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Zum Tode Arafats: Der Terrorist mit dem Nobelpreis

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Jassir Arafat ist heute Morgen um 3.30 Uhr in Paris gestorben. Freiheitskämpfer, Chef-Terrorist, weitsichtiger Nobelpreisträger oder taktierender Starrkopf? Arafat hatte viele Gesichter. Sein Lebenslauf spiegelt das Schicksal des palästinensischen Volkes wider - seit Jahrzehnten zerrissen zwischen Krieg und Hoffnung.



Jassir Arafat
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Jassir Arafat

Er war der wohl umstrittenste politische Führer der jüngeren Zeitgeschichte. Gefährlicher Terrorist für die einen, mutiger Freiheitskämpfer für die anderen. In ein und derselben Person sahen Kritiker den starrköpfigen Machtmenschen, der, unfähig zum Kompromiss, in entscheidenden Situationen stets versagte, und entdeckten Bewunderer den genialen Taktiker, der dem Ruf seines Volkes nach Freiheit wie kein anderer eine weltweit vernehmbare Stimme geben konnte. Zwei Dutzend Biografen und Hunderte politischer Kommentatoren haben versucht, ein stimmiges Bild dieser Person zu zeichnen, und mussten doch immer wieder eingestehen, dass dieser Mann in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und dem Facettenreichtum seiner Persönlichkeit nicht zu fassen war. Das Image eines Chamäleons haftete Jassir Arafat bis zu seinem Tod an und wurde von ihm auch ganz bewusst gepflegt.

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Fotostrecke: Die vielen Gesichter des Jassir Arafat

Für andere unberechenbar zu sein, das begriff Arafat als Stärke, die er in überraschenden Entscheidungen und häufigen Richtungswechseln ausspielen konnte. Eben diese Uneindeutigkeit im Handeln wie in der Wahrnehmung verleitete ihn umgekehrt aber immer wieder zu krassen Fehleinschätzungen. Sein politischer Stil scheint eher von kurzfristiger Taktik als von langfristiger Strategie bestimmt gewesen zu sein. Ein Ziel verlor er jedoch bei allem Taktieren nie aus den Augen: den Traum von der Befreiung Palästinas, der sich später zur Vision eines unabhängigen Staates in einem Teil des historischen Palästinas wandelte.

Arafat, dessen Geburtsname Mohammed Abd al-Rauf Arafat al-Kudwa al-Husseini lauten soll, liebte es, sich mit der Aura des Geheimnisvollen zu umgeben. Lange wusste man in der westlichen Welt nicht viel mehr über sein Privatleben, als dass er - bis auf seine Schwäche für Honig - asketisch lebte und eine ausgeprägte Launenhaftigkeit an den Tag legen konnte. Zudem hatte Arafat keine Bedenken, seine eigene Biografie "aufzubessern", damit sie eher in das propagandistische Bild des palästinensischen Freiheitskämpfers mit festen Wurzeln im Volk passte.

Außerordentliches Führungstalent

Das fing schon bei seinem Geburtsort an. Er selbst bestand darauf, das sei Jerusalem gewesen. Wahrscheinlicher ist aber, dass er 1929 in Kairo als Sohn eines wohlhabenden Textilhändlers geboren wurde. Demzufolge wurde der Knabe erst im Alter von vier Jahren, nach dem Tod seiner Mutter, nach Jerusalem zu Verwandten geschickt. Deren Haus stand direkt an der Klagemauer in der Altstadt. Immer mehr jüdische Einwanderer kamen dort zum Gebet - Arafat wuchs an einer Kulturgrenze auf.

Schon als Jugendlicher beteiligte er sich am Widerstand gegen die damalige britische Mandatsmacht und militante zionistische Gruppen. Während des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948/49 kämpfte er in einer Einheit der Muslimbrüder im Gaza-Streifen. Im Verlauf des Krieges wurden zwei Drittel der im früheren Mandatsgebiet ansässigen 1,3 Millionen Palästinenser von der Armee des neuen Staates Israel vertrieben. Dieses Ereignis, das auch das Schicksal Arafats entscheidend prägte, nennen die Palästinenser bis heute schlicht an-Nakba, die Katastrophe.

Nach diesem einschneidenden Erlebnis kehrte Arafat für einige Jahre nach Kairo zurück, wo er mehr schlecht als recht Ingenieurwissenschaften studierte und schnell zum Vorsitzenden der Palästinensischen Studentenvereinigung avancierte. Schon damals fiel sein außerordentliches Führungstalent auf. Bilder aus jener Zeit zeigen einen smarten jungen Mann mit hellwachen Augen und sorgfältig pomadisiertem Haar. 1958 kehrte Arafat Ägypten den Rücken und ließ sich in Kuweit nieder, wo er eine erfolgreiche Baufirma betrieb und nach eigener Aussage fast zum Millionär geworden wäre.

Damals habe er den Wert des Geldes als Machtinstrument schätzen gelernt, sagte er einmal - eine weitere wichtige Erfahrung. Noch als De-facto-Gefangener der israelischen Armee in Ramallah in den Jahren 2002 bis 2004 bestand Arafat darauf, die Zahlungsanweisungen an Kämpfer der palästinensischen Fatah-Brigaden persönlich abzuzeichnen. Die von ihm 1959 in Kuweit gegründete Fatah-Organisation war denn auch bis zuletzt seine Hausmacht innerhalb der Palästinensischen Befreiungsbewegung PLO. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass spätestens während der Al-Aqsa-Intifada ab Herbst 2001 lokale Führer der Fatah im Westjordanland und im Gaza-Streifen zunehmend unabhängiger agierten und die Anweisungen ihres Chefs oftmals ignorierten.

"Er unterbrach jeden und brüllte"

Zwei Jahre nach dem Juni-Krieg von 1967, in dem Israel durch die Besetzung des Westjordanlands, des Gaza-Streifens, der Golanhöhen und zeitweise des Sinais sowie durch die Vertreibung weiterer 300.000 Palästinenser den Konflikt verschärfte, konnte sich Arafat dank unermüdlicher Arbeitsleistung und geschickter Taktik als Chef der PLO durchsetzen. "Er hatte die seltene Gabe, Leute dazu zu überreden, sich für seine Sache einzusetzen", schreibt sein Biograf Said Abu Rish. "Er unterbrach jeden, er brüllte, wenn er glaubte, jemand hätte gegen seine Vorrechte verstoßen", erinnerte sich dagegen Arafats Berater und Freund Nabil Shaath an eine typische PLO-Sitzung.

Während Arafats Position nach innen bald gesichert war, musste er im Kampf gegen äußere Gegner in der Folgezeit zwei schwere Niederlagen einstecken. Als "seine" PLO ab dem Jahr 1970 versuchte, die Macht in Jordanien zu übernehmen, ließ König Hussein die palästinensischen Fedajin-Kämpfer zusammenschießen. Für Arafat bedeutete diese Erfahrung, dass er sich fortan voll und ganz auf seinen Hauptfeind konzentrierte: den Staat Israel. Mit seinen Gefolgsleuten floh er in den Libanon und organisierte von dort aus Terrorakte gegen den verhassten Gegner. Elf israelische Sportler wurden während der Olympischen Spiele 1972 in München von einem palästinensischen Terrorkommando ermordet. "Bis Anfang 1973 gab Arafat grünes Licht für größere Terroroperationen, aber die Details arbeiteten andere aus", wird ein enger Berater des PLO-Chefs zitiert.

Diese Einschätzung dürfte ziemlich genau die Machtstruktur nicht nur innerhalb der PLO, sondern auch später in der Palästinensischen Autonomiebehörde verdeutlichen: Arafat fällte die Grundsatzentscheidungen, hatte aber nur wenig, oft auch keinen Einfluss auf deren konkrete Umsetzung. Vor diesem Hintergrund scheint der Gegensatz zwischen hehrem Anspruch und enttäuschender Realität der palästinensischen Selbstverwaltung, denkt man etwa an die viel zitierte Korruption, verständlich.

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