zuletzt deshalb wurde die Veröffentlichung von "Zero Dark Thirty" bis in den Dezember verschoben.
Noch immer ist nicht endgültig geklärt, in welchem Umfang unter Folter erpresste Informationen tatsächlich zur Ergreifung Bin Ladens geführt haben. Präsident Obama hat sich zwar öffentlich gegen gewaltsame Befragungen von Gefangenen positioniert. Eine offizielle Untersuchung zur Rolle von Enhanced Interrogation Techniques bei der Bin-Laden-Jagd gibt es bisher jedoch nicht. Auch die Umstände des Todes von zwei Gefangenen in Afghanistan (2002) und dem Irak (2003) wurden nicht ermittelt.
6000 Seiten über die Methoden der CIA
Die aktuelle Diskussion überschneidet sich mit der Vorlage eines als geheim eingestuften Berichts an den US-Senat. Auf 6000 Seiten dokumentiert das Papier die Verhörmethoden von CIA-Agenten - auch in den Jahren von 2002 bis 2004, aus denen die meisten Foltervorwürfe stammen.
Noch ist nicht entschieden, ob der Bericht öffentlich gemacht wird. Eine generelle Aussage lässt sich jedoch laut der demokratischen Senatorin Dianne Feinstein schon jetzt treffen. Sie sitzt dem Komitee vor, das den Bericht verantwortet. Laut Feinstein habe die Sichtung von rund sechs Millionen Seiten Ermittlungsakten ergeben, dass die Folteraktionen "keine zentrale Rolle" bei der Jagd auf den Qaida-Anführer gespielt haben.
Dies steht in krassem Gegensatz zur Einsätzung Cheneys und großen Teilen des konservativen Lagers. Entsprechend lehnen die Republikaner das Papier als unvollständig und fehlerhaft ab, bei der Erstellung verweigerten sie jede Kooperation.
Infos kommen freiwillig beim Essen
In der Aufregung rund um den Film vermisst Regisseurin Bigelow zwei entscheidende Details: Den Durchbruch auf der Jagd nach dem 9/11-Drahtzieher bringen den Ermittlern nicht erpresste Insider-Informationen, sondern jahrelange geduldige Ermittlungen. Erst spät bemerken die CIA-Agenten, dass sich die entscheidenden Informationen seit Jahren unbemerkt in ihren Unterlagen befanden.
Der Hinweis darauf kommt tatsächlich von einem früheren Verhöropfer. Allerdings verrät der Verdächtige seine Geheimnisse nicht unter Folter - sondern bei einem zivilisierten Essen.
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