Zum Tod von Islam Karimow Der letzte Sowjet-Apparatschik

Islam Karimow verkörperte die Kontinuität eines autoritären Klan-Systems in der Ex-Sowjetrepublik Usbekistan. Nach einem Schlaganfall starb der Diktator im Alter von 78 Jahren.

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Er war der Spitzenkandidat einer "Liberal-Demokratischen Partei", doch er war weder liberal noch Demokrat. Islam Karimow, Präsident der zentralasiatischen Republik Usbekistan stand für ein feudalistisches Regime, das sich einen modernen Anstrich gab. Am Freitag gab die usbekische Regierung den Tod des 78-Jährigen bekannt.

Geboren 1938 in Samarkand war dem Jungen aus dem Waisenhaus eine steile Karriere gelungen. Vom Ingenieur in einer Fabrik wurde er mit 28 Jahren Mitarbeiter der usbekischen Planbehörde, wo er zum Gehilfen des Behördenchefs aufstieg. Nach einem Volkswirtschaftsstudium in der usbekischen Landeshauptstadt Taschkent wurde er 1983 zum Finanzminister der usbekischen Sowjetrepublik befördert. Drei Jahre später, machte ihn KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow zum Vorsitzenden des Ministerrats der Usbekischen Sowjetrepublik. 1989 erhielt er das Amt des usbekischen KP-Chefs. Förderlich für seinen Aufstieg war auch die Ehe mit einer Russin.

Je weiter es mit der Sowjetunion bergab ging, desto höher stieg Karimow. Im Jahre 1991 war er Mitglied des Politbüros der KPdSU. In jenem Jahr bewies er demonstrativ seine Flexibilität. Der erfahrene Apparatschik sorgte im März 1991 in Usbekistan bei einem Referendum für das gewünschte Ergebnis von 93,7 Prozent für den Verbleib der Republik in der Sowjetunion. Acht Monate später, die Sowjetunion zerfiel gerade, sorgte er bei einem Plebiszit für ein Resultat von 98 Prozent, diesmal für die Unabhängigkeit Usbekistans.

Als erster und bislang einziger Präsident Usbekistans arrangierte er mit ähnlich eindrucksvollen Wahlergebnissen mehrmals seine Wiederwahl. Mal freute er sich im Jahr 2000 über 91,9 Prozent der Stimmen, mal ließ er sich 2015 mit dem bescheideneren Ergebnis von 90,4 Prozent im Amt bestätigen. Als Gegenkandidaten gaben sich ein pflegeleichter "Demokrat" und ein harmloser "Volksdemokrat" mit drei Prozent und 2,9 Prozent geschlagen.

Menschenrechtler warfen dem Regime systematische Folter vor

Für diejenigen seiner Bürger, die öffentlich bezweifelten, dass es dabei mit rechten Dingen zuging, hielt er sich den Nationalen Sicherheitsdienst (SNB) unter Leitung des 72-jährigen Generaloberst Rustam Inojatow. Der gilt als Kopf des mächtigen "Taschkenter Klans" und einer der starken Männer Usbekistans.

Menschenrechtsorganisationen werfen dem usbekischen Regime systematische Folterpraktiken vor. Gerechtfertigt hat Karimow seinen repressiven Kurs mit der Notwendigkeit, militante Islamisten zu bekämpfen, etwa die verbotene Islamische Bewegung Usbekistans. Karimow gab sich als Beschützer des weltlichen Staates. Der aber erwies sich durch ausufernde Korruption auch als ein Staat der Halbwelt. Als Menetekel steht der usbekischen Elite das Schicksal des Nachbarlands Afghanistan vor Augen, das seit Jahrzehnten von Bürgerkriegen erschüttert wird.

Dort war SNB-Chef Inojatow von 1976 bis 1981 für die KGB-Auslandsaufklärung im Einsatz. Dass Usbekistan kein zweites Afghanistan werden dürfe, war Leitlinie des Karimow-Regimes. Und ein wesentliches Mittel, Teile der Gesellschaft an sich zu binden.

So rechtfertigte die Staatsmacht auch die blutige Unterdrückung von Protesten im Mai 2005 in der Stadt Andischan. Bei der Niederschlagung der Revolte kamen nach offiziellen Angaben 187 Menschen um. Außenpolitisch taktierte Karimow zwischen Moskau und dem Westen. Zeitweise war sein Land Mitglied in dem von Russland geführten Militärbündnis für kollektive Sicherheit.

Karimow stoppte den Aufstieg seiner Tochter

Doch Karimow verstand es auch, sich dem Westen nützlich zu machen. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York stellte er den USA und der Bundeswehr Stützpunkte für die Versorgung der Truppen im Afghanistankrieg zur Verfügung.

Sein Machtinstinkt führte ihn dazu, die politischen Ambitionen seiner ältesten Tochter Gulnara zu stoppen. Die war mit dem Segen des Papas zur Botschafterin bei den Vereinten Nationen und zeitweise zur Vizeaußenministerin avanciert. Das väterliche Wohlwollen verscherzte sich die verwöhnte Tochter, je mehr sie sich auch im Umfeld des Kreml als potenzielle Nachfolgerin ihres Vaters ins Gespräch brachte.

So wurde sie aus dem diplomatischen Dienst entlassen und schließlich unter Hausarrest ein Fall für die Staatssicherheit. Deren Chefs neigen wie die meisten usbekischen Männer zu ausgeprägter Skepsis gegenüber Frauen in der Politik.

In usbekischen Teestuben ist man generell der Ansicht, dass Männer die Geschichte machen. Daher gilt dort wie auch bei Moskauer Usbekistan-Experten der bisherige Premierminister und Karimow-Vertraute Schawkat Mirsijew als der wahrscheinliche Nachfolger. So wird das Schicksal des 30 Millionen Einwohner zählenden Landes nach dem Ende der Ära Karimow aller Wahrscheinlichkeit nach wieder von einem paternalistischen Staatschef bestimmt werden.



insgesamt 28 Beiträge
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Marvel Master 02.09.2016
1. Urlaub versaut
Nur weil der Typ gestorben ist, ist hier die ganze Stadt hermetisch abgeriegelt und nichts geht mehr. Nur weil eine Person tot ist. Bin echt gerade angenervt. Würde die Merkel sterben, könnte ich mir weiterhin das Brandenburger Tor anschauen. Ich mag einfach keine Diktatoren. Mfg
zweitakterle 02.09.2016
2. das kommt davon....
.....und mir ist auch schon ganz schlecht!
Rohrspatz 02.09.2016
3. ob das schon...
ob da schon jemand mit den Hufen scharrt? Ist ja wunderbar strategisch günstig gelegen.
NauMax 02.09.2016
4.
Zitat von Marvel MasterNur weil der Typ gestorben ist, ist hier die ganze Stadt hermetisch abgeriegelt und nichts geht mehr. Nur weil eine Person tot ist. Bin echt gerade angenervt. Würde die Merkel sterben, könnte ich mir weiterhin das Brandenburger Tor anschauen. Ich mag einfach keine Diktatoren. Mfg
Tja, Führerkult eben... Ich hätte das aber nicht geschrieben, während ich mich noch im besagten Land aufhielte ;-)
antarctic47 02.09.2016
5. Hochnäsig
Typisch SPON, großkotzig und hochnäsig. Der relevante Vergleich ist nicht der mit den idealen Verhältnissen in Hamburg Blankenese sondern der mit dem Bürgerkriegsland Afghanistan - mit der zehnfachen Opferzahl und der Unfreiheit von Krieg und Terror. Daran gemessen hat Karimov in schwierigen Zeiten Grosses geleistet. Ich war mehrere Wochen in Usbekistan und mir wurde in vielen Gesprächen deutlich, dass die Menschen dort für zwei Dinge Kerzen anzünden: dass Karimov noch möglichst lange lebt und dass die Amis noch möglichst lange in Afghanistan bleiben. Wir wissen, was danach kommt. Auch SPON wird eine Ahnung davon haben. Nicht Hamburg Blankenese.
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