Von Johannes Korge
Hamburg - Es war ein tragischer Fehlschlag. Am Wochenende nahmen Kampfjets der Nato eine Raketenstellung der libyschen Armee unter Feuer. Ein Routineeinsatz eigentlich, doch dieses Mal ging irgendetwas gründlich schief. Statt in feindliche Luftabwehrstellungen schlugen die Geschosse in ein Wohnhaus ein. Am Sonntag musste die Nato die missglückte Aktion einräumen. Es habe zivile Opfer gegeben. Wie viele, sei noch unklar. Das Gaddafi-Regime sprach von neun Toten, darunter zwei Kinder.
Für die Nato kommt der verpatzte Einsatz zur Unzeit. Gerade hat das Militärbündnis den Druck auf die Regierungstruppen erhöht. Seit einigen Wochen starten die alliierten Flugzeuge auch bei Tageslicht und attackieren Stellungen der Gaddafi-Armee. Dazu greifen immer öfter Kampfhubschrauber in die Gefechte ein. Die Nato setzt auf eine Taktik der Eskalation - und leistet sich ausgerechnet jetzt den bisher schwersten Fehler der gesamten Militäraktion.
Eine Fehlfunktion in einem Waffensystem habe den Zwischenfall verursacht, heißt es in der Erklärung des Oberbefehlshabers des Libyen-Einsatzes, General Charles Bouchard. Laut dem britischen "Guardian" richtet sich die Untersuchung gegen mehrere Maschinen der französischen Luftwaffe, die an dem Wochenendeinsatz beteiligt waren.
"Fehler können nie ausgeschlossen werden"
Unabhängig von der Ursache belegt die missglückte Attacke ein zentrales Problem der Nato-Mission: Ziele in und um Tripolis sind immer schwerer auszumachen - und noch schwerer zu treffen. Seit das Bündnis Ende März die Leitung der Mission übernommen hat, gab es laut Nato-Website mehr als 4400 Luftangriffe auf Einheiten der libyschen Armee. Dabei wurden zunächst die offensichtlichen Ziele, allen voran Luftabwehrstellungen, beschossen und massenhaft zerstört. Zivile Opfer blieben dabei laut Nato die Ausnahme, auch wenn das libysche Staatsfernsehen regelmäßig hohe Totenzahlen verbreitet.
Mit fortschreitender Dauer des Einsatzes jedoch verschiebt sich der Fokus der Luftschläge immer mehr auf mobile Einheiten des Regimes und solche, die die Gaddafi-Truppen in dicht bebauten Teilen von Tripolis untergebracht haben. Damit steigt das Risiko für Fehlschläge wie am Wochenende immens. "Bei aller Präzision der modernen Waffensysteme können Fehler nie ausgeschlossen werden. Daher bieten Militärstellungen in bewohnten Gebieten einen gewissen strategischen Vorteil gegen eine überlegene Luftstreitmacht", sagt Douglas Barrie, Luftwaffen-Experte beim Internationalen Institut für strategische Studien (IISS) in London.
Schon am Montag beklagte ein libyscher Regierungsvertreter den vermeintlich nächsten Nato-Schlag gegen Zivilisten. Dieses Mal sollen bei einem Angriff auf ein Wohnhaus westlich von Tripolis 15 Menschen getötet worden sein, darunter drei Kinder. Ein Nato-Vertreter bestritt zunächst, dass es überhaupt einen Angriff in Sorman gegeben habe. Später erklärte die Allianz, sie habe einen Präzisionsangriff auf ein "ranghohes" Kommando- und Kontrollzentrum vorgenommen. Dieser Angriff werde die kämpferischen Fähigkeiten der libyschen Regierungstruppen deutlich einschränken, sagte der Kommandeur des Nato-Einsatzes in Libyen, General Charles Bouchard, der Mitteilung zufolge.
Verfahrene Situation in Libyen
Trotzdem bringen Meldungen dieser Art die Nato in eine Zwickmühle: Gerade bei einer Mission, die laut Uno-Mandat zuerst dem Schutz der libyschen Zivilbevölkerung gilt, kann sich das Bündnis solch fatale Vorfälle kaum leisten. Zumal jeder Treffer die Propaganda-Maschinerie des Regimes in Tripolis befeuert.
Die britischen und französischen Kampfhubschrauber greifen bislang bestenfalls unterstützend ein. Zwar können diese deutlich präziser gegen Ziele auch in städtischen Gebieten vorgehen. Die Maschinen fliegen jedoch so niedrig und langsam, dass sie selbst nur allzu rasch unter Feuer geraten können.
In Libyen droht also ein Dreiwege-Patt:
Militärisch steht die Mission vor dem Stillstand - und auch politisch schwindet die Unterstützung für die westliche Intervention. Zu gering sind die militärischen Fortschritte, zu teuer die ständigen Kampfjeteinsätze. Schon lange klagen Großbritannien und Frankreich, weil sie die Hauptlast tragen müssen. Doch die meisten Partner halten sich vornehm zurück.
Rebellen bitten den Westen um Bodentruppen
Auch in den USA regt sich massiver Widerstand. Der Kongress hat die Rechtmäßigkeit der US-Militäraktion angezweifelt, mehrere Abgeordnete streben gar eine Klage gegen Präsident Barack Obama an. Dieser hätte die kriegerischen Aktionen vom Kongress absegnen lassen müssen, so der Vorwurf. Zudem war bekannt geworden, dass die Kosten für den Einsatz in Nordafrika das Budget der amerikanischen Streitkräfte mit bis zu einer Milliarde Dollar belasten könnten - rund 270 Millionen Dollar mehr als veranschlagt.
Wie lässt sich die verfahrene Situation lösen? Seit Monaten drängen die Rebellen, westliche Bodentruppen nach Libyen zu entsenden. Bei einem konzentrierten Angriff des Westens hätte ein Einsatz, der einen Regimewechsel zum Ziel hätte, große Erfolgschancen. Schon im Mai hatte Nato-Sprecher James Appathurai vor Studenten ein neues Uno-Mandat gefordert.
Denn die aktuelle Resolution 1973 vom März schließt einen derartigen Schritt kategorisch aus. Eine Änderung steht nicht auf der Tagesordnung - zumindest bisher. Vor allem die USA, Großbritannien und Frankreich - also die wichtigsten Mächte in diesem Konflikt - sind nicht an einem zweiten Einsatz nach dem Beispiel von Afghanistan interessiert.
Auch wenn ein großer Teil der libyschen Armee desertiert und die Kriegsmaschinerie dezimiert ist, wird zumindest in Tripolis noch immer eine schlagkräftige Truppe vermutet. Den alliierten Streitkräften könnte ein zermürbender Kampf gegen Gaddafi-treue Anhänger drohen - mit kaum kalkulierbaren Risiken für die westlichen Soldaten.
mit Material von AFP
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