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Zivile Opfer: Nato will kleinere Bomben in Afghanistan werfen

Die Nato ändert ihre Taktik: Angesichts der steigenden Zahl ziviler Opfer in Afghanistan wird die Allianz künftig kleinere Bomben einsetzen. Und: Angriffe auf Taliban-Stellungen werden verschoben, wenn Zivilisten gefährdet sind.

Berlin/Brüssel - Die Nato wolle bei bestimmten Einsätzen kleinere Bomben verwenden, sagte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer der in London erscheinenden Zeitung "Financial Times". Es sei jedoch "unmöglich", zivile Opfer ganz zu vermeiden. Die wachsende Zahl ziviler Opfer habe der Nato geschadet, bekannte de Hoop Scheffer.

Kanadischer Nato-Soldat in Afghanistan: Zu viele zivile Opfer
AP

Kanadischer Nato-Soldat in Afghanistan: Zu viele zivile Opfer

Im Rahmen einer neuen Taktik seien die Soldaten angewiesen worden, in bestimmten Situationen Angriffe gegen Taliban-Kämpfer zu verschieben. Dies solle getan werden, wenn dadurch das Leben von Zivilisten geschont werde könne, sagte de Hoop Scheffer.

Die Nato kündigte eine weitere Neuerung an: Laut "Financial Times" sollten Hausdurchsuchungen mehr und mehr den afghanischen Streitkräften überlassen werden. Dadurch könne das Risiko einer Konfrontation mit der Zivilbevölkerung gesenkt werden. Zuletzt hatte der afghanische Präsident Hamid Karsai das Vorgehen der westlichen Truppen im Land scharf kritisiert.

Verteidigungsministerium bremst bei Bundeswehreinsatz

In der Bundesregierung zeichnet sich unterdessen Streit um die Zukunft der Bundeswehr in Afghanistan ab. Wegen der Entführung mehrerer Deutscher am Hindukusch hatte es jüngst viele kritische Stimme gegeben: Während sich der Bundestagsfraktionschef der Union, Volker Kauder (CDU), und der SPD-Verteidigungsexperte Jörn Thießen bereit für die Entsendung zusätzlicher Soldaten zeigten, lehnte das Verteidigungsministerium nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" einen solchen Schritt ab.

In Afghanistan sind derzeit rund 3000 Bundeswehrsoldaten stationiert - der größte Teil im Rahmen der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf. Unter dem Dach des Mandats für den Antiterroreinsatz "Operation Enduring Freedom", das auch Marineeinheiten am Horn von Afrika umfasst, können bis zu 100 Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan eingesetzt werden. Außerdem setzt die Bundeswehr "Tornado"-Aufklärungsflugzeuge in dem Land ein. Über alle drei Mandate soll der Bundestag im September entscheiden.

Kauder sagte: "Wenn die Bundesregierung es für notwendig hält, das deutsche Kontingent aufzustocken, dann ist dies aus meiner Sicht auch richtig." Er glaube auch, dass die Bundeswehr dazu in der Lage sei. Kauder regte an, die im September anstehenden Verlängerung der Bundeswehrmandate für Afghanistan im Bundestag zusammenzulegen, um die Diskussion nicht immer von neuem aufzurollen.

"Für unsere Sicherheit in Deutschland ist der Einsatz der Bundeswehr sehr wichtig. Die Mehrheit im deutschen Bundestag ist deshalb gesichert", sagte er. Die SPD werde sicher noch intensive Diskussionen führen. Aber er rechne nur mit wenigen Gegenstimmen. "Solange wir die Taliban nicht besiegt haben, kommt ein Rückzug nicht in Frage. Denn die Folge wäre, dass die Terrorgefahr in Europa dramatisch steigt", sagte Kauder.

SPD-Mann Thießen sagte, er sehe im Bundestag eine stabile Mehrheit für eine Verlängerung des Isaf-Mandats, nicht jedoch für die "Operation Enduring Freedom". "Wir wissen so gut wie nicht, was die USA da tun", kritisierte er. Thießen sagte, er unterstütze die jüngste Erklärung von SPD-Chef Kurt Beck, wonach es nötig sein könne, mehr Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan zu schicken. "Zivile Projekte können nur unter militärischem Schutz durchgeführt werden. Sonst gehen die Leute da nicht hin. Zivile und militärische Kräfte gehören in ihrer Verstärkung zusammen", sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete.

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete unter Berufung auf einen Vertreter des Verteidigungsressorts, das Ministerium wolle die Zahl der Soldaten in Afghanistan nicht erhöhen, sondern erst einmal eine "innere Optimierung". Das Abrücken von Teilen der SPD von der "Operation Enduring Freedom" werde zu Forderungen führen, die Isaf-Truppen massiv zu verstärken. Doch auch bei der Isaf gebe es Kampfeinsätze.

Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer sprach sich für eine Ausweitung des zivilen Engagements in Afghanistan aus. "Am zivilen Aufbau hängt alles", sagte er. "Zu den wichtigsten Herausforderungen gehören der Aufbau einer funktionstüchtigen afghanischen Polizei und einer verlässlichen Armee", erklärte Bütikofer gegenüber der "Rheinischen Post". Ursprüngliche Agenturmeldungen, wonach er eine Ausweitung des Isaf-Einsatzes fordert, wies der Grünen-Politiker als falsch zurück.

Koenigs: Nicht vor Taliban einknicken

Der Afghanistan-Beauftragte der Uno, Tom Koenigs, warnte im Interview mit SPIEGEL ONLINE Deutschland davor, vor den Taliban einzuknicken. Vor allem zusätzliche Ausbilder für die afghanische Armee und Polizei seien nötig, sagte er. "Ein reduziertes Engagement würde von den Taliban sofort als Schwächeln wahrgenommen und propagandistisch entsprechend ausgebeutet." Nachdem Amerikaner und Briten ihre Kontingente bereits aufgestockt hätten, wachse nun der Druck auf Deutschland, nachzuziehen.

Unterdessen lief am Morgen (09.30 Uhr MESZ) ein weiteres Ultimatum der Taliban für die entführten Südkoreaner ab - ihr Schicksal blieb zunächst ungewiss. Weder die radikalen Islamisten noch die afghanische Regierung machten neue Angaben zu den 22 christlichen Aufbauhelfern. Die Entführer fordern die Freilassung von Gesinnungsgenossen aus afghanischen Gefängnissen - andernfalls wollten sie mit der Hinrichtung ihrer überwiegend weiblichen Geiseln beginnen. Die afghanische Regierung lehnt die Freilassung von Taliban-Rebellen ab. Die Südkoreaner, die sich zu einem Hilfseinsatz in Afghanistan aufhielten, waren am 19. Juli verschleppt worden. Ein Geistlicher, der zu der Gruppe gehörte, wurde am Mittwoch erschossen aufgefunden.

Eine der von der Hinrichtung bedrohten Südkoreanerinnen hat in einem Zeitungsinterview von den Umständen ihrer Geiselhaft berichtet. Die Gruppe aus 22 Südkoreanern sei in mehrere Kleingruppen aufgeteilt worden, die häufig den Aufenthaltsort wechselten, wird die 34-jährige Lee Ji Young in einem Interview der südkoreanischen Zeitung "Joong Ang Ilbo" zitiert. Sie selbst werde mit drei weiteren Landsleuten gefangen gehalten; sie alle seien "im Moment okay", wüssten aber nicht, wie es den übrigen Verschleppten gehe.

Neues Ultimatum für entführte Südkoreaner

Die Geiselnehmer hätten keine besonderen Drohungen ausgesprochen, berichtete Lee. An ihre Eltern gewandt, sagte sie: "Macht euch nicht zu viele Sorgen um mich." Lee entschuldigte sich in dem Interview: "Es tut uns leid, dass wir Durcheinander verursacht haben." Auf die Frage nach besonderen Härten der Geiselhaft antwortete die Südkoreanerin: "Es ist ein bisschen unangenehm, dass wir uns nicht gründlich waschen können."

Die Leiche der von den Taliban erschossenen südkoreanischen Geisel Bae Hyung Kyu soll heute in die Heimat überführt werden. Sein Bruder Bae Shin Kyu sagte, die Beisetzung werde erst erfolgen, wenn alle anderen 22 Geiseln auch wieder zu Hause seien. Baes Hyung Kyus Leiche wurde am Mittwoch gefunden, seinem 42. Geburtstag. Er hinterlässt eine neunjährige Tochter und seine Frau.

flo/Reuters/ddp/dpa

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