Verprügelte Journalistin in der Ukraine "Ich war sicher, sie wollten mich töten"

Ihre Nase ist gebrochen, das Auge kann sie kaum öffnen: Die ukrainische Journalistin Tatjana Tschornowil wurde nach einem kritischen Bericht zusammengeschlagen. Nun erhebt sie schwere Vorwürfe. Die Regimekritikerin vermutet Vergeltung.

Demonstranten in Kiew: Schläge ins Gesicht
DPA

Demonstranten in Kiew: Schläge ins Gesicht


Kiew - Der Angriff sei "nicht zufällig" gewesen, sagte die ukrainische Regierungsgegnerin und Journalistin Tatjana Tschornowil am Freitag dem oppositionellen Fernsehsender Kanal 5. Nach einem Bericht über die Luxusvillen der ukrainischen Staatselite war die 34 Jahre alte Frau vor drei Tagen zusammengeschlagen worden.

Auf den Fernsehbildern war Tschornowils gebrochene Nase zu erkennen sowie ihr lädiertes Auge, das sie noch immer nicht öffnen kann. Vertretungen der Europäischen Union und der USA in Kiew kritisierten den Überfall scharf. Tschornowil vermutet, die Täter hätten sie aus Rache überfallen.

Sie sei von einem "schwarzen Luxus-Geländewagen" verfolgt worden, nachdem sie tagsüber die Villen des Innenministers Witalij Sachartschenko und des Generalstaatsanwalts Viktor Pschonka fotografiert habe, sagte Tschornowil. Auf dem Heimweg zu ihrem Wohnort nahe Kiew habe der Jeep sie von der Straße gedrängt. "Wenn du von einem Luxus-Geländewagen gerammt wirst, weißt du, dass ein Preis auf dein Leben ausgesetzt wurde", sagte Tschornowil dem Fernsehsender.

"Sie schlugen mir immer wieder auf den Kopf"

Die Insassen des Geländewagens hätten ihr Autofenster eingeschlagen, sagte die Journalistin weiter. Sie habe noch versucht wegzulaufen, sei aber eingeholt und zusammengeschlagen worden. "Sie schlugen mir immer wieder auf den Kopf und ins Gesicht. Ich war sicher, sie wollten mich töten", sagte Tschornowil. Der Anschlag könne ihrer Meinung nach auch "Vergeltung" dafür sein, dass sie kürzlich während einer Oppositionsveranstaltung ein Überwachungsfahrzeug des Geheimdienstes beschädigt habe, sagte Schornowil.

Die bekannte Journalistin hat vielfach über eine von Präsident WiktorJanukowitsch "illegal privatisierte" Luxusresidenz vor den Toren Kiews berichtet. In dem Interview mit Kanal 5 sagte Tschornowil, sie habe kürzlich einen weiteren Wohnsitz des Staatschefs ausfindig gemacht. Tschornowil schreibt vor allem für die Oppositionswebsite "Ukrainska Prawda". Sie hatte sich an den proeuropäischen Demonstrationen in ihrem Land beteiligt und veröffentlichte mehrere sehr kritische Artikel über Janukowitsch und sein Umfeld.

Die pro-europäischen Demonstrationen in der Ukraine dauern bereits seit mehr als vier Wochen an. Die Opposition um Boxer Wladimir Klitschko fordert vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und die Freilassung aller politischen Häftlinge, darunter der Ex-Premierministerin Julija Timoschenko.

Die finanziell angeschlagene Ukraine hatte im November unerwartet angekündigt, ein seit Jahren vorbereitetes Assoziierungsabkommen und einen Freihandelsvertrag mit der EU doch nicht zu unterzeichnen. Diese Abkehr verkündete Präsident Wiktor Janukowitsch, nachdem die Regierung in Moskau offenbar massiven Druck ausgeübt hatte. Der Staatschef löste damit innenpolitische Proteste aus - und eine Diskussion der EU über ihr Verhältnis zu Russland. Es ist die größte Protestbewegung seit der Orangen Revolution vor neun Jahren.

kha/AFP

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personanongrata 28.12.2013
1. Das Schlimme ist, ...
Zitat von sysopDPAIhre Nase ist gebrochen, das Auge kann sie kaum öffnen: Die ukrainische Journalistin Tatjana Tschornowil wurde nach einem kritischen Bericht zusammengeschlagen. Nun erhebt sie schwere Vorwürfe. Die Regimekritikerin vermutet Vergeltung. Zusammengeschlagene ukrainische Journalistin vermutet Rache - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/zusammengeschlagene-ukrainische-journalistin-vermutet-rache-a-941044.html)
... man darf dazu nicht schweigen, aber es fällt einem irgendwann nichts mehr ein, was sich nicht schon schal im Mund anfühlt, weil es völlig normal geworden ist. All die ganze Menschenverachtung, Terror gegen Oppositionelle, Folter, Mord, Verschwindenlassen, ... die Dinge, die früher besonders bei lateinamerikanischen Diktaturen für Empörung sorgten, sind wieder zu einer Normalität in allen Staaten geworden, die sich im Einflussbereich Putins befinden. Angereichert mit Finessen wie Dioxin oder Polonium im Essen.
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