Zukunftsmusik Mit Kukident nach Goa

Vergesst Mallorca, glaubt an Goa: Deutsche Pensionäre haben die Aussteigerstrände Indiens erobert. Nach den lästigen Hippis und lärmenden Ravern freuen sich die Einheimischen über die verträglichen Nachbarn. Liegt hier das neue Rentnerparadies?

Von Renée Zucker


Vermutlich werde ich irgendwann im Alter in Indien landen. Mein afghanischer Freund Hamid hatte es mir schon vor ein paar Jahren prophezeit:"Leute wie du werden am Ende nur in der dritten Welt überleben können". Er meinte das nicht persönlich, er meinte es pekuniär. Leute wie ich, die keine ordentliche Rente zu erwarten haben, mit der man locker einen Busfahrschein für 10 Euro kaufen kann - denn mindestens so viel wird die Kurzstrecke vom Schloss Charlottenburg bis Ernst Reuter Platz bis dahin kosten, und was will man dann am Ernst-Reuter-Platz machen? - solche Leute müssen fürderhin in die Dritte Welt (oder in die Länder des Südens, wie es jetzt vornehm korrekt heißt) um ihren Lebensstandard halten zu können.

Party in Goa: "Das ist nicht mehr das  Raver-, sondern das Rentnerparadies!"
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Party in Goa: "Das ist nicht mehr das
Raver-, sondern das Rentnerparadies!"

Eine Abteilung der jetzigen Rentnergeneration hat das auch schon erkannt. "Das ist nämlich nicht mehr das Raver-, sondern das Rentnerparadies" vermerkte mein weißbärtiger Sitznachbar im Charterflug nach Panjim triumphierend und ein Blick durch das komplett ausgebuchte Flugzeug zeigte mit erschütternder Deutlichkeit, daß der Mann die Wahrheit sprach. Wo man auch hinschaute: eine Weide von Glatzen mit Haarkränzen, praktischem Kurzhaar oder rotgefärbten Dauerkrausen. "Hippies, dit war mal", streut sich der patente Pensionär neben mir das ganze Pfeffertütchen in seinen Tomatensaft, " damit man schon mal auf  hot and spicey vorbeitet is, wa?"  und erzählt, dass er jetzt schon das dritte Mal nach Goa fliegt.

Jeden Winter Mallorca wurde auf die Dauer langweilig, seine Nachbarn haben sich gerade in Benaulim ein Haus gekauft und nun überlegen seine Frau und er, ob sie nicht auch... Diesmal haben sie jedenfalls erstmalig von Oktober bis Ende März ein Haus gebucht. Egal, ob sie nun wirklich so lange bleiben,  es kostet ja nur ein Drittel von dem, was man auf Mallorca für einen Monat bezahlt.

Immer dabei: Pumpernickel und Schwarzwälder Schinken

Alles sei so viel billiger als im EU-Raum und wenn man selbst kocht, dann muss man auch nicht immer so scharf essen. "Pumpernickel und verschweißten Schwarzwälder Schinken haben wir immer dabei", grinst der ehemalige Postler im Vorruhestand, winkt mit dem leeren Pfeffertütchen und bestellt sich noch einen kostenlosen Tomatensaft.

Eine bizarre Mischung aus wenigen Ravern und vielen Rentnern  war hier versammelt und belästigte genervte Purser-Herrschaften, formerly known as Stewards oder Flugbegleiter mit Wünschen nach Wasser für die Kopfschmerztablette oder Whiskey für die Überwinterungseinstimmung. Deutsche Rentner auf den Spuren von Aussteigern und Auf-dem-Trip-Gebliebenen und auch hier haben sie den einheimischen Kellnern schon "Alles klar" beigebracht.

Ansonsten ist zu vermelden, dass sich die Deutschen tadellos benehmen. Zumindest die Rentner, die anderen raven sich (und die geplagten Dorfbewohner) zwischen Weihnachten und Karneval am Strand von Anjuna mit Hilfe aller verfügbaren Designerdrogen um den Verstand. Rentner hingegen sind sehr angenehme Gäste. Still und unauffällig sitzen sie lesend unter dem Sonnenschirm und nehmen nur hin und wieder ein Kingfisher Beer zur einheimischen Mahlzeit ein; sie sprechen ein gutes Englisch, sind höflich zur arbeitenden Bevölkerung und wenn das so weitergeht, dann werden wir fast zu gut für diese Welt und es gibt nicht mehr einen Grund, sich für seine Herkunft zu schämen.

In Indien muss man das allerdings sowieso nicht, denn hier hellen sich die landeseigenen Mienen bei "Germany" gern auf und ergänzen begeistert mit "Adolf Hitler".

"Mein Kampf" mit bunten Covern

Der ist hier vor allem deshalb so beliebt, weil er sich so ins Zeug für seine Rasse gelegt und herrliche Eroberungszüge gemacht haben soll. Diese bizarre Vorliebe für den größten Verbrecher des vergangenen Jahrhunderts wird sich hoffentlich bis zu meinem Rentenalter gegeben haben, aber man kann nie wissen - noch liegt "Mein Kampf" mit immer neuen, fetzig bunten Cover in den Straßen von Delhi, Bombay und Bangalore auf jedem zweiten Büchertisch...

Aber nicht nur Rentner haben die Zeichen der Zeit erkannt. Unter dem Titel  "Single White Female" veröffentlichte kürzlich das Wochen-Magazin Outlook eine Reportage über europäische Frauen, die irgendwann beschlossen hatten, in Indien zu leben und nun hier Karriere gemacht haben.

Eine Geschichte, wie man sie noch vor 10 Jahren über New York oder Los Angeles gelesen hätte. Und die Gründe, weshalb die Frauen hierher kamen, sind die gleichen, weshalb sie damals nach LA oder NY gingen: hier ist es nicht so langweilig und festgefahren wie zuhause, hier sind die Leute offen für neue Ideen, hier kann man etwas bewegen - und hier, im zweitgrößten Konsumentenmarkt der Welt, gibt es vor allem eine stetig wachsende Mittelschicht, der man etwas verkaufen kann.

Indien konnte ja schon immer einen Zustrom westlicher Frauen verzeichnen, die waren dann allerdings entweder sogenannte Memsahibs - gelangweilte und von der Hitze erschöpfte Gattinnen von Kolonialherren - oder Spiritualitäts-Suchende, die sich im Schutze der Ashrams diversen Gurus von Maharishi bis Bhaghwan verschrieben; es gab und gibt immer noch Hippies, Diplomatinnen und professionelle Helferinnen, die in NGOs oder konfessionellen Einrichtungen Gutes tun.

Hoffnung auf Liebhaber mit spirituellem Selbst 

Bei den hier beschriebenen geht es allerdings weder um Karma noch um Krankenschwestern:  Ob die Kanadierin, die einst in London  Mode studierte und jetzt als Stylistin für eine Modelagentur in Delhi arbeitet, die deutsche Generalmanagerin der Oberoi-Hotelkette, eine Holländerin, die den Einkauf für ein Kaufhaus in Bangalore unter sich hat oder eine Belgierin, die eigentlich ihre Rente in Goa verleben wollte und jetzt anderen Rentnern in Goa beim Hausbauen hilft... allen gemeinsam ist, dass sie zunächst einmal gern in Indien leben wollten und es ihnen relativ leicht gemacht wurde, zu bleiben und eine Existenz aufzubauen.

Besonders erstaunlich an diesen neuen Karriere-Nomaden ist, dass sie alle mehr mit Indern als mit anderen westlichen Ausländern zu tun haben. Wenn ich mich an deutsche Aussteiger in Italien, auf den Balearen oder Kanaren erinnere, hockten die vornehmlich frustriert mit anderen deutschen Aussteigern rum, um auf die Einheimischen zu schimpfen, weil dies und jenes nicht nach gewohnt germanischen Gusto ging. Die Karrierefrauen in Indien klagten allerdings auch - aber natürlich nur über das Eine: Männer.

Das allerdings konnte man nicht anders erwarten in einem Land, da öffentliches Spucken, Nasebohren und Pinkeln zur männlichen Lieblingsbeschäftigung gehört.

Eine australische Schauspielerin war enttäuscht darüber, dass die Inder überhaupt nicht wüssten, wie man das Dating Game richtig spielt - außerdem hatte sie geglaubt, Inder wären in besonderem Kontakt mit ihrem spirituellen Selbst und seien deshalb besonders sanfte und leidenschaftliche Liebhaber. Sie räumte dann aber ein, eventuell doch die falschen Bücher gelesen zu haben.



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