Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
"Ich bleibe, solange Gott es will und das Volk es mir befiehlt", hatte Hugo Chávez 2008 gesagt. Damals war der venezolanische Präsident und Linksnationalist auf dem Höhepunkt der Macht. 54 Jahre alt und zehn Jahre im Amt, selbstbewusst und energiegeladen plante er die nächste Dekade als längstgedienter Staatschef Lateinamerikas.
Damals schien es undenkbar, dass dieser rhetorisch begabte wie ruppige Ex-Offizier die Präsidentschaftswahl 2012 bereits als schwer kranker Mann erleben würde. Ein Jahr zuvor war Chávez erstmals wegen seines Krebsleidens operiert worden. Zuletzt waren es vor allem Meldungen über seinen Gesundheitszustand und über neue Operationen, die das öffentliche Bild des Mannes prägten, der die politische Elite Südamerikas aufgeschreckt hatte und sich stets als Herausforderer der USA inszenierte. Nun hat sein bisheriger Stellvertreter Nicolas Maduro Chávez' Tod verkündet. Im Alter von 58 Jahren erlag er seinem Krebsleiden, kurz zuvor war eine neue schwere Infektion aufgetreten.
Es ist das Ende eines rasanten Lebens. Der Sohn eines Dorfschullehrer-Ehepaares aus der Kleinstadt Sabaneta im Bundesstaat Barinas stieg auf zum Oberstleutnant und wurde dann Präsident des südamerikanischen Erdöllandes. Bereits 1992 griff er als Anführer eines missglückten Putsches gegen Präsident Carlos Andrés Pérez nach der Macht. Nach zwei Jahren in Haft wurde er begnadigt. Anschließend machte er sich daran, die Herrschaft in Venezuela auf dem politischen Wege zu erringen.
Herrschaft durch Öl
Dieses Projekt sollte das komplette Land umkrempeln. Chávez verordnete seiner Heimat einen Neustart. Er schrieb die Verfassung um, entmachtete das alte Parlament, schuf ein neues, ließ sich wiederwählen und konzentrierte im Stile eines Caudillos die Macht auf sich. Zentrale Machtposten besetzte er mit Getreuen. Und er griff nach dem größten Schatz Venezuelas. Das Land zählt zu den wichtigsten Erdölproduzenten der Welt. Chávez sicherte sich die Kontrolle über die Petroindustrie, auch mit Enteignungen. Die Öleinnahmen sollten zum wichtigsten Instrument seiner Herrschaft werden.
Chávez regierte Venezuela wie seine private Hacienda. Doch er achtete stets darauf, dass seine Herrschaft durch Wahlen legitimiert war. Vier Urnengänge, einen Staatsstreich-Versuch und eine Volksabstimmung hat er überstanden.
Immer ging es ihm darum, den Zeitpunkt seines Abgangs selbst zu bestimmen. Wenn er Gefahr witterte, schlüpfte er in die Rolle des Garanten für Ruhe und Ordnung. So auch beim Wahlgang im Oktober 2012, als es mal wieder knapp wurde. Damals prophezeite er den Menschen im Fall seiner Niederlage einen Bürgerkrieg. Die Voraussetzungen dafür hatte er freilich selbst geschaffen: Tausende Kalaschnikows ließ er an seine Anhänger verteilen, in vielen Armenvierteln herrschen bolivarische Milizen. Bei einer US-Invasion sollten sie die Amerikaner in einen Guerillakrieg verwickeln, behauptete Chávez. In Wirklichkeit fungierten sie auch als paramilitärische Schlägertruppe des Präsidenten. Sie bedrohten Journalisten und Oppositionelle.
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Manche Lebensmittel gibt es in dem Land zeitweise gar nicht mehr oder nur noch rationiert wie im großen Vorbildstaat Kuba. Caracas, die venezolanische Hauptstadt, ist zur gefährlichsten Metropole Lateinamerikas mit der höchsten Mordrate geworden.
Laut offiziellen Zahlen konnte die Zahl der in Armut lebenden Venezolaner in den Chávez-Jahren von der Hälfte der Bevölkerung auf weniger als ein Drittel reduziert werden.
Kampf gegen die Armut
Wenn man ihm einen historischen Verdienst attestieren will, dann sicher diesen: Nach den neoliberalen neunziger Jahren die Themen Armut, ungerechte Verteilung des Reichtums und Ausbeutung nationaler Ressourcen durch multinationale Unternehmen auf die politische Tagesordnung gesetzt zu haben.
Und er hat der Linken in Lateinamerika ein neues Selbstbewusstsein gegeben und die Wahlsiege von Evo Morales in Bolivien und Rafael Correa in Ecuador erst ermöglicht. Denn Chávez waren die Grenzen seines Landes stets zu eng. Seit seinem Amtsantritt im Februar 1999 hat kein Machthaber die politische Landkarte Lateinamerikas so stark verändert wie er.
"Ohne Chávez wäre Lateinamerika heute nicht das, was es ist", sagt der Sozialwissenschaftler Heinz Dieterich, Vertrauter von Chávez und Erfinder des "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", den der venezolanische Präsident in seinem Land umsetzen und auch nach außen tragen wollte. Kuba und Nicaragua versorgte er mit billigem Öl und großzügiger Wirtschaftshilfe. In beiden Ländern steht und fällt die Wirtschaft mit der Hilfe aus Caracas. Auch Haiti und viele karibische Kleinstaaten wurden mit Chavez' Gaben beglückt.
Mit messianischem Eifer schmiedete Chávez aber über Lateinamerika hinaus Allianzen mit Gleichgesinnten. Auch hier zahlte er mit ökonomischer Unterstützung für politische Freundschaften. Verbündete wie Weißrussland, Russland, Iran und China bildeten dabei die Achse der Kooperation.
Entertainer und Einpeitscher
Im Land selbst war Chávez in seinen besten Jahren omnipräsent. In seinen sonntäglichen TV-Shows "Aló Presidente" parlierte, predigte, plauderte und polarisierte er bis zu acht Stunden live. Als eine Mischung aus Entertainer und Einpeitscher verbreitete er dabei Befreiungstheologie und Revolutionsrhetorik, pries die Errungenschaften seiner Regierung, gab Geschichtsunterricht oder keilte gegen das "Imperium" aus, als die er die USA zu bezeichnen pflegte. Chávez war ein genialer Unterhalter, ein Show-Mann, ein Marathonredner - Chávez war der Narziss von Caracas.
Der Mensch hinter der Dauerinszenierung war dagegen schwer zu erfassen. Sein früherer Professor an der Militärakademie in Caracas bezeichnete ihn einmal als seinen klügsten Studenten. Seine Kritiker im In- und Ausland hielten ihn entweder schlicht für krank oder für einen Egomanen und kalten Machtpolitiker, der ein klares politisches Programm verfolgt: Seine bolivarische Revolution nicht nur in Venezuela durchzusetzen, sondern sie nach ganz Lateinamerika zu tragen.
Sicher ist, dass sich Chávez berufen fühlte, das Werk des Befreiungshelden Simón Bolívar zu beenden, der von 1813 an erst die Spanier besiegte und dann die heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Bolivien, Peru und Ecuador von der Kolonialherrschaft befreite. In Chávez' Lesart waren heute die Opposition im eigenen Land und die USA die modernen Kolonialherren, die es zu schlagen galt. Dabei verhielt er sich in seinem ideologisch untermauerten und unumschränkten Herrschaftsanspruch gerade so, als hätte Max Weber genau ihn vor Augen gehabt, als er seinen Aufsatz über die charismatische Herrschaft schrieb.
Der Schriftsteller Gabriel García Márquez wusste vor Jahren nach einem Gespräch mit Chávez nicht, ob er es mit einem Visionär zu tun hatte, der das Zeug hat, Lateinamerika zu retten, oder einem Träumer auf dem Weg zu einem gewöhnlichen lateinamerikanischen Despoten.
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