Von der Grenze zum Gaza-Streifen berichtet Raniah Salloum
Kaum jemand traut sich im Gaza-Streifen noch auf die Straße. Immer wieder erschüttern Explosionen das dicht besiedelte Gebiet. Bedrohlich fliegen die Kampfjets am Himmel. Den fünften Tag in Folge bombardiert die israelische Armee Hamas-Ziele aus der Luft und mittlerweile auch vom Meer aus mit Kriegsschiffen.
Viele Menschen in Gaza fürchten eine Ausweitung der Offensive. Die israelische Armee warnte am Sonntag im Radio auf den Frequenzen der im Gaza-Streifen herrschenden Hamas und der militanten Gruppe Islamischer Dschihad, die es offenbar gekapert hat. "An die Menschen in Gaza, Hamas spielt mit dem Feuer und mit eurem Schicksal. Die israelische Armee wird bald die zweite Phase ihrer Operation beginnen. Halten Sie sich zu Ihrer eigenen Sicherheit fern von Hamas-Infrastruktur und -Personal", hieß es in der arabischsprachigen Erklärung.
Das ist leichter gesagt als getan in einem Gebiet, das kleiner ist als das Bundesland Bremen, aber auf dem sich 1,6 Millionen Menschen drängen. Und aus dem es keinen Ausweg gibt, bis auf einen einzigen Grenzübergang, den Ägypten nun frisch geöffnet haben will. Auf palästinensischer Seite gab es bislang 72 Tote, etwa die Hälfte davon seien Zivilisten, teilte das Gesundheitsministerium der Hamas am Sonntag mit.
Bei einem Luftangriff am Sonntagnachmittag auf ein Haus in Gaza etwa starben elf Menschen. Das Hamas-Gesundheitsministerium teilte mit, unter den Toten seien auch fünf Kinder und zwei Frauen. Etwa 30 weitere Menschen seien bei dem Angriff auf das von einer Familie bewohnte Haus verletzt worden. Das mehrstöckige Gebäude stürzte nach Augenzeugenberichten nach dem Angriff ein. Am Sonntagabend kamen drei weitere Menschen ums Leben. Nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums handelte es sich um zwei militante Palästinenser und einen achtjährigen Jungen. Der Junge sei bei der Bombardierung eines Gebäudes der Hamas-Miliz im Norden des Gazastreifens getötet worden. Die Männer seien in Gaza auf einem Motorrad unterwegs gewesen, als sie von einer Rakete getroffen wurden.
Israelische Medien berichteten, der Angriff auf das Wohnhaus habe einem wichtigen Raketen-Kommandeur der Hamas gegolten. Der Mann, der ebenfalls bei dem Angriff ums Leben gekommen sei, trage die Verantwortung für viele Raketenangriffe der vergangenen Tage. Zunächst bestätigten weder die Hamas noch die israelische Armee den Tod des Mannes.
400 Verletzte, fast alle Zivilisten
In den Krankenhäusern von Gaza werden immer wieder blutüberströmte Menschen eingeliefert. Die Männer, Frauen und Kinder stauen sich auf den Gängen. Seit Mittwoch hat es über 400 Verletzte gegeben, fast alle Zivilisten. Es fehlt an allem - Krankenbetten, Strom, Verbandmaterial, Medikamenten, ja sogar Kochsalzlösung. "Vor Beginn des Konflikts waren die Gesundheitseinrichtungen schon stark überlastet aufgrund der Blockade von Gaza", warnt die Weltgesundheitsorganisation. Aber nun seien die Vorräte auf "Null", so das Gesundheitsministerium von Gaza.
Doch auch wenn die medizinische Versorgung zusammenzubrechen droht, macht die Hamas weiter. Immer wieder steigen die Kondensstreifen der Raketen in den Himmel, die sie auf Israel feuert. Im nur zehn Kilometer vom Gaza-Streifen entfernten israelischen Aschkelon flüchten die Menschen am Sonntag ein dutzendmal in den nächstgelegenen Schutzraum. Am Sonntag wurden fünf israelische Zivilisten verwundet.
Die Bewohner von Gaza leiden seit sechs Jahrzehnten unter einer Besatzung. Erst war die ägyptische Armee im Gaza-Streifen stationiert, dann die israelische. Die zog zwar 2005 ihre Soldaten ab, doch nach wie vor kontrolliert Israel einen Großteil der Landesgrenzen, die Seegrenze sowie den Luftraum.
Wer und was offiziell ein- oder ausreist, bestimmen noch immer Israel und Ägypten. Der Gaza-Streifen ist ein städtisches Gebiet, dass sich ohne Austausch mit dem Umland nicht halten kann - Wasser, Nahrung, Strom, ein Sanitätssystem, es mangelt an allem. Auf 225.000 Schüler kommen 245 Schulen. Bis 2020 könne man im Gaza-Streifen nicht mehr leben angesichts des Bevölkerungswachstums und der Blockade, warnte die Uno erst vor zwei Monaten.
"Auf der Schwelle zum Kollaps"
Mit Hilfe von Ägypten hält Israel eine Blockade aufrecht, die in den letzten Jahren zwar ein wenig gelockert wurde, aber noch immer den Alltag diktiert und jegliches Wirtschaftswachstum erstickt. Absichtlich. In einer US-Diplomatendepesche aus Tel Aviv 2008 zitierten amerikanische Diplomaten ihre israelischen Kollegen: "Wir halten die Wirtschaft von Gaza auf der Schwelle zum Kollaps", und "es gibt keinerlei Rechtfertigung für Forderungen, dass wir den Bewohnern von Gaza erlauben, normale Leben zu führen, wenn Raketen und Artillerie von ihren Straßen und Höfen aus abgefeuert werden."
Die kollektive Bestrafung der Menschen in Gaza hat die Hamas nicht geschwächt, im Gegenteil. Gaza hängt nun von einer Schattenwirtschaft durch Schmuggeltunnel ab, von der vor allem Hamas profitiert, so die Internationale Arbeitsorganisation.
Die Hamas hatte die Wahlen 2006 unter anderem deshalb gewonnen, weil ihre Konkurrenz zersplittert war und als korrupt galt. Der Sieg der Hamas hatte damals zu einer Spaltung des Gaza-Streifens und des Westjordanlands geführt, nachdem Europa und die USA sich weigerten, den Hamas-Wahlsieg anzuerkennen, weil die Partei und Miliz nicht bereit ist, mit Israel zu verhandeln.
Sicherheitsapparat der Hamas schüchtert Kritiker ein
Seitdem gab es keine Wahlen mehr im Gaza-Streifen. Die Hamas kontrolliert einen Großteil der Waffen und hat einen Sicherheitsapparat aufgebaut, der ihre Kritiker einschüchtern soll. Es werde systematisch gefoltert, so die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Angesichts der Not durch die israelische Blockade wäre es wohl nicht überraschend, wenn ein Großteil der Bevölkerung hinter der Hamas steht, die Israel kein Existenzrecht zugesteht.
Die israelische Armee scheint im vergleich zum Gaza-Krieg 2008 deutlich vorsichtiger vorzugehen. Damals starben während der dreiwöchigen Offensive inklusive Bodeninvasion rund 1000 Zivilisten. Rund 5000 wurden verletzt. International war Israel damals ein unverhältnismäßiger Einsatz von Gewalt vorgeworfen worden. Militärisch hatte Jerusalem zwar die Kampagne gewonnen. Doch politisch gesehen war sie ein Desaster.
Die Angst der Menschen in Gaza ist groß, dass es auch dieses Mal doch noch zu einer Bodeninvasion kommt. An den Grenzen zum Gaza-Streifen stehen Tausende israelische Soldaten bereit. Mit einem Einmarsch würde die Zahl der getöteten und verletzten palästinensischen Zivilisten noch einmal deutlich steigen.
mit Material von dpa und Reuters
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