Zitter-Wahltag Briten rechnen mit Auszählungskrimi

Der Wahltag in Großbritannien zeigt: Es gibt eine vage Wechselstimmung auf der Insel - aber reicht das, damit Tory-Chef David Cameron in Downing Street No. 10 einziehen kann? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Carsten Volkery hat die Stimmung in zwei umkämpften Londoner Wahlkreisen aufgefangen.


Selten sind die Briten mit größerer Entschlossenheit zur Wahl gegangen. "Natürlich Labour", sagt Bekim Dauti wie aus der Pistole geschossen, als er gefragt wird, wo er gerade sein Kreuzchen gemacht hat. "Ich habe zwei Kinder, Mann", sagt der 36-jährige gebürtige Kosovare vor dem Wahllokal Maida Centre im Wahlkreis Westminster North. "Wenn die anderen Parteien drankommen, kürzen sie mir das Kindergeld."

"Grün, wie immer", sagt ebenso schnell David Ewart. "Aber es wäre mir am liebsten, wenn die Konservativen gewännen. Das Land braucht eine neue Regierung. Nach zehn Jahren ist jede Regierung korrupt." Der 46-jährige Anwalt steht einige Kilometer weiter südlich, in Hammersmith vor dem Wahllokal Nummer acht.

Die Wahlkreise Westminster North und Hammersmith im Westen Londons zählen zu den heißumkämpften "Marginals", in denen die Mehrheiten knapp sind. Beide müssen die Konservativen von Labour erobern, wenn sie eine eigene Mehrheit im Unterhaus erreichen wollen.

Die konservativen Kandidaten Shaun Bailey und Joanne Cash sind zwei der "neuen Tories", die von Parteichef David Cameron persönlich gefördert werden. Eine Frau und ein Schwarzer, beide in ihren Dreißigern - sie sollen helfen, das Image der Partei der reichen, weißen Männer loszuwerden. Bailey, Sohn einer jamaikanischen Einwanderin, war sogar im nationalen Wahlprogramm abgebildet.

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Wahl in Großbritannien: "Schicksal der Nation"

Der Kampf um die beiden Wahlkreise illustriert, wie schwierig Camerons Unterfangen ist, nach 13 Jahren New Labour die Macht für die Konservativen zurückzuerobern. Die meisten Wähler, die am Donnerstagmorgen aus dem Wahllokal in Westminster North kommen, haben für Labour gestimmt. "Sie haben gute Arbeit bei der Integration von Einwanderern geleistet", sagt eine 58-jährige Britin, die vor 30 Jahren aus Indien eingewandert ist.

Obendrein ist die seit 1997 amtierende Labour-Abgeordnete Karen Buck sehr populär. "Sie ist eine echte Wahlkreis-Abgeordnete", erklärt Dauti, der seit 14 Jahren hier lebt. "Sie ist immer ansprechbar." Die Nachwuchskonservative Cash hingegen, die erst vergangenen Herbst aus dem Nichts auftauchte und von einigen Journalisten als "Cameron's Cutie" - Cameron's Süße - abgetan wird, ist selbst in den eigenen Reihen umstritten. Sie war mitten im Wahlkampf kurzzeitig zurückgetreten, weil sie sich mit einer lokalen Parteifunktionärin überworfen hatte.

Der Kandidat Bailey in Hammersmith hingegen scheint mehr Fans zu haben. "Er hat eine gute Lebensgeschichte", sagt Edmund Sixsmith vor dem Wahllokal Nummer acht. "Er wuchs in den armen Sozialsiedlungen der White City auf, seine Mutter war alleinerziehend, seine Freunde haben Drogen genommen, er hat sich hochgearbeitet." In Sixsmith' Augen wird sich der Westen Londons insgesamt bei dieser Wahl nach rechts bewegen.

"Die Leute wollen etwas Neues"

Viele Wähler in beiden Wahlkreisen sagen, dass es Zeit für einen Wechsel sei. "Die Leute wollen etwas Neues", bestätigt der Investmentmanager David Watson, selbst ein Labour-Wahlhelfer in Westminster North. "Aber die Tories überzeugen sie nicht." Vor wenigen Monaten noch habe man mit einem Erdrutschsieg der Konservativen gerechnet. Vor zwei Wochen, nach den ersten Fernsehdebatten, habe Labour sogar der dritte Platz hinter den Liberaldemokraten gedroht. Nun scheine es besser zu kommen als erwartet.

Weil die Wahl so knapp ist, wird es eine lange Nacht. Um 22 Uhr Ortszeit (23 Uhr in Deutschland) schließen die Wahllokale, dann trudeln die Ergebnisse aus den Wahlkreisen über Stunden herein. Die Fernsehsender übertragen Sondersendungen bis um sechs Uhr morgens. Spätestens dann soll ein Sieger feststehen. "Es wird sehr spannend", sagt Watson. Er werde nicht aufbleiben, weil er am Morgen zwei Geschäftstermine habe. Aber seine Kinder seien hochinteressiert - im Freundeskreis seines erwachsenen Sohnes sei der Liberaldemokrat Clegg das Thema Nummer eins.

Auch Linda Lulham will aufbleiben - die Krankenschwester geht zu einer Freundin, um gemeinsam die Wahlsendung zu gucken. "Mit einer Flasche Champagner", sagt sie, "bis sechs Uhr morgens". Sie will auf das Comeback der Konservativen nach 13 Jahren in der Opposition anstoßen.

Einen Gewinner haben die britischen Medien in diesem Wahlkampf bereits ausgemacht: Die Politik. Nach dem Spesenskandal im vergangenen Jahr war das Ansehen der Politiker auf ein Allzeittief gesunken - nun wird wieder lustvoll debattiert. Als Grund werden die drei Fernsehdebatten und der Aufstieg der Liberaldemokraten angeführt, die das Zwei-Parteien-System aufzumischen versprechen. Es ist aber auch das Gefühl, dass das Land vor einer Weichenstellung steht. Von der "wichtigsten Wahl seit einer Generation" sprachen die drei Spitzenkandidaten Brown, Cameron und Clegg unisono.

"Von dieser Wahl hängt viel ab"

Die Alarmstimmung wurde vom britischen Boulevard am Wahltag noch kräftig angeheizt. Die konservativen Massenblätter schwelgten in Untergangsszenarien: Die "Sun" nannte Tory-Chef Cameron "unsere einzige Hoffnung", um die Insel "vor dem Desaster zu retten". Die "Daily Mail" sagte griechisches Chaos voraus, sollten die Konservativen keine klare Mehrheit bekommen.

Der labournahe "Daily Mirror" hielt dagegen mit einem Titelfoto des jungen David Cameron im Eton-Frack, wie er mit seinen Verbindungsbrüdern des exklusiven Bullingdon-Clubs posierte. Er sei mit dem Silberlöffel im Mund geboren worden und nun auf dem Weg in die Downing Street, ätzte das Blatt. "David Cameron versteht uns nicht."

Kein Wunder also, dass viele Briten noch vor dem Wahllokal unentschlossen waren. "Von dieser Wahl hängt viel ab", sagte die 23-jährige Studentin Maria, die den Kinderwagen ihrer kleinen Tochter vor dem Maida Centre entlang schob. Was genau, wusste sie nicht so recht zu sagen. Auch wen sie wählen würde, wusste sie noch nicht. Aber wählen gehen wollte sie auf jeden Fall.

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Seite 1
japan10 15.03.2010
1.
Zitat von sysopHohe Arbeitslosigkeit, Rekordschulden und ein verhasster Premier - es müsste ein Leichtes für die britischen Konservativen sein, Labour aus dem Amt zu jagen. Gordon Brown vs. David Cameron: Wer macht das Rennen?
Patt, der Gewinner wird die City sein. Hier werden sich dann die Heuschrecken tummeln und ihre Geschäfte weiter treiben.
t.h.wolff 15.03.2010
2. Fair play
Ohnehin ist es sehr überraschend, daß Blair und Brown so lange weiterregieren durften, nachdem sie Labour mit den Interessen des Kapitals gleichgeschaltet und die Tories politisch überflüssig gemacht hatten. Blairs Männerfreund Gerhard Schröder versuchte in Deutschland bekanntlich einen ähnlichen Coup, wurde nach erfolgter Mission ("Agenda 2010") jedoch als frecher Parvenu vom Hof gejagt, da nach Ansicht des Springer/Bertelsmann-Medienkonglomerats die Bundesrepublik vor dem Untergang stand (wer 2004 bereits lesen konnte wird sich erinnern). Man muß die vergleichsweise lange Labour-Regentschaft dem britischen Gespür für sportliche Fairness zuschreiben, das den hiesigen Herrenreitern offenbar gänzlich abgeht.
mauskeu 15.03.2010
3.
Zitat von sysopHohe Arbeitslosigkeit, Rekordschulden und ein verhasster Premier - es müsste ein Leichtes für die britischen Konservativen sein, Labour aus dem Amt zu jagen. Gordon Brown vs. David Cameron: Wer macht das Rennen?
Ich glaube die extremen Rechten werden zunehmen und damit Cameron schwächen. Es wird keinen klaren Sieger geben.
Emil Peisker 15.03.2010
4. Größter Gewinner
Zitat von sysopHohe Arbeitslosigkeit, Rekordschulden und ein verhasster Premier - es müsste ein Leichtes für die britischen Konservativen sein, Labour aus dem Amt zu jagen. Gordon Brown vs. David Cameron: Wer macht das Rennen?
Größter Gewinner werden, trotz des Mehrheitswahlrechtes die Liberalen Demokraten sein. Möglich sogar, dass man sie als Koalitionspartner braucht. Ich war in Luton als die fusionierte Partei zum ersten mal bei Wahlen antrat. Diese "Karriere" hätte man den ehemaligen Sozialdemokraten nie zugetraut.
Gman 15.03.2010
5. Chichagoer Schule
Zitat von sysopHohe Arbeitslosigkeit, Rekordschulden und ein verhasster Premier - es müsste ein Leichtes für die britischen Konservativen sein, Labour aus dem Amt zu jagen. Gordon Brown vs. David Cameron: Wer macht das Rennen?
GB als Opfer einer marktverblendeten Politik. Nun wird die Ernte eingefahren: Deindustrialisiert, desillusioniert und gnadenlos der City ausgeliefert. Das Pfund im freien Fall und noch lange nicht auf den Boden der Tatsachen angekommen. Gerhard Schröder wollte uns einst nach diesem Vorbild "reformieren" (u.a. Schröder-Blair-Papier). Mit der Deregulierung der Banken und Finanzmärkte in D sind wir ja prächtig auf die Nase gefallen - aus London werden nicht grundlos ca. 75 % aller Hedgefonds verwaltet, die auch hier auf Einkaufstour gehen und gesunde Unternehmen kaputt gemacht haben. Nun ist die Party aus, aber die Arbeitsplätze aus GB sind in China, Indien oder Osteuropa. www.tt.com/.../krise-griechischen-ausmaßes-in-gb-braut-sich-was-zusammen.csp www.wiwo.de/.../hedgefonds-als-alibi-fuer-politikversagen-424497 Richtig kritisch wird es, wenn ein Patt bei der Wahl herauskommen wird. Die Zeiten der virtuellen Luftschlösser auf Pump aus Finance & Co. scheinen jedenfalls ausgeträumt. Anders als in D hat man jedoch längst erkannt, dass es einen gesetzlichen Mindestlohn geben muss: www.dw-world.de/dw/article/0,,2112685,00.html Gruß Gman
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