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Zum Tod Václav Havels: Der Dissidenten-Präsident

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Er vereinte in seiner Person viele Rollen. Václav Havel war Dramatiker, Dissident, politischer Gefangener - und Präsident. Weltweit gilt er als Symbolfigur für den friedlichen Kampf gegen den Kommunismus. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren gestorben.

AFP

Hamburg - "Sie halten dich im Käfig. Sie haben dich hinter Gitter gesperrt. Havlitschku - Havel." Zehntausende singen das Protestlied "Havlicku, Havle" (Havelein, Havel) 1989 auf dem Wenzelsplatz in Prag. Liedermacher Jaroslav Hutka hat es 1977 für seinen Freund Václav Havel geschrieben. Der sitzt damals in Haft. Nun wird der Song zu einem der Lieder der "Samtenen Revolution", dessen Schlüsselfigur Havel ist. Er ist das Gesicht des gewaltlosen Widerstands gegen die Kommunisten.

Jahrzehntelang kämpft Havel gegen das Regime der Kommunisten, das er selbst als "Absurdistan" bezeichnet. Am 5. Oktober 1936 wird er in Prag als Kind einer bekannten Großbürgerfamilie geboren. Sein Vater, der ebenfalls Václav hieß, ist ein einflussreicher Bau- und Film-Unternehmer.

Wegen seiner "bourgeoisen Herkunft und Gesinnung" darf Havel keine höhere Schule besuchen. Stattdessen arbeitet er nach 1951 in einem Chemielabor, nebenbei besucht er eine Abendschule. Um die Ausbildung zu finanzieren, fährt Havel zudem Taxi. Aus politischen Gründen weist man ihn auch an der Akademie der Musischen Künste zurück. Später dann wird ihm zumindest ein Fernstudium im Fach Dramaturgie erlaubt, das er 1966 mit einem Examen beendet.

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Václav Havel: Tod mit 75
Vom Bühnenarbeiter zum Dichter

Havels Begeisterung für das Schauspiel beginnt in einem kleinen Theater in der Prager Altstadt. Hier entdeckt er in den sechziger Jahren - zunächst als Bühnenarbeiter, später als Dramaturg - seine Liebe für das Absurde Theater. Es ist die Zeit der Avantgarde: Mit ständigen Wiederholungen, sinnentleerten Phrasen und sprachlichen Gemeinplätzen deckt das Theater die Absurdität der kommunistischen Propaganda und Lebenswelt auf.

Mit seinem Theaterstück "Das Gartenfest" von 1963 feiert Havel internationale Erfolge. Als 1968 die Truppen des Warschauer Pakt es den Prager Frühling brutal beenden, geht Havel in die Opposition. Er hat mittlerweile Publikationsverbot.

Doch Havel setzt seine Arbeit fort und fällt immer stärker in Ungnade: 1977 gehört er zu den Gründern der Untergrundinitiative für Menschen- und Bürgerrechte "Charta 77". Das Regime reagiert mit aller Härte. Havel wird dreimal verhaftet und zu insgesamt fast fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die zwischen 1979 und 1982 aus dem Gefängnis geschriebenen "Briefe an Olga", seine 1996 verstorbene erste Frau, die ihn damals sehr unterstützt, geben einen Einblick in die Hoffnungslosigkeit und das Unrecht zu dieser Zeit.

Aus dem Dissidenten wird ein Präsident

Havel wird zur wichtigsten Figur der sogenannten "Samtenen Revolution". Mit seiner Erscheinung und unprätentiösen Art symbolisiert der Literat die Macht des Volkes, eine Diktatur friedlich besiegen zu können. "Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Hass siegen", heißt einer von Havels berühmten Sätzen.

Im Umbruchjahr 1989 siegt dann die "Macht der Machtlosen", so der Titel eines Essays von Havel aus dem Jahr 1978. Auf dem Wenzelsplatz erschallen die Rufe "Havel auf die Burg". Das Regime fällt.

Es ist der 29. Dezember 1989, an dem aus dem Dissidenten der Staatspräsident wird: Zehntausende Menschen warten im Hof der Prager Burg, als Havel ihnen endlich zuruft: "Liebe Freunde, vor wenigen Augenblicken wurde ich von der Föderalversammlung einstimmig zum Präsidenten der Republik gewählt." Zwei Jahre später verkündet er in Prag als frei gewählter Präsident das Ende des Warschauer Paktes. Havel schreibt damit politische Weltgeschichte.

Moralische Stimme des Landes

In den ersten Jahren als Präsident wird Havel von den meisten seiner Landsleute besungen und verehrt - verkörpert er doch die Hoffnungen auf einen demokratischen Neuanfang. Er ist die moralische Stimme, die auf Fehler und Schwächen in der neuen Republik hinweist. Mehr und mehr wird der Idealist Havel aber vom grauen Politikalltag eingeholt.

Die Tschechoslowakei erlebt schwere Zeiten: Im Sommer 1992 fordern Nationalisten auf beiden Seiten die Trennung des Landes. Nach der Teilung des Landes wird Havel 1993 der erste tschechische Staatspräsident. Bis zuletzt muss sich er der Kritik stellen, das Auseinanderbrechen der Tschechoslowakei nicht entschieden genug verhindert zu haben.

Seine Versuche, rivalisierende Politiker und Parteien zur Zusammenarbeit zu bewegen, haben nur wenig Erfolg: Vor allem der heutige Präsident und damalige Bürgerforums- und spätere ODS-Chef Václav Klaus weist sie entschieden zurück. Auch die Medien verschärfen ihren Ton gegenüber Havel, der sich immer weniger Gehör verschaffen kann.

Seine philosophischen Reden - oftmals fehlen ihnen konkrete tagespolitische Aussagen - finden nicht mehr das Interesse seiner Landsleute. Der Schriftsteller scheint als pragmatischer Politiker überfordert, pflegt lieber den intellektuellen Diskurs und trifft sich gern mit Geistesgrößen oder Musikern. Kaum im Amt, lädt er im Januar 1990 sein Idol Frank Zappa zu sich nach Prag ein.

Der angesehene Außenpolitiker

Havel selbst räumt später ein, in außenpolitischen Fragen deutlich glücklicher agiert zu haben als in der Innenpolitik. Sein Land führt er konsequent in die Europäische Union und Nato und sucht früh eine Aussöhnung mit den deutschen Nachkriegsvertriebenen - ein mutiger Schritt. Mehrmals wird Havel für den Friedensnobelpreis nominiert und erhält Dutzende Ehrungen auf der ganzen Welt.

2003 verabschiedet er sich nach zehn Jahren aus dem Präsidentenamt: "Ich kehre in die Welt zurück, aus der ich hervorging und als deren Botschafter in einer anderen Welt ich mich fühlte." Da ist er bereits sichtlich gezeichnet von vielen schweren Krankheiten. Der starke Raucher leidet seit seiner Haft unter chronischen Lungenbeschwerden, 1996 musste ihm ein bösartiger Tumor und die Hälfte des rechten Lungenflügels entfernt werden. Zwei Jahre nach der Operation überlebt er einen Herzinfarkt.

Havel kehrt nach seiner Zeit als Politiker zurück zu seinen Anfängen, zur Literatur, und kämpft weiterhin für die Einhaltung von Menschenrechten. In diesem Jahr erfüllt er sich einen Lebenstraum. Er verfilmt sein letztes Theaterstück "Abgang", die die Geschichte von einem Kanzler, der sein Amt und damit seine Identität verliert. Mit seinem Film kritisiert Havel die leeren Worthülsen der heutigen Politik. Die Premiere seines Films am 22. März in Prag wird sein letzter großer Auftritt. Die Strapazen der Dreharbeiten enden in einer schweren Atemwegsinfektion.

Zuletzt lebt der Dramatiker - gesundheitlich stark angeschlagen - zurückgezogen in seinem Haus nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek rund 150 Kilometer von der Hauptstadt Prag entfernt. Václav Havel stirbt am Sonntagmorgen mit 75 Jahren.

Mit Material von dpa und AFP

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1. R.i.p
slider 18.12.2011
Ein großer mutiger Mann ist gegangen, der immer bescheiden und leise war, aber bestimmt in seiner Sache gewesen ist.
2. Ein großer Mann ist gegangen!
kellitom 18.12.2011
Alles Gute für die ewige Reise, Vaclav. Du hast Großes für dein Land geleistet!
3. Ein großer Verlust für uns alle !
bosemil 18.12.2011
Zitat von sysopEr*vereinte in seiner Person viele Rollen. Václav Havel war Dramatiker, Dissident, politischer Gefangener - und Präsident. Weltweit gilt er als eine der prominentesten Symbolfiguren für den friedlichen Kampf gegen den Kommunismus. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804489,00.html
Ein wahrhaft Großer Europäer ist für immer von uns gegangen. Mein aufrichtiges Beileid gilt den Hinterbliebenen seiner Familie und dem tschechischem Volk.
4.
dziwoki 18.12.2011
Zitat von sysopEr*vereinte in seiner Person viele Rollen. Václav Havel war Dramatiker, Dissident, politischer Gefangener - und Präsident. Weltweit gilt er als eine der prominentesten Symbolfiguren für den friedlichen Kampf gegen den Kommunismus. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804489,00.html
ob unser "Flachmann" in Berlin dazu eine Meinung hat?
5. Hut ab und tiefe Verneigung
derandersdenkende 18.12.2011
Zitat von sysopEr*vereinte in seiner Person viele Rollen. Václav Havel war Dramatiker, Dissident, politischer Gefangener - und Präsident. Weltweit gilt er als eine der prominentesten Symbolfiguren für den friedlichen Kampf gegen den Kommunismus. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804489,00.html
für eine kleine große Persönlichkeit! Er wird uns allen fehlen, nicht nur wenn es darum geht, den Mächtigen dieser Welt zu widerstehen. Er hat uns gezeigt, was Mut erreichen läßt. Ein bischen davon wäre uns allen zu wünschen.
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