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07. April 2003, 08:18 Uhr

Zoff vor neuem Kriegsgipfel

"Mit Freunden wie Rumsfeld, wer braucht da noch Feinde?"

Von , London

Die Differenzen zwischen George W. Bush und Tony Blair spitzen sich zu. Bei ihrem heutigen Treffen wollen sie die Nachkriegsherrschaft ordnen, doch die Vorstellungen liegen meilenweit auseinander: Während Blair von der Uno redet, will die US-Regierung davon nichts wissen. Immer mehr Briten empören sich über die Arroganz der Supermacht.

George W. Bush und Tony Blair: Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund
REUTERS

George W. Bush und Tony Blair: Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund

London - Wenn Tony Blair heute Nachmittag im Schloss Hillsborough bei Belfast George W. Bush empfängt, könnte der britische Premier dem Führer der Koalition der Willigen praktischen Anschauungsunterricht darin erteilen, dass es wesentlich einfacher ist, Soldaten loszuschicken, als sie wieder nach Hause zu holen. Die Briten entsandten vor über 30 Jahren Truppen in die Unruheprovinz - heute sind immer noch 14.500 Mann in Nordirland stationiert.

Bestes Einvernehmen herrscht nicht vor dem zweiten Kriegsgipfel von Blair und Bush. Von "Differenzen" mit der US-Regierung sprach Blair im Unterhaus, zu den Nachkriegsplänen für den Irak befragt. Das hört sich harmlos an, kommt aber für den Premier einem bahnbrechenden Eingeständnis gleich. Schließlich hatte Blair bislang stets stolz proklamiert, Schulter an Schulter mit Bush zu stehen.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und London sind bereits so groß und offensichtlich, dass auch die kriegsbegeisterte Londoner "Times" besorgt feststellt: "Die Reibungspunkte mit den USA vervielfachen sich." Etliche Briten haben bereits jegliche englische Höflichkeit fahren lassen, wenn es um den übermächtigen, ungeliebten Verbündeten geht. Gegen "Washingtons desaströse Intellektuelle und moralische Arroganz", giftet etwa der konservative Historiker Corelli Barnett.

Das Vorgehen der US-Truppen im Irak stößt in Großbritannien auf immer schärfere Kritik. Als am Sonntag ein amerikanischer Pilot einen Konvoi von kurdischen Kämpfern, US-Special-Forces und Journalisten bombardierte und mindestens 18 Menschen im "friendly fire" umkamen, wurde der prominenteste BBC-Kriegsreporter John Simpson verletzt, sein Dolmetscher starb. Simpsons TV-Berichte vom Ort des grausamen Geschehens bestätigten alle nur denkbaren Ressentiments der Briten gegen ihre Verbündeten.

Während die britischen Soldaten - aus Nordirland im Umgang mit misstrauischer oder feindlicher Zivilbevölkerung geübt - in etlichen irakischen Städten mit Baretten patrouillieren, tun die US-Soldaten - behelmt und hinter Sonnenbrillen und Tüchern versteckt - alles, um ihr Rambo-Image zu rechtfertigen. "Die amerikanische Kriegsführung ist überwältigend arrogant", konstatierte der britische Ex-Oberstleutnant und Golfkriefsveteran Stuart Crawford, "militärisch und kulturell".

Wie die Cowboys

"Keinerlei Respekt für menschliches Leben" attestierte ein britischer Soldat in kalter Wut einem US-Airforce-Piloten, der seinen Panzer unter freundliches Feuer genommen und einen seiner Kameraden getötet hatte. Wie ein Cowboy habe der Ami sich aufgeführt.

Zwischen britischen und amerikanischen Offizieren schwelt auch ein Konflikt darüber, was mit gefangenen Irakern geschehen soll. Die Briten bestehen darauf, dass auch Fedayin den in der Genfer Konvention vorgesehenen Schutz für Kriegsgefangene genießen. Die US-Kommandeure dagegen titulieren sie als Terroristen, isolieren sie von uniformierten Gefangenen und wollen sie in Guantanamo Bay internieren.

Der entscheidende Konflikt innerhalb der "Koalition der Willigen" dreht sich freilich um die Frage, was nach dem Sieg mit dem Irak geschehen soll. So wollten etwa britische Offiziere den für Lieferung von Hilfsgütern entscheidenden Hafen von Umm Kasr schnell wieder von Irakern betrieben sehen - um schließlich festzustellen daß die amerikanische Entwicklungshilfe-Agentur USAID damit bereits eine Firma aus Seattle beauftragt hat.

Tony Blair sitzt - auf ein Neues - in der alten Zwickmühle. Einerseits will er in Europa mitspielen, andererseits seinen engsten Verbündeten in Washington zu Diensten sein. Kaum waren die Truppen im Irak eingefallen, hatte er - nicht zuletzt um seine Partei bei der Stange zu halten und in Brüssel wieder einen Fuß auf den Boden zu bekommen - vehement für eine Uno-Resolution für den Wiederaufbau des Irak und eine wichtige Rolle der Uno plädiert. Doch schon bei seinem Treffen mit Bush nach der ersten Kriegswoche in Camp David musste er sich von der Idee einer Uno-Verwaltung in Bagdad verabschieden.

Die US-Regierung hat weder Lust, sich erneut zähen Diskussionen im New Yorker Sicherheitsrat auszusetzen, noch den Irak einer Uno-Verwaltung zu überlassen, auf die sie nur begrenzten Einfluss haben. In jedem Fall wird deshalb bis auf weiteres General Tommy Franks und der Ex-Generalleutnant Jay Garner als Chef einer US-Zivilverwaltung über den Irak herrschen.

"Wer braucht da noch Feinde?"

Und Tony Blair? Er will unter keinen Umständen von der Seite Amerikas weichen. Die Neokonservativen in Washington aber, für die der Irak erst der Anfang einer Kampagne zur Amerikanisierung des gesamtem Nahen Ostens ist, vertreten Vorstellungen, die für Blairs Labour-Party und die allermeisten europäischen Regierungen absolut inakzeptabel sind. Der "Guardian" sieht den Kriegspremier deshalb als "Rumsfelds Geisel" und kommentiert sarkastisch: "Mit Freunden wie Rumsfeld, wer braucht da noch Feinde?"

"Der Irak sollte so schnell wie möglich," versucht Blair sich zurzeit herauszureden, "weder von den Alliierten, noch von der Uno regiert werden, sondern von den Irakern." Eine Illusion angesichts dessen, dass Paul Wolfowitz, der geistige Vater des Regimewechsels in Bagdad, den Irak gerne mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten Westdeutschland vergleicht, und im Pentagon mit einer bis zu fünf Jahren dauernden US-Verwaltung gerechnet wird.

Blairs erneuter Versuch, eine Brücke zwischen der eurasischen Achse des Friedens und seinen amerikanischen Alliierten zu bauen, kann deshalb nur scheitern. Gleichzeitig ist klar, dass der Briten-Premier - so wie er ohne die von ihm versprochene zweite Uno-Resolution mit Bush in den Krieg zog - auch eine US-Verwaltung mittragen wird.

Was für die gesamte Welt nach dem Ende des Kalten Krieges gilt, prägt auch die Koalition der Willigen: Das Kräfteverhältnis zwischen den USA und Großbritannien ist hoffnungslos asymmetrisch. Auch wenn Tony Blairs Gefolgsmänner stets betonen, welchen wichtigen, mäßigenden Einfluss der Brite auf den Texaner hat, es gilt dennoch, was osteuropäische Dissidenten einst über das Verhältnis ihrer Vasallenregierungen zur Sowjetunion sagten: Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund.

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