Zum Tode Kim Jong Ils Der Betonkopf mit der Bombe

Er ließ sein Volk verhungern und schwelgte selbst im Luxus, die Weltgemeinschaft provozierte er mit Atombombentests und militärischen Muskelspielen. Nun ist Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il gestorben. Um sein Leben rankten sich stets Legenden.

REUTERS/ KCNA

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Hamburg - "Geliebter Führer", das war sein Titel seit 1995, und an diesem Montag demonstrierten viele Nordkoreaner, wie weit ihre Gefühle für Kim Jong Il zu reichen scheinen: Eine Nachrichtensprecherin brach im Fernsehen in Tränen aus, als sie den Tod des langjährigen Machthabers meldete, in Bildsequenzen der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA sind Hunderte Menschen auf einem Platz zu sehen, vereint in kollektivem Wehklagen.

Wie von Weinkrämpfen geschüttelt stehen die Männer und Frauen dort, manche knien auf dem Boden und schlagen mit ihren Händen verzweifelt auf die Steinplatten, kräftige Soldaten in Uniformen sehen plötzlich aus wie gebrochene Männer.

Ein Beweis wirklicher Trauer? Oder eher ein Beleg dafür, dass die Propagandamaschinerie des kommunistischen Landes selbst in Momenten einer schweren politischen Krise verlässlich funktioniert? Wer aus westlicher Sicht dieses Trauerspiel beobachtet, mag kaum glauben, dass sich die Menschen einem Despoten wie Kim Jong Il innig verbunden fühlen.

Schon beim Geburtsdatum wurde getrickst

Doch Legendenbildung ist eine der Stärken von Nordkoreas politischer Führung, bei Kim Jong Il beginnt sie schon bei dessen Geburtsort: Nach offiziellen Angaben Pjöngjangs kam Kim am 16. Februar 1942 in einem antijapanischen Widerstandslager am Paektu zur Welt, einem heiligen Berg der Koreaner. Westlichen Quellen zufolge wurde Kim allerdings im sowjetisch-sibirischen Chabarowsk geboren.

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Nordkoreas Kim Jong Il: Der Tod des "Geliebten Führers"
Auch beim Datum wurde offenbar ein bisschen getrickst: Pjöngjang zufolge starb Kim im Alter von 69 Jahren. Er war aber wohl 70, seinem Vater Kim Il Sung gefiel es besser, den Sohn ein Jahr jünger zu machen. So lagen zwischen seinem und dem Geburtstag des Sohnes exakt 30 Jahre, die Spanne einer Generation.

1994 kam Kim Jong Il an die Macht, auch sein Vater war einem tödlichen Herzinfarkt erlegen. Kim regierte sein Land mit harter Hand. Rund 200.000 politische Häftlinge sollen in Arbeitslagern gefangen sein. Den Westen und das benachbarte Südkorea provozierte Kim immer wieder mit Drohungen und der Forcierung eines Atom- und Raketenprogramms. Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag zwischen Pjöngjang und Seoul, obwohl der Korea-Krieg bereits am 27. Juli 1953 endete.

2006 und 2009 schockierte das Land die Weltgemeinschaft mit zwei Atomtests. Im vergangenen Jahr versenkte Pjöngjangs Militär ein südkoreanisches Kriegsschiff und nahm eine südkoreanische Insel unter Beschuss.

US-Präsident Bush nannte ihn "einen gefährlichen Mann"

Der damalige US-Präsident George W. Bush beschrieb Kim 2005 als einen Tyrannen: Er sei ein "gefährlicher Mann", der sein Volk hungern lasse und Gegner in "große Konzentrationslager" stecke. Im vergangenen Jahr verschärfte Washington seine Sanktionen gegen das Land.

Militärische Macht zu symbolisieren, war Kim wichtig: Rund 1,5 Millionen Soldaten hat Nordkorea zur Verfügung, die Armee gehört damit zahlenmäßig zu den stärksten der Welt. Kim, 1991 zum Obersten Kommandeur der Koreanischen Volksarmee ernannt, zeigte sich selbst gern in Uniform.

Der Mann, dem eine Vorliebe für französischen Cognac und westliche Filmkunst nachgesagt wurde - er soll eine Sammlung von 20.000 Hollywood-Filmen besessen haben -, wird auch für mehrere Anschläge verantwortlich gemacht, die er zu Lebzeiten seines Vaters begangen haben soll. So soll er das Bombenattentat auf Südkoreaner im burmesischen Rangun geplant haben, damals kamen 17 südkoreanische Regierungsmitglieder ums Leben.

Reformen lehnte Kim rigoros ab

Kim leistete sich Luxus, sein Volk aber lebt in Armut. Hunderttausende Nordkoreaner sollen während seiner Herrschaft gestorben sein, weil sie nicht genug zu essen hatten. Anfang dieses Jahres hatte Pjöngjang seine Botschaften angewiesen, in Geberländern um Nahrungsmittelhilfe zu bitten. Wirtschaftliche Reformen lehnte Kim dagegen rigoros ab.

Im August 2008 erlitt Kim übereinstimmenden Berichten zufolge einen Schlaganfall. Offizielle Angaben dazu gab es nie. Der Gesundheitszustand Kims wurde wie ein Staatsgeheimnis gehandelt. Dennoch drangen immer mehr Gerüchte nach außen, wonach die Gesundheit des "geliebten Führers" zunehmend beeinträchtigt war. Von Bluthochdruck und Diabetes war die Rede. Auch Nierenprobleme sollen den exzentrischen Machthaber geplagt haben. Im vergangenen Jahr rückte er seinen Sohn in die erste Reihe der Partei und übertrug ihm wichtige Funktionen. Er habe nun sein Erbe geregelt, hieß es da.

Offiziellen Angaben zufolge starb Kim bereits am Samstag an einem Herzinfarkt.

Die Bundesregierung rief Pjöngjang am Montag dazu auf, das Land zu friedlichen Reformen zu führen. "Es gibt die klare Erwartung an Nordkorea, dass sich die Dinge ändern müssen", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin.

Aus Nordkorea drang neben dem Wehklagen über den Tod des Machthabers aber vorerst nur ein weiteres Signal militärischer Stärke: Südkoreanischen Angaben zufolge wurde eine Kurzstreckenrakete zu Testzwecken abgeschossen.

Mit Material von Reuters, dpa und AFP

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
RaMaDa 19.12.2011
1. Die Welt schaute zu...
Zitat von sysopEr ließ sein*Volk verhungern und*schwelgte selbst im Luxus, die Weltgemeinschaft provozierte er*mit Atombomben-Tests und militärischen Muskelspielen.*Nun ist Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il*gestorben. Um*sein Leben rankten sich stets Legenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804651,00.html
--------------------------------------------------------------------- Er hat die Weltgemeinschaft vorgeführt und sie hat tatenlos zugesehen, wie dieser Verbrecher tausende Menschen umgebracht hat - wer hat die größere Schuld?
wiwi 19.12.2011
2. Die Trauer auf den Bildern ist echt
Zitat von sysopEr ließ sein*Volk verhungern und*schwelgte selbst im Luxus, die Weltgemeinschaft provozierte er*mit Atombomben-Tests und militärischen Muskelspielen.*Nun ist Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il*gestorben. Um*sein Leben rankten sich stets Legenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804651,00.html
Die Abgebildeten zeigen echte Trauer. In einem totalitären System gibt es genug Menschen, die ihrem Diktator ergeben sind. Die Menschen, die nicht trauern, werden auch nicht abgebildet und veröffentlicht. Das Volk hat zu trauern! Ohne Ausnahme. Basta.
ncpw 19.12.2011
3.
Zitat von RaMaDa--------------------------------------------------------------------- Er hat die Weltgemeinschaft vorgeführt und sie hat tatenlos zugesehen, wie dieser Verbrecher tausende Menschen umgebracht hat - wer hat die größere Schuld?
Tatenlos zugeschaut? Solange China sein schützende Hand über Nordkorea hält, und das Land dadurch am Leben hält, wird es keine Veränderung geben. Und angesichts der sich ändernden Machtverhältnisse sowohl militärisch als auch wirtschaftlich wird es keiner wagen, sich mit China anzulegen. Aber Sie können ja gerne Ratschläge geben, was man hätte besser machen können?! 12 beiträge am heutigen Tag können nicht irren :-) 1. militärische Intervention - wie gesagt, China hält seine schützende Hand über Nordkorea. Niemand wagt es zur Zeit, sich auch nur annähernd mit China anzulegen. 2. Gespräche suchen: dann gibt es genug Stimmen, die sagen, man würde sich an den Diktator anbiedern oder durch politische Anerkennung stärken. Die "Sonnenscheinpolitik" hat meiner Meinung nach nur das System weiter am Leben gehalten, und dafür gesorgt, das schon vor Obama und Gore der Friedensnobelpreis nicht mehr ernst zu nehmen ist. 3. Wirtschaftssanktionen: wie will man ein Land sanktionieren, das fast ausschließlich mit China handel treibt, wenn China sie nicht durchführt?
LuiW 19.12.2011
4. was fehlt
Zitat von sysopEr ließ sein*Volk verhungern und*schwelgte selbst im Luxus, die Weltgemeinschaft provozierte er*mit Atombomben-Tests und militärischen Muskelspielen.*Nun ist Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il*gestorben. Um*sein Leben rankten sich stets Legenden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804651,00.html
Es fehlt noch der Hinweis, dass Kim Jong Il in Deutschland erstaunlich viele Anhänger hat – in den Foren von Spiegel, aber auch Focus und Welt ist bereits zu lesen, dass sich die Verhältnisse in Deutschland dank Hartz IV und Mangel an wirklicher Demokratie (Stuttgart 21!) nicht wesentlich von denen in Nordkorea unterscheiden, dass aber die Demokratische Volksrepublik Korea den Vorzug habe, dass es dort keinen ausbeuterischen Kapitalismus, kein Konsumdenken und keinen verhängnisvollen Einfluss des bösen Satans Amerika gebe.
Stelzi 19.12.2011
5. Äh. Nicht ganz...
Zitat von ncpwTatenlos zugeschaut? Solange China sein schützende Hand über Nordkorea hält, und das Land dadurch am Leben hält, wird es keine Veränderung geben. Und angesichts der sich ändernden Machtverhältnisse sowohl militärisch als auch wirtschaftlich wird es keiner wagen, sich mit China anzulegen. Aber Sie können ja gerne Ratschläge geben, was man hätte besser machen können?! 12 beiträge am heutigen Tag können nicht irren :-) 1. militärische Intervention - wie gesagt, China hält seine schützende Hand über Nordkorea. Niemand wagt es zur Zeit, sich auch nur annähernd mit China anzulegen. 2. Gespräche suchen: dann gibt es genug Stimmen, die sagen, man würde sich an den Diktator anbiedern oder durch politische Anerkennung stärken. Die "Sonnenscheinpolitik" hat meiner Meinung nach nur das System weiter am Leben gehalten, und dafür gesorgt, das schon vor Obama und Gore der Friedensnobelpreis nicht mehr ernst zu nehmen ist. 3. Wirtschaftssanktionen: wie will man ein Land sanktionieren, das fast ausschließlich mit China handel treibt, wenn China sie nicht durchführt?
Du überschätzt Chinas militärische Stärke (und nur darum geht es) masslos. China ist noch weit davon entfernt, abgesehen durch seine Kernwaffen, eine Supermacht zu sein. Der wahre Grund, warum man Nord Korea noch nicht umgepflügt hat ist profaner: es ist den Ärger nicht wert. Es ist ein Ärgernis, welches ständig (und zuletzt vergeblich) versucht seine Waffen in alle Welt zu exportieren, aber deshalb muss man sich nicht einen weiteren, kostspieliegen konventionellen Krieg (den man zweifelsfrei gewinnen würde) aufhalsen - zumal das dann schon Konsequenzen mit den Chinesen und Russen haben wird, aber bestimmt keinen Krieg. Nk bedroht zwar Süd Korea und zumindest rethorisch die Japaner. Aber selbst das verrückteste Regime weiss, einen Gegenschlag wird es nicht überstehen und China wird die schützende Hand blitzschnell zurückziehen, sollte NK einen Angriffskrieg anzetteln. Im Prinzip war und ist die Lage recht stabil. Nur im Moment stehen ein paar Fragezeichen im Raum.
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