Zum Tod von Daniel Pearl Anmerkungen eines Reporters

Von Claus Christian Malzahn


Wenn Journalisten an der Berichterstattungsfront ums Leben kommen, gibt es in der Etappe immer ein paar Kollegen, die genau wissen, warum das passiert ist. Das war so, als die "Stern"-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer im Kosovo auf der Straße von Prizren nach Skopje erschossen wurden und nicht anders, als Volker Handloik in Afghanistan auf einem Panzerwagen der Nordallianz starb. Und auch jetzt, nach der Ermordung des "Wall-Street-Journal"-Kollegen Daniel Pearl, muss man wohl wieder mit damit rechnen, dass irgendwer erklärt, "er hätte halt besser aufpassen müssen".

Doch die Recherche in Krisenregionen birgt immer unübersehbare Risiken, so erfahren man in solchen Gebieten auch sein mag. Daniel Pearl hat sich darauf verlassen, dass seine Rolle als Berichterstatter respektiert wird. Meistens ist das übrigens der Fall. Auch ich habe im pakistanischen Rawalpindi und in Peschawar inmitten von Mullah-Demonstrationen gestanden und mir von Bin Ladens Gefolgsleuten Verschwörungstheorien in den Block diktieren lassen. Niemand hat mir ein Haar gekrümmt.

So verrückt das klingen mag: Für das internationale Pressekorps barg das Essen in den pakistanischen Restaurants auch während der US-Bombardements auf Afghanistan lange Zeit mehr Gefahren als irgendwelche durchgeknallten Islamisten.

Auch Daniel Pearl wird überwiegend die beruhigende Erfahrung gemacht haben, dass man in ihm nicht den Chronisten der Kreuzritter, sondern den unabhängigen Journalisten sieht. Er hat sich nicht als Vertreter einer Kriegspartei begriffen, sondern, wie jeder gute Reporter, als neugieriger Beobachter, der so viel herausbekommen möchte, wie und wo irgend möglich. Das hat funktioniert - bis zum Tag seiner Entführung am 23. Januar.

Seine Interviewpartner in Karatschi wollten keine Statements abgeben, sondern Rache üben für den verlorenen Krieg in Afghanistan. Der amerikanische Reporter war ein leichtes Opfer: Sie brauchten ihn nicht einmal zu entführen, Pearl kam mit Block und Kuli zum Termin. Er hatte um das Gespräch gebeten, weil er die Hintergründe einer versuchten Flugzeugentführung aufhellen wollte. Er war nah dran an einer guten Geschichte - zu nah.

Denn für seine Entführer war Pearl als US-Bürger ein Feind. An ihre Behauptung, der 38-jährige "Wall-Street-Journal"-Reporter sei ein Agent des CIA, werden sie trotzdem selbst kaum geglaubt haben. Doch das Weltbild, in dem sie sich eingerichtet haben, ist ebenso simpel wie gefährlich. Dort gibt es nur Schwarz und Weiß, für Journalisten, die Grautöne suchen, gibt es weder Platz noch Verständnis. Diese Vorstellung des Islam rechtfertigt jedes Verbrechen. Der Mann, der dem Journalisten vor laufender Kamera die Kehle durchgeschnitten hat, wird die Tat nun wie eine Eintrittskarte ins Paradies verbuchen.

Daniel Pearls hochschwangere Frau, die im Mai ein Kind erwartet, hat in einem CNN-Interview gesagt, ihr Mann habe seine Arbeit als Dialog verstanden. Er sei ein sehr offener Mensch gewesen, berichten auch seine Freunde. "Wenn du ihn zum Essen eingeladen hast, musste man für zehn Leute einkaufen" erinnert sich ein Kollege aus London. Einmal brachte Pearl sogar Leute mit auf eine Party, die er gerade erst auf einer U-Bahn-Station kennen gelernt hatte.

Die Killer in Karatschi haben offenbar einen ziemlich netten Kerl ungebracht. Pearl ist in meinem Alter. Ich habe ihn nicht gekannt, aber sein Tod macht mich fassungslos.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.