Zum Tode Thomas Klestils Wien trägt schwarz - und tuschelt

Ein in aller Öffentlichkeit zelebrierter Rosenkrieg, das Streben nach mehr Macht, die Inthronisierung einer Regierung von Haiders Gnaden und die Intimfeindschaft zum Bundeskanzler - das prägte die beiden Amtszeiten von Thomas Klestil. Österreich hat einen bemühten, aber nicht unumstrittenen Präsidenten verloren.

Von Dominik Baur


An seinen eigenen Ansprüchen gescheitert: Österreichs Präsident Klestil (März 2004)
DDP

An seinen eigenen Ansprüchen gescheitert: Österreichs Präsident Klestil (März 2004)

Hamburg - Was vielen im Gedächtnis bleiben wird, ist diese mit rotem Stoff bespannte Tür. Wenn sie geschlossen ist, bemerkt man dieses Schlupfloch in die präsidialen Herrschaftsräumen der Wiener Hofburg kaum, und doch wurde ausgerechnet diese Tür in den Januartagen des Jahres 2000 zur wohl berühmtesten in Österreich. Wochenlang schritten die Protagonisten einer weithin beachteten Koalitionsposse hindurch, allen voran Wolfgang Schüssel und Jörg Haider. Empfangen wurden sie von dem Bundespräsidenten Thomas Klestil, der in der Tragikomödie eine eher traurige Figur abgab.

Schließlich war es dann aber Klestil, der die von seiner und Schüssels konservativer ÖVP und Haiders rechtspopulistischer FPÖ gebildete Bundesregierung vereidigte - mit eiserner Miene. Zur Angelobung, wie es der Österreicher so schön nennt, konnten die künftigen Regierungsmitglieder jedoch nicht erhobenen Hauptes über den Ballhausplatz schreiten, um durch die bekannte Tür zu treten, sondern sie mussten sich durch einen unterirdischen Gang zwängen, während oben Österreicher in schwarzer Trauerkleidung gegen die neue Regierung demonstrierten.

Jetzt trägt Österreich wieder schwarz, diesmal vor allem das offizielle. Denn kurz vor Mitternacht starb der gesundheitlich schon seit längerem angeschlagene Klestil nach einem Multiorganversagen - kaum zwei Tage bevor er in aller Feierlichkeit sein Amt an seinen gewählten Nachfolger, den Sozialdemokraten Heinz Fischer, hätte übergeben sollen.

"Diskrepanz von Anspruch und Realität"

"Ganz Österreich trauert", sagen Fischer und Schüssel unisono, doch dürfte diese an solchen Tagen übliche und natürlich auch angemessene Floskel bei aller Pietät nicht der Übertreibung entbehren. Klestil war bestimmt nicht der volksnahe, beliebte Typ. Seine Präsidentschaft war durchaus umstritten. So hat der Versuch, Schwarz-Blau zu verhindern, nach Ansicht der Wiener "Presse" seinem Ansehen geschadet. "Er ist letztlich an der Diskrepanz von Anspruch und Realität zerschellt. Das - und nicht nur der beklemmende Zeitpunkt seines Todes - macht die Amtszeit einer anfangs so vielversprechenden Persönlichkeit zu einer tragischen", schreibt die konservative Zeitung.

Die berühmte Tür: Nach einem von vielen Gesprächen verlässt Kanzler Schüssel im Januar 2000 das Büro des Präsidenten
REUTERS

Die berühmte Tür: Nach einem von vielen Gesprächen verlässt Kanzler Schüssel im Januar 2000 das Büro des Präsidenten

Es war freilich weniger die politische Überzeugung, aus der heraus Klestil anfangs alles daran setzte, die Freiheitlichen von der Macht fernzuhalten. Der ehemalige Botschafter in Washington und bei der Uno mag sich um das Ansehen seines Landes in der Welt gesorgt haben. Aber bei aller Antipathie gegen die blaue Bagage störte ihn viel mehr, dass er es sein sollte, der dem Parteifreund und Intimfeind Schüssel letztlich die Tore zum Kanzleramt öffnete.

Aus Staatsräson, so stellte Klestil selbst es damals hin, entschied er sich schließlich dazu, sich einer Kanzlerschaft Schüssels von Haiders Gnaden nicht in den Weg zu stellen - trotz seiner Kompetenzen, die zahlreicher sind als die seines deutschen Kollegen. Seine Kritiker freilich sagten, er sei einfach nur feige gewesen.

Sein Versuch, das Ansehen der österreichischen Politik zu retten, indem er die Regierungspartner vor dem Koalitionspartner noch eine eigens von ihm verfasste Präambel unterzeichnen ließ, wirkte denn auch eher peinlich. In dem merkwürdigen Schriftstück trotzte er dem Mitte-Rechts-Kabinett das Bekenntnis ab, es "erstrebe eine Gesellschaft, die vom Geist des Humanismus und der Toleranz gegenüber den Angehörigen aller gesellschaftlichen Gruppen geprägt ist" und achte die Menschenrechte und Grundfreiheiten. Musste eine solche Gesellschaft in Österreich erst "erstrebt" werden? Und wenn Klestil tatsächlich nicht von der Rechtsstaatlichkeit der künftigen Regierung überzeugt war, wieso verhinderte er sie dann nicht?

Zunehmende Sympathie für die FPÖ

Da es Klestil jedoch gar nicht so sehr um die rechtspopulistischen Äußerungen von Haider & Co., sondern vielmehr um den neuen Kanzler Schüssel ging, ist es kein Wunder, dass es die Freiheitlichen schafften, während der ersten zwei Jahre an der Regierung, den Präsidenten zumindest teilweise für sich einzunehmen. Dazu kommt, dass Klestil 1992 nicht zuletzt mit den Stimmen der FPÖ-Wähler ins Amt kam und die Parteispitze bei seiner erneuten Kandidatur 1998 sogar eine Wahlempfehlung für ihn abgab.

Klestil mit FPÖ-Politiker Haider: Während der ersten Amtszeit der schwarz-blauen Regierung schwanden die Vorbehalte
REUTERS

Klestil mit FPÖ-Politiker Haider: Während der ersten Amtszeit der schwarz-blauen Regierung schwanden die Vorbehalte

Nachdem es einige Regierungsmitglieder wie Verteidigungsminister Herbert Scheibner nicht an Ehrerbietung gegenüber dem Staatsoberhaupt mangeln ließen, ernteten er und andere FPÖ-Minister das ausdrückliche Lob Klestils. Dem bereitete die Wiederauflage der schwarz-blauen Koalition Anfang letzten Jahres trotz aller Vorbehalte dann auch weit weniger Bauchschmerzen als noch drei Jahre zuvor.

Klestils eigentlicher Feind saß auf der anderen Seite des Ballhausplatzes, im Kanzleramt. So ließ er bei jener zweiten, etliche Wochen dauernden Regierungsbildung keine Gelegenheit aus, den Kanzler öffentlich dafür zu rügen, dass er noch immer keinen Koalitionspartner präsentiert habe, und düpierte die Regierung, indem er in aller Öffentlichkeit bekannte, er befürworte eine Große Koalition. Zudem hing ihm immer der Vorwurf an, er selbst sei es letzten Endes gewesen, der seinerzeit die Sanktionen der EU-Partner gegen die neue Regierung eingefädelt habe - auch wenn er dies heftig zurückwies.

"Dann wirst halt Straßenbahner"

Im Wiener Arbeiterbezirk Erdberg wurde Klestil am 4. November 1932 geboren. Seine Mutter schaffte es, den Buben trotz einer bescheidenen Witwenrente ans Gymnasium zu schicken. Die Anekdote will es, dass dort der Satz fiel, der für sein weiteres Leben entscheidend sein sollte: "Dann wirst halt auch Straßenbahner, da hast du hier in der Schule nichts verloren", soll der Lehrer gesagt haben, als er erfuhr, was Klestils Vater von Beruf gewesen war. Da stand für den jungen Arbeitersohn fest: Er will ganz nach oben.

Staatsoberhaupt beim Opernball: Klestil mit seiner zweiten Ehefrau Margot Löffler
DPA

Staatsoberhaupt beim Opernball: Klestil mit seiner zweiten Ehefrau Margot Löffler

Die weitere Vita ist folglich auch die eines Karrieristen. Trotz der Skepsis des Lehrers machte Klestil die Matura, danach studierte er Wirtschaftswissenschaften. 1957 heiratete er und begann seine Diplomatenlaufbahn: 1969 Generalkonsul in Los Angeles, 1978 Uno-Botschafter in New York, 1982 Botschafter in Washington, 1987 Generalsekretär im Außenministerium.

"Das Glück verließ den Diplomaten, als er Bundespräsident wurde", schrieb die "Presse" Ende 2002 wenig schmeichelhaft zu Klestils 70. Geburtstag. Und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hielt dem Geburtstagskind eine Umfrage vor, wonach knapp zwei Fünftel der Österreicher mit ihm unzufrieden seien, knapp die Hälfte ihn unsympathisch und unglaubwürdig fanden und mehr als die Hälfte ihm mangelnde Konsequenz und Durchsetzungsfähigkeit bescheinigten.

Zwar hatte Klestil 1992 den Kandidaten der SPÖ, den haushohen Favoriten Rudolf Streicher, im zweiten Wahlgang mit 56,9 Prozent klar aus dem Rennen geworfen, doch prägten Konflikte mit den jeweiligen Bundeskanzlern in den darauf folgenden zwölf Jahren seine Amtszeit.

Hang zum Pathos

"Macht braucht Kontrolle", war Klestils Wahlslogan gewesen, doch gerecht wurde er seinem Anspruch kaum. Gerne hätte er in Österreich die Rolle eines Jacques Chiracs gespielt. Doch die Bemühungen, sich die Kompetenzen in der Außenpolitik zurückzuerobern, die dem Amt unter dem wegen seiner Nazi-Vergangenheit international geächteten Vorgänger Kurt Waldheim verloren gegangen waren, schlugen fehl. Schon der sozialdemokratische Kanzler Franz Vranitzky wies Klestil schnell in seine Schranken.

Vergeblich versuchte der Präsident, auf die Tagespolitik Einfluss zu nehmen. Trotz über hundert Auslandsreisen und dem auffälligen Bemühen, eine besonders staatsmännische Aura auszustrahlen, die leider nicht selten ins Pathos abglitt, vermochte es Klestil nicht, zu einem gewichtigen Staatspräsidenten vom Format eines Chiracs aufzusteigen.

Auch im Privatleben misslang es Klestil, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. "Ewige Werte wie Ehe und Familie" beschwor er zu Beginn seiner ersten Amtszeit. Zwei Jahre später trennte er sich von seiner Frau und ehelichte die 20 Jahre jüngere Mitarbeiterin Margot Löffler, die pikanterweise unter Wolfgang Schüssel und danach Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) im Außenministerium arbeitete. Gern ließ die ÖVP später durchblicken, sie teile nicht nur Tisch und Bett, sondern auch Dienstgeheimnisse mit dem Präsidenten. Die Österreicher fanden dagegen den Rosenkrieg mit Ex-Gattin Edith besonders geschmacklos, den Klestil selbst Mitleid heischend in die Öffentlichkeit gezerrt hatte. "Von dem Schaden dieses privaten Konflikts hat sich der Mensch und hat sich der Politiker nie erholt", schrieb heute der "Kurier".

Heinz Fischer wird morgen das Amt des Präsidenten in aller Stille übernehmen. Sein erster wichtiger Termin als Staatsoberhaupt wird am Samstag das Staatsbegräbnis seines Vorgängers sein.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.