Zitterduell der US-Republikaner Zwei Sieger, ein Gewinner

Was für ein irres Kopf-an-Kopf-Rennen! Nach fast sechs Stunden bangen Wartens liegt Mitt Romney nur hauchdünn vor Rick Santorum. Es ist ein nie dagewesener Doppelsieg - von dem aber der eine etwas mehr profitiert als der andere.

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Aus Johnston und Des Moines berichten und


Um kurz nach 23 Uhr halten es Rick Santorum und seine Leute nicht mehr aus. Eine Entscheidung muss her. Und zwar schnell. Seit mehr als drei Stunden werden in Iowa die Stimmen gezählt, seit mehr als drei Stunden harren gut 200 Anhänger im "Stoney Creek Inn" aus, einem Hotel im Western-Look mit Holzelch vor der Tür. Es geht hin und her. Mal liegt Santorum vorn, mal Mitt Romney.

Um 23.13 Uhr hat Santorum 54 Stimmen Vorsprung, 96 Prozent der Stimmen sind ausgezählt. Jetzt oder nie. "Karen, die Kinder und Rick Santorum", ruft also der Conférencier. Musik dröhnt durch den Saal, wie vor einem Boxkampf. "Puuuh", macht Santorum, als er oben auf der Bühne angekommen ist: "Jetzt geht's los!" Die Profis mit den zwei Kinofilmkameras, die sich Santorums Wahlkampfstab für diesen Siegermoment geleistet hat, drücken auf den roten Knopf.

Ein paar Meilen weiter südlich im großen Ballsaal des edlen Hotels "Fort Des Moines" herrscht Stille. Eigentlich steigt hier die Wahlparty von Mitt Romney, Hunderte warten auf ihn. Aber jetzt flimmert Santorum über die Bildschirme. Ausgerechnet. Der gibt sich gefühlig, spricht über seine Herkunft, über seinen italienischen Großvater, der 1925 dem faschistischen Mussolini-Regime den Rücken kehrte, nach Amerika auswanderte und in einem Kohlebergwerk schuftete. Santorum spricht über seine eigene Schufterei, seine Aufholjagd in Iowa. Und dann spielen sie auch noch "A Hard Day's Night" von den Beatles.

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US-Vorwahlen: Zittersieg in Iowa
Das ist zu viel. Bei Romney sind sie baff. Santorum wirkt viel natürlicher als ihr roboterhaftes Idol. Ein Raunen geht durch den Raum, als Romneys Helfer auch noch während der Rede des Kontrahenten jene Teleprompter wegschaffen, die den ganzen Abend neben dem Podium standen. Hat Romney jetzt Angst, noch hölzerner zu wirken? Klar ist: Im Ballsaal herrscht Ungläubigkeit darüber, wie eng das Rennen gegen Santorum ist, den Romney vor wenigen Tagen nicht einmal als ernsthaften Gegner wahrnehmen mochte.

Santorum fehlt es an Geld

Es wird zu diesem Zeitpunkt noch mehr als zwei Stunden dauern, bis das Endergebnis feststeht. Erst um 1.37 Uhr in der Nacht ist klar, dass Romney Santorum geschlagen hat. Aber er liegt gerade mal acht Stimmen vorn. Und da Iowa kein Winner-takes-all-Staat ist, sondern die Delegierten für den Nominierungsparteitag im Sommer proportional bestimmt werden, erhalten Romney und Santorum jeweils sechs Stimmen.

Die lange Nacht von Iowa hat einen Doppelsieg gebracht. Santorum setzt darauf, dass er seine Polit-Welle reiten kann, dass er in einer Woche bei den Vorwahlen in New Hampshire einen Achtungserfolg landen und dann bei den Vorwahlen im konservativeren South Carolina ein weiteres Mal auftrumpfen kann.

Allerdings hat der Mann nicht nur ein Problem: Seiner Kampagne mangelt es an Geld sowie Personal. Und mit seinem Sozialkonservatismus punktete Santorum zwar offensichtlich bei den Evangelikalen und Konservativen des ländlichen Iowa, doch in den meisten anderen Staaten steht bei den Republikanern nicht der Kampf gegen Homosexuelle und Abtreibung ganz oben auf der Agenda, sondern jener gegen die Wirtschaftskrise. Da dürfte der Geschäftsmann Romney bessere Karten haben.

"Das ist der Beginn einer Reise"

Überhaupt: Romney kann sehr zufrieden sein mit dem Verlauf der Iowa-Nacht. Sein Weg zur Präsidentschaftskandidatur scheint geebnet, da diese letztlich weder Santorum noch dem in Iowa drittplatzierten Radikal-Liberalen Ron Paul zufallen dürften. Rick Perry, der Gouverneur aus Texas, der es als Einziger finanziell mit Romney wirklich hätte aufnehmen können, ist nach seinem mageren Zehn-Prozent-Ergebnis in Iowa so gut wie raus aus dem Rennen. Er wolle sich zum Nachdenken nach Texas begeben, teilt er Dienstagnacht mit.

"Das ist der Beginn einer Reise", proklamiert Romneys Frau Ann indes im Hotel-Ballsaal. Ihr Mitt werde der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Der hält sich dann auch gar nicht mit seinen innerparteilichen Konkurrenten auf, sondern arbeitet sich prompt an US-Präsident Barack Obama ab, den er als netten - aber unfähigen - Kerl darstellt.

Die Attacken auf Santorum aber werden noch folgen. Der segelte wegen mauer Umfragewerte bisher unterm Radar seiner Kontrahenten. Romney, dem das Image des prinzipienlosen Wendehalses nachhängt, wird sich gegen den selbsterklärten "wahren Konservativen" Santorum positionieren müssen, um Terrain bei Basis-Republikanern gutzumachen. Dass der Multimillionär in allen landesweiten Umfragen seit Monaten stets an der 20-Prozent-Marke klebt, kann durchaus als Misstrauensbekundung gelesen werden.

Was tun? In Iowa schickt Romney am Dienstag Familienmitglieder in die örtlichen Caucus-Versammlungen, um Überzeugungsarbeit zu leisten. In "Johnston 3", dem mit knapp 2000 Wahlberechtigten größten Bezirk Iowas, tritt Romneys Sohn Josh auf. "Mein Vater ist mein Held", verkündet der 36-Jährige in einer Schulturnhalle: "ein Mann der Prinzipien und des Glaubens". Josh wirkt dabei nicht weniger geschniegelt als sein Vater.

Ein paar Meter weiter steht Rick Santorum. Er ist persönlich gekommen, um für sich zu werben. "Hi, ich bin Rick Santorum", sagt er, "wie geht's?" Es wirkt alles ein bisschen hölzern, manchmal steht der 53-Jährige wie verloren in einer Menschenansammlung, dreht sich um die eigene Achse, sucht neue Gesichter zum Grüßen. Der Santorum-Unterarm klappt hoch, die Hand fährt aus. Versuch eines Lächelns.

All das wirkt seltsam ungelenk. Vielleicht hat der Mann auch deshalb hier im Mittleren Westen diesen Überraschungserfolg einfahren können.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
gg69 04.01.2012
1. Trotz der vielen Millionen.....
...... die Mitt Romney in seinen Wahlkampf pumpte konnte er nicht einmal das Ergebnis von vor vier Jahren erreichen als er 25 Prozent der Stimmen holte. Trotzdem wird Romney von den Meisten weiterhin als großer Favorit gehandelt. Die große Frage ist nur woher sollen die Stimmen dafür herkommen? 75 Prozent der Stimmen gingen an Kandidaten die rechts von Romney stehen. Romney ist damit gezwungen noch konservativer zu werden, wenn er seinen Konkurrenten Stimmen abjagen und seinen minimalen Vorsprung ausbauen will. Aber weil die Positionen der Kandidaten rechts von ihm bis ins Absurde reichen ist jeder Schritt nach rechts ein Schritt weiter weg von der Realität und damit von Millionen Wähler der politischen Mitte die er überzeugen müsste wenn er Präsident werden will. Die Chance das Romney Präsidentschaftskandidat wird ist genauso groß wie die Möglichkeit das einer der anderen Kandidaten das rechte Stimmenlager auf sich vereint. Entscheidend ist das derzeit keiner der Republikaner Obama schlagen könnte.
hallabalooza 04.01.2012
2. Delegierte
Bitte vergessen Sie nicht, dass es sich um eine repräsentative und unverbindliche Wahl handelt. Santorum, Romney und Paul dürfen jeweils 7 Delegierte entsenden. Buddy Roemer wurde von Ihnen (wie dem Rest der Medienlandschaft) übrigens ganz verschwiegen.
tennessean, 04.01.2012
3. Kommt auf den spin an
Zitat von gg69...... die Mitt Romney in seinen Wahlkampf pumpte konnte er nicht einmal das Ergebnis von vor vier Jahren erreichen als er 25 Prozent der Stimmen holte. Trotzdem wird Romney von den Meisten weiterhin als großer Favorit gehandelt. Die große Frage ist nur woher sollen die Stimmen dafür herkommen? 75 Prozent der Stimmen gingen an Kandidaten die rechts von Romney stehen. Romney ist damit gezwungen noch konservativer zu werden, wenn er seinen Konkurrenten Stimmen abjagen und seinen minimalen Vorsprung ausbauen will. Aber weil die Positionen der Kandidaten rechts von ihm bis ins Absurde reichen ist jeder Schritt nach rechts ein Schritt weiter weg von der Realität und damit von Millionen Wähler der politischen Mitte die er überzeugen müsste wenn er Präsident werden will. Die Chance das Romney Präsidentschaftskandidat wird ist genauso groß wie die Möglichkeit das einer der anderen Kandidaten das rechte Stimmenlager auf sich vereint. Entscheidend ist das derzeit keiner der Republikaner Obama schlagen könnte.
den man gerade anbringt. Und ich finde es ziemlich erschreckend, dass man noch nicht einmal in einem deutschen Forum die Souveraenitaet besitzt, die Dinge unbefangen zu sehen. Und selbst dann, wenn man in Deutschland einen bestimmten Praesidenten haben moechte, hat die deutsche Parteinahme noch keinem Kandidaten genuetzt, eher im Gegenteil. Ok, zu den Fakten: Romney hat 24.8% erreicht und mit 8 Stimmen Vorsprung gewonnen. Die Art und Weise, wie man auf Obamas Seite diesen Sieg in eine Niederlage umdeuten will, beweist vor allem eines: dass man unter allen GOP-Kandidaten Romney am meisten fuerchtet. Was die Umfragen angeht, so habe ich im letzten Monat fast alle moeglichen Versionen gesehen, unter anderem die, dass Obama jeden GOP-Kandidaten schlagen wuerde, aber auch das exakte Gegenteil, demgenaess jeder GOP-Kandidat Obama schlagen wuerde. Der Praesident hat de facto das Regieren eingestellt. Er taete besser daran, sich daran zu erinnern, dass er einen Job hat, fuer den er bezahlt wird. Andernfalls koennte es wirklich egal sein, welcher rote Besenstil gegen ihn antritt ...
j.w.pepper 04.01.2012
4.
Zitat von tennesseanden man gerade anbringt. Und ich finde es ziemlich erschreckend, dass man noch nicht einmal in einem deutschen Forum die Souveraenitaet besitzt, die Dinge unbefangen zu sehen. Und selbst dann, wenn man in Deutschland einen bestimmten Praesidenten haben moechte, hat die deutsche Parteinahme noch keinem Kandidaten genuetzt, eher im Gegenteil. Ok, zu den Fakten: Romney hat 24.8% erreicht und mit 8 Stimmen Vorsprung gewonnen. Die Art und Weise, wie man auf Obamas Seite diesen Sieg in eine Niederlage umdeuten will, beweist vor allem eines: dass man unter allen GOP-Kandidaten Romney am meisten fuerchtet. Was die Umfragen angeht, so habe ich im letzten Monat fast alle moeglichen Versionen gesehen, unter anderem die, dass Obama jeden GOP-Kandidaten schlagen wuerde, aber auch das exakte Gegenteil, demgenaess jeder GOP-Kandidat Obama schlagen wuerde. Der Praesident hat de facto das Regieren eingestellt. Er taete besser daran, sich daran zu erinnern, dass er einen Job hat, fuer den er bezahlt wird. Andernfalls koennte es wirklich egal sein, welcher rote Besenstil gegen ihn antritt ...
Das ist doch nicht das Ziel der Übung. Aber bei einer Nation, die sich selbst von jeher als zur Führung der Welt ausersehen betrachtet hat und bei jeder Gelegenheit Polizei spielt, wird die Welt doch wohl noch eine Meinung zu den Kandidaten haben dürfen. Das ist ja das Entsetzliche: Ein Kandidat, der sein Mäntelchen in jeder Hinsicht nach dem Wind gehängt hat, um die Nominierung zu erreichen, der alle möglichen vernünftigen Maßnahmen als Gouverneur von Massachusetts jetzt verleugnet, um den Tea-Party-Spinnern zu gefallen, ist wahrscheinlich das kleinste Übel. Aber nur weil man hoffen kann, dass er sich bezogen auf seine Wahlversprechen erneut als Wendehals erweist und die Rechtsaußen-Bande im Regen stehen lässt. Der einzige GOP-Kandidat, der halbwegs vernünftig und ehrlich erscheint, ist Jon Huntsman. Aber genau deshalb wird der nicht gewählt. Stattdessen steht eine Truppe zur Wahl, gegen die George W. Bush glatt als liberaler Intellektueller durchgeht. Grauslich.
gg69 04.01.2012
5. Wie sollte denn ...
Zitat von tennesseanden man gerade anbringt. Und ich finde es ziemlich erschreckend, dass man noch nicht einmal in einem deutschen Forum die Souveraenitaet besitzt, die Dinge unbefangen zu sehen. Und selbst dann, wenn man in Deutschland einen bestimmten Praesidenten haben moechte, hat die deutsche Parteinahme noch keinem Kandidaten genuetzt, eher im Gegenteil. Ok, zu den Fakten: Romney hat 24.8% erreicht und mit 8 Stimmen Vorsprung gewonnen. Die Art und Weise, wie man auf Obamas Seite diesen Sieg in eine Niederlage umdeuten will, beweist vor allem eines: dass man unter allen GOP-Kandidaten Romney am meisten fuerchtet. Was die Umfragen angeht, so habe ich im letzten Monat fast alle moeglichen Versionen gesehen, unter anderem die, dass Obama jeden GOP-Kandidaten schlagen wuerde, aber auch das exakte Gegenteil, demgenaess jeder GOP-Kandidat Obama schlagen wuerde. Der Praesident hat de facto das Regieren eingestellt. Er taete besser daran, sich daran zu erinnern, dass er einen Job hat, fuer den er bezahlt wird. Andernfalls koennte es wirklich egal sein, welcher rote Besenstil gegen ihn antritt ...
.....die Obama Seite mit dem Sieg von Romney umgehen? Die Obama Seite möchte doch vor allem eines, die Wiederwahl Obamas erreichen. Die Republikaner können da ja wohl kaum erwarten das Obama ihnen mit unterstützenden Worten beim Wahlkampf hilft.
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