Zivile Opfer Gaza-Veteranen werfen Israel brutale Kriegsführung vor

Ein gerechter Krieg - so stellt Israel seine Militäroperation Anfang des Jahres im Gaza-Streifen dar. Es sei alles getan worden, um Unschuldige zu schonen. Aussagen von Soldaten widerlegen das: Demnach gab es mutwillige Zerstörungen und gezielte Tötungen von Zivilisten.

Von , Jerusalem


Es ist ein Protokoll der Brutalität. Über Monate interviewte die israelische Menschenrechtsorganisation "Breaking the Silence" Veteranen des Gaza-Kriegs vom Januar dieses Jahres. Die 54 Zeugenaussagen ergeben ein völlig anderes Bild, als die israelische Armeeführung von dem Feldzug gegen die islamistische Hamas bisher gezeichnet hat. Demnach bleuten die Kommandeure ihren Soldaten ein, keine Rücksicht auf die palästinensische Zivilbevölkerung zu nehmen, um das Leben der eigenen Soldaten nicht zu riskieren.

Palästinenser bei Aufräumarbeiten in Gaza: "900 Häuser zerstört"
AP

Palästinenser bei Aufräumarbeiten in Gaza: "900 Häuser zerstört"

Durch die übereinstimmenden Aussagen von Reservisten und Wehrpflichtigen, Soldaten und Offizieren, erhärtet sich damit zum ersten Mal der Verdacht, dass die israelische Armee vielfach eine der Grundregeln des Kriegsvölkerrechts missachtete: die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Unbeteiligten. Rund 1400 Palästinenser kamen in dem dreiwöchigen Krieg ums Leben, davon ein Großteil Zivilisten.

Die hohe Zahl ist nach der Lektüre des Berichts von "Breaking the Silence" nicht mehr nur durch die zynische Kriegsführung der Hamas zu erklären. Die Islamisten hatten sich dichtbesiedelte Gebiete als Aufmarschgebiet ausgesucht und damit die Unterscheidung zwischen ihren Kämpfern und der Zivilbevölkerung erschwert. Viele Verwundete und Tote sind offenbar eine Folge jener Lehre, die Israel aus dem zweiten Libanon-Krieg im Sommer 2006 zog: kein Zögern, keine Skrupel.

"Bist du dir nicht sicher, schießt du"

Charakteristisch ist, wie ähnlich die Soldaten die Briefings ihrer Vorgesetzten am Vorabend des Krieges beschreiben. "Bevor wir zum ersten Mal reingingen", erzählt ein Veteran, "ließ uns der Bataillonskommandeur am Freitagabend in Formation stehen und sagte: 'Wir können sie nicht mit unserem Timing überraschen. Sie wissen, wann. Wir können sie nicht mit unserer Position überraschen, sie wissen genau, wo wir reinkommen. Was wir haben, ist Feuerkraft.'"

"Und tatsächlich", erzählt der Soldat weiter, "mit dieser Feuerkraft, mit der Luftwaffe, Artillerie, Panzern und der Vielzahl von Infanterie, die dort reinging, war das Bewusstsein jedes Soldaten simpel: einen lockeren Finger am Abzug. Siehst du etwas und bist dir nicht sicher, schießt du."

Die israelische Armee warnte die Zivilbevölkerung des Zielgebiets über Flugblätter und Telefonanrufe. Wer die Flucht nicht rechtzeitig schaffte, weil er zu krank oder zu alt war, musste um sein Leben fürchten: "Wenn jenseits dieser Linie Menschen entdeckt wurden, gehörten sie nicht dorthin. Wenn wir irgendetwas entdeckten, das nicht da hingehörte, haben wir geschossen. Von Unschuldigen war nicht speziell die Rede."

"Es gibt keine Unschuldigen"

"Die Feuerkraft war irrsinnig", erinnert sich ein anderer Gaza-Veteran. "Wir gingen rein, und die Explosionen waren einfach verrückt. Du siehst ein Haus, ein Fenster: Schieß auf das Fenster. Du siehst keinen Terroristen dort? Feuer auf das Fenster. Es war ein richtiger Häuserkampf. Beim Häuserkampf ist jeder dein Feind. Es gibt keine Unschuldigen."

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
Beim Betreten von Wohnhäusern hätten sie grundsätzlich geschossen, berichten mehrere Soldaten, "nasser Zugang" heißt das im Armeejargon (im Gegensatz zum "trockenen Zugang" ohne Feuerkraft). "Alle Zugänge waren 'nass'", sagt ein Soldat. "Es gab keine 'trockenen' Zugänge mehr. Raketen, Panzerfeuer, Maschinengewehrfeuer in das Haus hinein, Granaten. Schießen, wenn wir einen Raum betreten. Die Idee war, dass keiner auf uns schießen konnte, wenn wir ein Haus betreten." Ein anderer Soldat berichtet, wie sie auf diese Art einen älteren Mann erschossen, der zusammen mit seiner Familie unter einer Treppe Schutz gesucht hatte.

Manchmal wurden, wenn man den Berichten glaubt, Grundregeln zum Schutz von Zivilisten sogar vorsätzlich missachtet. Eines Nachts, berichtet ein Soldat, der mit seiner Kompanie von einem Haus aus eine Straße überwachte, sei eine Person mit einer Taschenlampe auf sie zugekommen. Die Soldaten erbaten vom Kompanieführer die Erlaubnis, einen Warnschuss abzugeben. Stattdessen schickte der Kommandeur Scharfschützen auf das Dach. Als der Mann rund 80 Meter entfernt war, erbaten die Soldaten erneut grünes Licht für einen Warnschuss, doch der befehlshabende Offizier verweigerte das. Als der Mann 25 Meter entfernt war, eröffneten die Scharfschützen das Feuer. Gefragt, warum er Warnschüsse verweigert habe, antwortet der Kommandeur: "Es ist Nacht, und das ist ein Terrorist." Am nächsten Tag untersuchten Hunde den Toten auf Sprengstoff - Fehlanzeige. Es war nur ein alter Mann mit Bart und Taschenlampe.

Hat Israel "menschliche Schutzschilde" benutzt?

Einige Veteranen bestätigen ferner, dass die Armee Anwohner als Vorhut in Häuser schickte, in denen sich Hamas-Kämpfer verschanzt hatten. Diese als "Nachbar-Prozedere" bekanntgewordene Methode ist in Israel ausdrücklich verboten. Ein Soldat erzählt, dass seine Einheit einem Palästinenser den Gewehrlauf auf die Schulter gelegt und ihn dann vor sich her in ein verdächtiges Haus geschoben habe. Sollte das stimmen, hätte nicht nur die Hamas Zivilisten als "menschliche Schutzschilde" missbraucht.

Wer die Berichte liest, kann sich auch die Bilder der Zerstörung erklären. Nicht nur Häuser, aus denen die Hamas schoss, wurden dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch solche, die allgemein verdächtig erschienen. Entweder bombardierte sie die Luftwaffe, oder die Panzertruppe ging mit schwerem Gerät gegen sie vor. "Normalerweise machst du Hauszerstörungen nicht so häufig", erzählt der Fahrer eines D-9, eines mächtigen gepanzerten Bulldozers von der Höhe eines zweistöckigen Hauses. "Wir haben viele zerstört. Wenn ich mich an die Rede des Bataillonskommandeurs am Ende richtig erinnere, sagte er: 'Wir haben 900 Häuser zerstört'."

"Dir wird beigebracht, dass es unmenschlich ist"

Auch vom Einsatz international umstrittener Waffen berichten die Zeugen. Mehrere Veteranen bestätigen den Einsatz weißen Phosphors, der wie ein Regen auf die Erde fällt und bei Menschen schwerste Verbrennungen verursacht. Ein Soldat beschreibt, wie ein Gebiet von 200 bis 300 Quadratmetern übersät war mit den scherbenähnlichen, schmutzig-braunen Überresten des weißen Phosphors. "Bis zu diesem Moment dachte ich, der humansten Armee dieser Welt anzugehören. Im Training lernst du, dass weißer Phosphor nicht gebraucht wird. Dir wird beigebracht, dass es unmenschlich ist."

Bereits im Februar waren ähnliche Berichte von Gaza-Veteranen durch den Militärexperten der Tageszeitung "Haaretz", Amos Harel, an die Öffentlichkeit gelangt. Der Militärstaatsanwalt nahm daraufhin strafrechtliche Ermittlungen auf, stellte sie jedoch nach wenigen Tagen wieder ein. Es sieht so aus, als bekomme der oberste Strafverfolger der Armee jetzt neue Arbeit. Der Tel Aviver Menschenrechtsanwalt Michael Sfard spricht von Kriegsverbrechen.

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