Zukunft des Terrors "Wir sind Sarkawi"

Eine "fröhliche Kunde" nennt al-Qaida die Nachricht vom Tod ihres Befehlshabers im Irak. Abu Mussab al-Sarkawi sei nun ein Märtyrer. Doch die Wahrheit ist: Der Verlust des Terrorplaners ist für Bin Ladens Netzwerk kaum zu ersetzen - selbst wenn gleich zwei potentielle Nachfolger bereitstehen.

Von Yassin Musharbash


Hamburg - Wenn ein militanter Islamist im Gefecht stirbt, dann ist das nichts, wofür man ihn bedauern müsste. Denn seiner eigenen Überzeugung zufolge wird er in dem Moment zum Märtyrer, in dem sein erster Blutstropfen die Erde berührt. Im Einklang mit dieser Lehre erklärte die irakische Filiale des Terrornetzwerks al-Qaida heute: Sie habe "die fröhliche Kunde zu verbreiten", dass Abu Mussab al-Sarkawi heute den Tod des Märtyrers gestorben sei. Die Erklärung, die gegen Mittag verbreitet wurde, liegt SPIEGEL ONLINE vor. Deutsche Sicherheitsbehörden halten sie für authentisch und zweifeln nicht daran, dass die Nachricht vom Tod des "Schlächters von Bagdad" stimmt.

Trotz der vorgetäuschten oder vielleicht auch tatsächlichen Freude: Für die Terroristen im Irak ist der Tod des Jordaniers eine Katastrophe. Es war vor allem sein Charisma, das Hunderte Dschihadisten aus aller arabischen Herren Länder in das Zweistromland lockte, wo sie sich bereitwillig in die Luft sprengten im Kampf gegen Besatzer und Zivilisten, die sie für Ungläubige erklärten. Seit er kurz nach dem Fall Bagdads im Frühjahr 2003 aktiv geworden war, hatte Sarkawi sich als Kämpfer an vorderster Front, als junges, kampfwilliges und -fähiges Gegenbild zu Osama Bin Laden entworfen. "Er ist ein Held geworden, weil er für einen Araber steht, der sich nicht beugt, der stolz ist und Angst und Schrecken verbreitet", sagte der jordanische Sarkawi-Experte bereits 2004 im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Sarkawis Ziel: Bürgerkrieg

Sarkawis Verhältnis zu al-Qaida war stets geprägt von einer Mischung aus Kooperation und Konflikt, gar Konkurrenz. Er war immer der Meinung, Bin Laden vernachlässige die Palästina-Frage, die er ins Zentrum seiner Überlegungen stellte. Der Jordanier war der Meinung, man müsse durch harte Angriffe auf die Schiiten des Irak einen Bürgerkrieg auslösen - dafür fing er sich harsche Kritik von Bin Ladens Stellvertreter Aiman al-Sawahiri ein.

Doch unstreitig ist es Sarkawi gelungen, dass al-Qaida eine Präsenz im Irak aufbauen konnte. Vor gut anderthalb Jahren unterstellte er sich sogar ausdrücklich dem Netzwerk Bin Ladens. Seitdem hat er Strukturen entwickelt, Feldkommandeure installiert, Kommunikationswege errichtet. Der Terror ist durch Sarkawi effektiver, brutaler geworden. Jetzt wird sich zeigen, wie viel davon allein auf seiner persönlichen Kapazität fußte.

Zwei potentielle Nachfolger

Mindestens zwei potentielle Nachfolger stehen nun bereit, um das zynische Werk al-Sarkawis weiter zu führen: Abdallah Ibn Raschid al-Bagdadi und Abu Abd al-Rahman al-Iraqi. Der letztere verfasste heute die Erklärung im Namen der irakischen Qaida-Filiale. Er unterzeichnete als "Stellvertreter des Befehlshabers al-Qaida im Zweistromland". Das macht ihn zum natürlichen Anwärter auf die Nachfolge, und in den dschihadistischen Internetforen, in denen der Tod Sarkawis die Hauptnachricht war, wurden bereits Cyber-Unterschriften für Abu Abd al-Rahman gesammelt, mit denen man seine Gefolgschaft ausdrücken sollte.

Terror wird nicht mit Sarkawi sterben

Allerdings: Auch Abdallah Ibn Raschid al-Bagdadi hat einen wichtigen Posten inne: Er wird bezeichnet als Chef des "Beratergremiums der Mudschahidin", eine Art Dachverband verschiedener irakischer Terrorgruppen, der unter Federführung Sarkawis vor einem knappen halben Jahr gegründet worden war. Einen deutlichen Anspruch hat er bis jetzt aber noch nicht geltend gemacht. Deutsche Sicherheitsdienste glauben unterdessen, dass es nicht unbedingt einen natürlichen Nachfolger gibt. Die Entscheidung können noch ein paar Tage in Anspruch nehmen.

Dass die übrig gebliebenen weitermachen werden, daran kann kein Zweifel bestehen. An den "Scheich Osama" gerichtet heißt es in dem Qaida-Kommuniqué von heute: "Dein Heer im Irak bleibt bei seinem Plan", der Weg werde fortgesetzt. Allerdings: Viele Kämpfer der irakischen Qaida waren vor allem auf Sarkawi eingeschworen, wie sie sich verhalten werden, muss man abwarten.

Etliche seiner Anhänger stammen aus Jordanien, wo auch seine Heimat war. Sie fühlen sich unter Umständen eher der Person Sarkawi als dem Dschihad im Irak an sich verbunden. Geldgeber des Terrors könnten sich nun zurückziehen. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Terror im Irak nun geschwächt wird. So war es auch in Saudi-Arabien, als 2004 der Qaida-Chef Abd al-Asis al-Mukrin von Sicherheitsbehörden getötet wurde. Ganz erholte sich die Filiale nie von diesem Schlag.

Die Sympathisanten des Terrors im Internet reagierten heute wütend, aber gefasst. Arbeiten an Gedächtnis-Websites zu Sarkawis Verherrlichung haben bereits begonnen. "Wir sind alle al-Sarkawi", lautete eine häufige Reaktion. "Der Dschihad stirbt nicht mit einem Krieger und auch nicht mit einem Anführer", war ebenfalls eine häufige Aussage.

Der Tod Sarkawis ist ohne Frage ein Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus. Er dürfte in allernächster Zukunft zu einer Vergeltungskampagne der Dschihadisten im Irak führen, später wahrscheinlich zumindest zu einer vorübergehenden Schwächung. Ob jedoch jemand in die Fußstapfen des Paten treten kann, ist unklar. Denn Sarkawi, einer der ruchlosesten Terroristen überhaupt, war aus Sicht der Qaida ein Glücksfall.



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