Zum Tode Richard Holbrookes Abschied vom Bulldozer

Washington trauert um Richard Holbrooke. Er war nicht nur Obamas Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan, er war eine Naturgewalt der US-Diplomatie - mit all ihren Stärken und Schwächen. Gerade sein letzter Einsatz zeigte ihm die Grenzen von Amerikas Macht.

Von , Washington


Wer Richard Holbrooke verstehen will, den gerade verstorbenen Sonderbeauftragten von US-Präsident Barack Obama für Afghanistan und Pakistan, kann seine vielen Posten aufzählen, seine Ehrungen, seine Titel als Abteilungsleiter, als Botschafter, als "Giganten der US-Außenpolitik", wie ihn Obama nach seinem Tod am Montagabend in Washington würdigte.

Oder er kann die Geschichte von Dick und Richard erzählen.

Dick, das war der Spitzname von Holbrooke, 69. Das Wort ist in Amerika eine gängige Abkürzung für den Vornamen Richard, aber es ist auch ein Schimpfwort, ein obszönes gar. Ein "dick" ist, vornehm übersetzt, ein unangenehmer Mensch. Und als Obama Holbrooke zum Sonderbeauftragten machte, bat dieser, er möge ihn bei der Vorstellung doch bitte Richard nennen, nicht Dick, seiner Frau widerstrebe der Spitzname so.

Obama, der Eitelkeit unter seinen Mitarbeitern hasst, kam der Bitte nach, doch erzählte später auch herum, wie seltsam er das Anliegen fand. Enthüllungsjournalist Bob Woodward beschreibt die Episode in seinem jüngsten Buch. Es war ein Anzeichen, wie schwierig das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und seinem Beauftragten für die vielleicht schwierigste Weltregion von Anfang an war, allen jetzigen Elogen zum Trotz.

Die Geschichte von Richard und Dick, das ist auch die Lebensgeschichte vom Sonderbeauftragten Holbrooke. Er wollte immer ein Richard sein, ein Staatsmann, er trat dabei jedoch oft auf wie ein Dick, und das stand ihm bis zum Ende im Wege. Es machte ihn aber auch so unverwechselbar.

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Richard Holbrooke: Der laute Amerikaner
Richard Charles Albert Holbrooke, so der volle Name, war ein Urgestein der US-Diplomatie, manchmal wirkte er wie aus der Zeit gefallen. Er war noch Symbol einer Epoche, in der die USA unerschütterlich an ihre Vorrangstellung glaubten und der chinesische Drache noch fest schlief. Die stolzen Mitglieder des Foreign Service, des amerikanischen Außendienstes, wollten vor allem die Welt regieren. Selbstzweifel standen auf keinem Diplomatie-Lehrplan.

Und niemand wollte das vielleicht mehr als Holbrooke, der 1962 in den diplomatischen Dienst eintrat, und rasch darauf in Vietnam wirbelte. Washington ist voll mit älteren Männern, die sich noch daran erinnern, wie das damals war mit Dick, in den Bars von Saigon. Immer hat jemand eine noch absurdere Anekdote parat, wie Holbrooke als blutjunger Gesandter einen ehrwürdigen Senator belehrte; wie er ein Memo direkt an Präsident Lyndon B. Johnson verfasste, dass der Krieg fehlschlage; wie er Mentoren und Empfehlungsschreiben sammelte wie andere Diplomaten Reisestempel. "Bulldozer" war bald sein Spitzname.

Wenn Graham Greene ein Vorbild für Alden Pyle gebraucht hätte - den jungen CIA-Agenten in seinem Roman "Der stille Amerikaner", der mit den besten Absichten die schlimmsten Folgen anrichtet - er hätte sich auch einiges bei Holbrooke abschauen können.

Freilich war der, anders als Greenes Romanheld, nicht blind für die Grenzen amerikanischer Macht. Er gehörte zu den Mitautoren der "Pentagon Papers", jenes Geheimberichts zur Frage, wie die USA sich überhaupt so im Dschungelkampf verstricken konnten. Die Publikation des Reports in der "New York Times" trug zum Ende des Krieges bei.

Holbrooke schrie Diktator Milosevic an

Was auch Holbrooke nie ablegte, schon gar nicht später als jüngster Abteilungsleiter aller Zeiten im US-Außenministerium, war dieses uramerikanische Selbstbewusstsein, das den Vietnamkrieg wohl erst ermöglicht hat - und einige außenpolitische Desaster seither.

Manchmal half ihm das, etwa bei den Verhandlungen zum Dayton-Friedensabkommen, als er 1995 die zögerlichen Europäer dabei unterstützte, endlich den grausamen Balkankonflikt in ihrem Hinterhof zu beenden. Nie war Dick wirkungsvoller als damals: Holbrooke schrie Serbiens Diktator Slobodan Milosevic an, er schüchterte alle Kriegsparteien so lange ein, bis sie lieber Frieden schlossen, als ihn weiter ertragen zu müssen.

Manche sagen, der US-Diplomat hätte dafür den Friedensnobelpreis verdient, zumindest aber den Posten als Außenminister. Doch Präsident Bill Clinton wollte nach seiner Wiederwahl eine Frau in diesem Amt, so erhielt Madeleine Albright den Vorrang, Holbrooke wurde später Uno-Botschafter.

Große Taten, mächtiges Ego

Natürlich hatte ihm beim Rennen um den Top-Posten auch geschadet, dass Dick nach dem Dayton-Triumph sein Ego mehr denn je spazieren trug. Holbrooke trat gerade bei Konferenzen in Europa wie ein strenger Prediger auf, seine Einlassungen erfolgten in Monologform, sein Lächeln war meist eher spöttisch als warm.

Er stieß wichtige Verständigungsprojekte an, wie zu seiner Zeit als US-Botschafter in Deutschland die American Academy am Wannsee. Doch er ließ nie einen Zweifel daran, wer Weltmacht war und wer bloß Mittelmacht.

Dieser Wesenszug schadete ihm auch bei seinem letzten Posten als Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan. Holbrooke hatte um den gebuhlt, obwohl er kein Obama-Vertrauter war, obwohl er weiter als Investmentbanker Millionen hätte verdienen können. Er, der nach dem Studium gerne Journalist geworden wäre, aber von der "New York Times" abgelehnt wurde, blieb dem Wesen nach ein guter Reporter: Er wollte immer da sein, wo die Story war.

"Er hat mehr Flugzeuge als ich Telefone"

Er tat das, obwohl seine Ressourcen als Beauftragter begrenzt waren. Außenministerin Hillary Clinton versuchte, ihm die Aufgabe als politisches Gegenstück zu General David Petraeus schmackhaft zu machen, dem militärischen Oberbefehlshaber in Afghanistan. "Ich lachte nur", sagte Holbrooke dem Magazin "New Yorker", "er hat mehr Flugzeuge als ich Telefone."

Der erfahrene Diplomat wusste, dass er höchstens Nuancen verschieben konnte, etwa den Begriff "AfPak" populär zu machen - als Zeichen, dass es im Kampf gegen den Terror auch um Pakistan ging, nicht nur um Afghanistan.

Fünfzig Milliarden Dollar, glaubte Holbrooke, seien für effektive Reformen in Pakistan nötig. Doch er bekam nur eine Handvoll, über wichtige Konfliktfelder wie die geheimen US-Drohnenattacken im Land durfte er offiziell gar nicht reden.

Doch Dick stand Richard auch im Wege, vor allem beim Umgang mit dem schwachen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Holbrooke verabscheute ihn, aber er konnte ihn nicht anschreien wie Milosevic, und bombardieren konnte er ihn auch nicht. Einen Kompromiss zu suchen, das lag ihm nicht.

Das Nicht-Verhältnis zu Karzai ließ ihn als Sonderbeauftragten immer wirkungsloser werden. Als die Amerikaner voriges Jahr ihre Strategie am Hindukusch monatelang überprüften, spielte Holbrooke nur eine Nebenrolle. Bewerber für seine Nachfolge drängeln sich nicht vor, der Job gilt als Himmelfahrtskommando.

Dass Holbrookes Halsschlagader riss, als er Hillary Clinton in deren Büro Bericht erstattete, das erinnert fast an einen Soldatentod im Feld. Aber vielleicht, so traurig das klingt, ist es auch das passende Symbol für Amerikas Einsatz in Afghanistan. Jede Menge Kampf, aber am Ende doch vergebens.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
wolf-wolf 14.12.2010
1. Na und.....
Zitat von sysopWashington trauert um Richard Holbrooke. Er war nicht nur Obamas Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan, er war eine Naturgewalt der US-Diplomatie - mit all ihren Stärken und Schwächen. Gerade sein letzter Einsatz zeigte ihm die Grenzen von Amerikas Macht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734545,00.html
[QUOTE=sysop;6792420]Washington trauert um Richard Holbrooke. Er war nicht nur Obamas Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan, er war eine Naturgewalt der US-Diplomatie - mit all ihren Stärken und Schwächen. Gerade sein letzter Einsatz zeigte ihm die Grenzen von Amerikas Macht. Das Thema ist schon 2 Stunden online und keiner hat was geschrieben??! , Na Ja wem interessiert das schon groß. Er hat nur versucht überall USA Interesse durchzusetzen und den Schlamassel wo die überall angerichtet haben irgendwie zu beenden und dazu noch nicht im Interesse der betroffenen sondern USA.
Klo, 14.12.2010
2. Seltsam
Zitat von sysopWashington trauert um Richard Holbrooke. Er war nicht nur Obamas Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan, er war eine Naturgewalt der US-Diplomatie - mit all ihren Stärken und Schwächen. Gerade sein letzter Einsatz zeigte ihm die Grenzen von Amerikas Macht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734545,00.html
Eine Frage nur: Wie kann jemandem einfach so die Halsschlagader reißen? Das würde ich gerne mal von einem Mediziner beantwortet haben. Müssen wir uns alle Sorgen machen?
coloniaexpress 14.12.2010
3. Halsschlagader
Zitat von KloEine Frage nur: Wie kann jemandem einfach so die Halsschlagader reißen? Das würde ich gerne mal von einem Mediziner beantwortet haben. Müssen wir uns alle Sorgen machen?
So ein Ding reißt nicht ab, sondern auf, platzt gewissermaßen. Das Gehirn wird dann nicht mehr mit Blut und demnach Sauerstoff versorgt und innerhalb von 10 Minuten ist man hin. Der Mann ist quasi im Kampf (mit einer Chefin) gefallen. Oder so.
dr.dr. 14.12.2010
4. Falsch zitiert
Zitat von KloEine Frage nur: Wie kann jemandem einfach so die Halsschlagader reißen? Das würde ich gerne mal von einem Mediziner beantwortet haben. Müssen wir uns alle Sorgen machen?
Nicht die Halsschlagader (Arteria carotis) ist gerissen, sondern die Hauptschlagader (Aorta). Es wurde nicht eindeutig erwähnt, um welchen Teil der Aorta es sich handelt, aber vermutlich war es ein Riss der Bauchaorta (häufigste Form). Sie sollten sich Sorgen machen, wenn Sie - "alt" (über 65J) sind - viel rauchen/ geraucht haben - einen hohen Cholesterinspiegel haben - unter Bluthochdruck leiden - eine koronare Herzkrankheit haben - Verwandte haben, die auch unter einem Aneurysma leiden Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Von Medizinern wird daher für Personen ab 65J (Holbrooke war 69J alt) ein Screening empfohlen. Hierbei handelt es sich um eine einfache, schmerzlose Ultraschalluntersuchung, mit der man die Aorta sehr leicht darstellen kann.
Klo, 14.12.2010
5. Aha
Zitat von dr.dr.Nicht die Halsschlagader (Arteria carotis) ist gerissen, sondern die Hauptschlagader (Aorta). Es wurde nicht eindeutig erwähnt, um welchen Teil der Aorta es sich handelt, aber vermutlich war es ein Riss der Bauchaorta (häufigste Form). Sie sollten sich Sorgen machen, wenn Sie - "alt" (über 65J) sind - viel rauchen/ geraucht haben - einen hohen Cholesterinspiegel haben - unter Bluthochdruck leiden - eine koronare Herzkrankheit haben - Verwandte haben, die auch unter einem Aneurysma leiden Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Von Medizinern wird daher für Personen ab 65J (Holbrooke war 69J alt) ein Screening empfohlen. Hierbei handelt es sich um eine einfache, schmerzlose Ultraschalluntersuchung, mit der man die Aorta sehr leicht darstellen kann.
Danke für die Information, Herr Doktor. Da bin ich aber frohn, dass ich nicht in der Risikogruppe bin. Trotzdem wundert mich, dass so eine Aorta einfach so reißen kann.
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