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24. Januar 2016, 07:29 Uhr

US-Präsidentschaftskandidat Istvan

Und Sie denken, Donald Trump sei schräg?

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Wahlkampf in den USA: Kennen Sie Zoltan Istvan? Er reist in einem großen Sarg durch die USA. Und er will ins Weiße Haus. Unterwegs mit dem ungewöhnlichsten Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten.

Der Himmel ist düster und es schüttet aus Kübeln, als der Wahlkampfbus von Zoltan Istvan Ende November den "Forest Hill"-Friedhof in Memphis, Tennessee, erreicht. Das Gelände ist riesig, glücklicherweise dürfen Besucher es befahren. Der Bus schiebt sich vorbei an Mausoleen und Grabsteinen, an Denkmälern und Blumenbeeten. "Das ist eine perfekte Kulisse."

Auf dem höchsten Punkt steigen Istvan und seine Leute aus. Sie blicken über die Ebene, als wären sie auf einem anderen Planeten. Ein Helfer stellt die Kamera auf, der Chef posiert neben einem großen Kreuz. "Der Tod", beginnt er seine Videobotschaft, "ist etwas Schreckliches. Lasst uns gemeinsam den Weg in die Unsterblichkeit gehen."

Seit Monaten reist Zoltan Istvan jetzt schon durch die USA. Es ist Wahlkampf und im Schatten der Donald Trumps und Hillary Clintons gibt es noch eine ganze Reihe von Präsidentschaftskandidaten, die für Splitterparteien antreten oder mit außergewöhnlichen Themen das Weiße Haus erobern wollen. Die einen wünschen sich die Prohibition zurück, die anderen den Sozialismus der DDR. Zoltan Istvan kämpft für das ewige Leben.

Er ist jetzt 42 Jahre alt, hat an der Columbia University Philosophie studiert, war für den "National Geographic" als Kriegsreporter unterwegs. Nachdem er vor einigen Jahren in Vietnam nur Zentimeter neben eine Landmine getreten war, widmete er sich dem Vorhaben, niemals zu sterben. Istvan ist ein so genannter Transhumanist. Dahinter verbirgt sich der Glaube daran, dass die moderne Technik den Menschen mit der Zeit zu einem perfekten Maschinenwesen machen könne.

In jener Zukunft, an die Istvan glaubt, verhindern WLAN-fähige Gehirnchips Krankheiten. Künstliche Organe verlangsamen den Verfall. Istvan träumt davon, dass Computer superintelligent werden und unser Körper einmal einem Roboter gleicht. Politik wie im Science-Fiction-Film.

Istvan weiß, dass es schwierig werden könnte mit dem Wahlsieg, noch sind nicht alle Amerikaner von der Umsetzbarkeit seiner Ziele überzeugt. In Umfragen liegt er bei rund null Prozent, die Spender favorisieren andere Bewerber.

Hätte Istvan vor zwanzig Jahren Wahlkampf gemacht, wäre er ein Fall für die Psychiatrie gewesen. Aber in einem Zeitalter, in dem das halbe Silicon Valley zur Zukunft der Menschheit forscht, stellt sich die Frage, wie verrückt seine Cyborg-Kampagne wirklich ist.

Vor einigen Wochen steht Istvan mit seinem "Unsterblichkeitsbus" vor einem Starbucks-Café in Birmingham, Alabama. Der Bus ist das Markenzeichen seiner Kampagne. Es ist ein alter Camper, auf den er einen großen Holzdeckel samt Blumengesteck geschraubt hat. Der rollende Sarg soll die Menschen mit dem Tod konfrontieren und mit Istvans These, dass es diesen Tod besser zu überwinden gilt.

Ein junger Armeeveteran kommt am Café vorbei, Istvan spult sein Programm ab. Amerika, sagt er, setze die völlig falschen Prioritäten. Mit den Milliarden, die das Land in Kriegen verpulvere, wolle er die Wissenschaft nach Überlebenstechniken forschen lassen. Prothesen, Implantate, Anti-Aging-Produkte. Solche Dinge. "Ich bin mir zum Beispiel sicher, wir werden irgendwann alle unsere Organe ersetzen", sagt Istvan. "Denken Sie nur mal an ein künstliches Herz. Wir könnten es dann einfach darauf programmieren, einen Marathon zu laufen. Oder total verrückten Sex zu haben."

"Kling gut", sagt der Veteran. "Ich hatte neulich so einen Iron-Man-Anzug an. Vollrobotisch, mit Jetantrieb und allem. Er war aber leider so schwer, dass ich nicht mal laufen konnte", sagt er.

Es ist ein etwas mühsamer Wahlkampf, den Istvan führt. Manchmal ist er auf Szene-Veranstaltungen eingeladen, wo die Fans der Lebensverlängerung über die neusten Techniken diskutieren. Manchmal skypt er mit Futuristen. Meistens fährt er seinen Bus einfach nur herum. Es ist eine skurrile Welt. Natürlich wird Istvan im Rennen um die Präsidentschaft keine Rolle spielen. Aber seine kleine Kampagne sagt etwas aus über die große Politik, sie legt offen, wie gegenwartsfixiert die etablierten Parteien sind. Die Frage, bis zu welchem Punkt wir das Sterben hinauszögern können und wollen, kommt bei ihnen nicht vor. Wie sieht unser Leben in 50 Jahren aus? Wie sehr lassen wir unser Dasein von der Technik dominieren? Viele Amerikaner treiben solche Fragen um.

Ein Abend im Dezember, Istvan ist zu Gast in Hollywood, Südflorida. Bill Falloon hat ihn eingeladen. Falloon war angeblich mal Arzt, vor zwei Jahren gründete er die "Kirche des immerwährenden Lebens", ein Sammelpunkt für alle Fans der Lebensverlängerung.

Falloon ist Mitte fünfzig, seine Haut ist glatt und sein Körper drahtig. Er trägt Nadelstreifen und eine goldene Krawatte. "Unsterblichkeit wird irgendwann möglich sein", sagt Falloon. "Die Frage ist nur, ob es noch zu unseren Lebzeiten passiert. Wir müssen kämpfen."

Istvan ist Stargast des Abends. Etwa 80 Menschen sind gekommen. Überwiegend alt, überwiegend Frauen, ein paar Russen, ein paar Asiaten. Manche sehen ein bisschen operiert aus, und alle teilen den Wunsch, auf keinen Fall sterben zu wollen. Istvan weiß, was die Leute hören wollen, er hat leichtes Spiel. "Schaut", sagt er. "Viele glauben, dass wir für immer ein Stück Fleisch bleiben. Aber die Zukunft kann verrückt werden. Wer weiß, vielleicht leben wir in 10 oder 20 Jahren in Servern und können uns hochladen." Istvan erntet Ovationen, winkt ins Publikum. Es ist ein Moment, in dem er glaubt, dass es irgendwann doch noch klappen kann. Wenn nicht 2016, dann vielleicht in vier oder in acht Jahren.

Nach ihm kommt Falloon. "Ich will euch immer eine Botschaft mit nach Hause geben", sagt er. "Blutdruck ist eine Epidemie. Haltet euren Blutdruck unter 120. Ganz wichtig. Macht es langsam, damit die Niere nicht versagt. Aber macht es." Die Gemeinde schreibt mit.

Falloon hat noch etwas. "Wer von euch nimmt Metformin?" Kaum jemand meldet sich. "Wie - nur fünf Leute?", fragt er. Er ist entsetzt, das Antidiabetikum hält er für eine gute Übergangslösung, um das Leben zumindest ein Stück weit zu verlängern, solange der Tod noch nicht abgeschafft ist. Ein Herr meldet sich und sagt, bei ihm sei der Vitamin-Spiegel und das Testosteron abgestürzt, nachdem er das Medikament genommen habe. "Ach, kommt", sagt Falloon. "Eine Pille pro Tag ist wirklich nicht so dramatisch. Klar, euer Arzt muss zustimmen. Aber wenn er das nicht macht, könnt ihr euch das Zeug auch aus Übersee besorgen und selbst austesten, ob es sicher genug für euch ist." Istvan huscht zum Büfett. Es gibt Lachs und viel Alkohol.

Istvan weiß, dass das Thema viele Nerds anzieht, die sich nicht damit abfinden wollen, dass das Leben vergänglich ist. Die an Botox glauben und Zaubersirups trinken, die im Internet nach neuesten Technologien suchen und sich zum Einfrieren anmelden. Das Streben nach der Unsterblichkeit hat durchaus verzweifelte Züge.

Ökonomen und Wissenschaftler diskutieren das Thema inzwischen ernsthafter, als je zuvor. Wie die Technik Körper und Gesundheit optimieren kann und ob sich Computer in absehbarer Zeit zu menschenähnlichen Kreaturen programmieren lassen, sind im Zeitalter von Big Data wichtige Fragen, mit denen sich Firmen wie Facebook oder Google beschäftigen. Google hat in den vergangenen Jahren sieben Unternehmen gekauft, die sich mit der Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz beschäftigen. Universitäten haben eigene Fachbereiche zur Zukunftsforschung geschaffen.

Das Buch "Superintelligenz" des Oxford-Philosophen Nick Bostrom brachte es vor Kurzem bis auf die Bestsellerlisten in den USA. Bostrom hält die Entwicklung künstlicher Intelligenz für unausweichlich, aber zugleich auch für eine beispiellose Gefahr für die Menschheit. Er fürchtet, dass die so geschaffenen Wesen irgendwann nicht nur intelligenter als ihre Erfinder werden, sondern sich auch zum Ziel setzen könnten, diese auszulöschen. Der "New Yorker" widmete Bostrom und seinen Thesen gerade 20 Seiten.

Istvan will es sich mit keiner dieser Gruppen verscherzen, er braucht ja jede Wählerstimme. Er kennt sich aus mit französischen Existenzialisten und Friedrich Nietzsches Theorie des Übermenschen. Kürzlich diskutierte er in Stanford auf einer Podiumsdiskussion über die Grenzen des Lebens. Politisch ist er in keiner Weise extrem. Er wünscht sich eine vernünftige Sozialpolitik, hält wenig von Militärinterventionen und viel von Steuergerechtigkeit. Mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt er in einem Häuschen vor San Francisco.

Und er fantasiert auch gerne. Istvan geht zu Kongressen von so genannten Biohackern und lässt sich einen Chip unter die Haut pflanzen, der angeblich schon bald sein Auto starten soll. Neulich erzählte ihm seine Frau, dass die Tochter nach Klavierunterricht gefragt habe. "Ich wollte eigentlich erwidern: Lass uns ein paar Jahre warten, bis es einen Chip gibt, der uns Klavierspielen einfach beibringt", sagt Istvan. Er hat es dann nicht gemacht.

Er ahnt, dass es ein Problem ist, dass ihm und der Bewegung eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kern ihrer Forderungen fehlt. Wollen wir überhaupt für immer leben? Wenn ja - wo soll der Platz für alle herkommen? Macht die Vergänglichkeit das Leben nicht erst interessant und wertvoll? Istvan versucht, solche Fragen zu umgehen. Er sieht sich als Visionär, als Einpeitscher der Bewegung. Da muss man immer und überall vorangehen, insbesondere im Internet.

Seine Wahlkampfvideos stellt er auf seine Homepage oder postet sie bei YouTube.

Für die "Huffington Post" und das Online-Magazin "Vice" schreibt er regelmäßig Artikel zu futuristischen Themen. Könnten Gehirnimplantate Vergewaltigungen aufzeichnen? Geht man fremd, wenn man in der virtuellen Welt eine Affäre hat? Lektüre für die Freaks. "Manchmal schreibe ich einen Text, ohne wirklich etwas zu sagen zu haben. Aber ich muss dafür sorgen, dass die Google-Algorithmen meine Sätze und Texte aufnehmen." Neulich hatte er bei YouTube 10.000 Klicks. Donald Trump hat allein fünf Millionen Twitter-Follower, aber Istvan stört das nicht. "Für mich sind 10.000 Klicks viral", sagt er.

Der Bus rattert über den Highway in Alabama. Links Wiesen, rechts Städte, vorne nur Regen. Der Tacho zeigt 48 Meilen pro Stunde, Istvan ist bestens gelaunt. Der Sender Showtime hat angerufen. Er will aus seiner Wahlkampfreise eine Reality-Show machen. Ein paar Wochen mit dem Bus durch Manhattan, das ist der Plan. Mit ihm und Jethro, seinem Roboter.

Jethro ist für ihn der Beleg, dass die Menschheit auf dem Weg ins Maschinenzeitalter mit der richtigen Geschwindigkeit vorankommt. Er will ihn jetzt vorführen und drückt den Menüknopf. Jethros Augen leuchten neongrün auf.

"Zeig Karate", befiehlt Istvan.

"Für das Hauptmenü drücken Sie die Command-Taste", erwidert Jethro.

"Karate", wiederholt Istvan.

"Wenn Probleme auftreten, besuchen Sie bitte unsere Website", sagt Jethro.

Istvan wird unruhig. "Was ist los, Bruder? Du kannst doch so viele coole Sachen machen", ruft er: "Tanz mal!"

Jethro rührt sich nicht.

VIDEOPORTRÄTS DER PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN:

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